Maybrit Illner im Gespräch mit Prof. Karl Lauterbach
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Maybrit Illner im Gespräch mit Prof. Karl Lauterbach

Talk wagt kritischen Corona-Rückblick

„Leben ab Juli“: Lauterbach sieht bei „Illner“ Corona-Kipppunkt nahen - und rügt dramatische Prognosen

Eben noch eine große Diskussion über eine „Bundesnotbremse“, nun finden überall weitreichende Öffnungen und Lockerungen statt. Ist die Pandemie überwunden?

Berlin - Maybrit Illner wagt in ihrem ZDF-Talk einen kritischen Corona-Rückblick. War die Corona-Politik der letzten Wochen von übertriebener Angst gesteuert? Mit der provokanten Frage „gestern alles dicht machen und heute schon wieder alles aufmachen?“, moderiert Illner an. Statt der befürchteten hohen Inzidenzen gebe es inzwischen fast überall fallende Werte.

Illner erkundigt sich forsch bei der Runde, ob die Diskussion zur Bundesnotbremse „Panikmache“ gewesen sei - und den häufig als Mahner aufgetretenen Karl Lauterbach direkt, ob es eine Übertreibung gegeben habe. Der SPD-Gesundheitsexperte antwortet: „Nein, übertrieben habe ich nicht.“ Und er sagt klar, dass das wohl an anderer Stelle passiert ist: „Diese sehr hohen Zahlen habe ich nicht für realistisch gehalten.“

„maybrit illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Volker Bouffier (CDU) - Ministerpräsident Hessen
  • Prof. Karl Lauterbach (SPD) - MdB, Epidemiologe und Gesundheitsökonom
  • Prof. Alena Buyx - Vorsitzende des Deutschen Ethikrats
  • Katarina Witt - Unternehmerin, Eiskunstlauf-Olympiasiegerin 1984 und 1988
  • Caroline von Kretschmann - Geschäftsführerin Hotel „Europäischer Hof“ in Heidelberg

„Es brauchte also nicht die Bundesnotbreme, die dann ja auch erst vier Wochen später kam?“, hakt Illner noch mal beim Gesundheitsexperten nach. Lauterbach findet: „Doch!“ Und rechtfertigt sein Ja bei der Abstimmung im Bundestag damit, dass es mehrere Effekte gebraucht habe - darunter die Notbremse - um die Menschen zu mehr Vorsicht anzutreiben. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sieht es anders: „Das hätte man auch alles anders organisieren können!“

Medizinethikerin Alena Buyx ist da kritischer, wenn auch mit vorsichtigen Worten: „Was vielen gefehlt hat, war eine positive Vision“, findet sie. Angst zu haben sei in einer bedrohlichen Lage auch wichtig - aber es brauche auch ein Ziel, auf das hinzusteuern ist. Das habe man den Menschen nicht ausreichend vermittelt, sagt Buyx - und kritisiert damit die Regierung.

Bouffier gibt Buyx in Teilen Recht: „Die Menschen haben die Schnauze voll!“, brummt er. Aber: „Politik kann nicht zaubern! Sie können immer nur abwägen.“ Er räumt ein, das Motto der letzten Monate - „jetzt noch einen Monat und dann noch einen Monat“ - sei zermürbend für die Menschen gewesen. Teilweise hätten aber auch unvorhergesehene Umstände wie die britische Virusvariante die Regierung zum Handeln gezwungen.

Lauterbach wirft bei „maybrit illner“ seinen Wissenschafts-Kollegen Sterbefälle vor

Auf die Kritik am Kurs der Bundesregierung reagiert Lauterbach schnippisch und nimmt es persönlich: „Ich mag dieses Wissenschaftler-Bashing nicht!“ Er stellt nochmal klar: „Durch die erste Welle sind wir großartig durchgekommen. Da haben wir den Wissenschaftlern vertraut!“ Das sei bei Beginn der zweiten Welle dann nicht mehr so konsequent passiert. Lauterbach: „Da sind wir so hart erwischt worden, dass wir die gute Gesamtbilanz an Sterbefällen verloren haben!“

Dann schießt er selbst gegen seine wissenschaftlichen Kollegen: „Vor der zweiten Welle ist zu wenig gewarnt worden. Ich will hier keine Namen nennen, aber wir wissen alle, welche Wissenschaftler uns damals in einer falschen Sicherheit gewogen haben. Das darf man jetzt nicht vergessen!“ Lauterbach findet, damit seien viele Sterbefälle und Krankheiten in Kauf genommen worden: „Sieben Prozent der Kinder, die wir jetzt zurücklassen, entwickeln Long-Covid-Syndrome. Das ist keine Kleinigkeit!“ Seinen eigenen Prognosen könne man dagegen trauen - mit Blick auf seine eigenen Person befindet Lauterbach: „Versprechen tue ich auch nichts, aber ich sage es voraus.“

Illner-Talk: Bouffier sieht Lockerungen im Juli, Lauterbach sieht „Kipppunkt“ schon im Mai

Durch das Impfen gebe es nun eine Perspektive, stellt Bouffier klar: Ab Juli könnten die Menschen „zu einem guten Teil zu unserem Leben wieder zurückkehren“. Lauterbach prognostiziert positiver: „Den Kipppunkt“ für ein exponentielles Sinken der Zahlen werde das Land „Ende Mai erreichen. Spätestens!“ Ähnlich hatte er sich auch schon in einem Interview mit Merkur.de geäußert. Der Mediziner bittet eindringlich um drei weitere Wochen des „Durchhaltens“. Lauterbach ist wieder ganz in seiner Rolle des Mahners: „Nichts ist gefährlicher, als bei nur teilweiser Impfung der Bevölkerung hohe Fallzahlen zu haben, … dann lade ich mir Mutationen ins Land.“

Hotelchefin Caroline von Kretschmann richtet den Blick auf die Praxis und wendet ein: „Die Hotels in der Schweiz waren die ganze Zeit offen.“ Und fügt hinzu: „Zwischenzeitlich waren die Inzidenzen dort höher, aber jetzt sind sie unterhalb Deutschlands!“ Kretschmann erklärt, 25 Prozent der Betriebe erwögen eine Schließung, sechs Prozent seien so gut wie bankrott.

Corona-Hilfen: Bouffier wütend auf Scholz - „‘Wumms‘ kann kein Mensch mehr bei uns hören!“

„Die Pandemie wird uns noch lange beschäftigen - allein die finanziellen Folgen“, räumt auch Bouffier ein. Er echauffiert sich: „Zum Thema Wirtschaftshilfen könnten wir einen ganzen Abend sprechen.“ Auch Kritik an Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz übt er. „Es war falsch, den Menschen eine Erwartung zu schicken!“ Die Worte „mit Wumms!“ könne „kein Mensch mehr bei uns hören.“ Bouffier macht eine vielsagende Andeutung: „Wir geben ganz viel Geld aus, aber wir haben es falsch …“ - doch der CDU-Fraktions-Vize stoppt sich hier plötzlich selbst. Dem Zuschauer wird klar: Hier lodert ein ganz brisantes Thema.

Fazit des „maybrit illner“-Talks

Das ist er also nun: Der erste Talk, der eine kritische Corona-Rückschau wagte. Ein mutiger Schritt, allerdings kratzt die Problem-Debatte noch sehr an der Oberfläche. Doch der Zuschauer merkt: Da brodelt was im Untergrund. Was da in den nächsten Wochen noch auf den Tisch kommen wird, könnte sich als Minenfeld entpuppen. Die Corona-Politik könnte in der heißen Wahlkampf-Phase ein ganz großes Thema werden…

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