Die Sendung „maybritt Illner“, 15.07.2021, zum Thema: „Regenflut und Hitzerekorde – schutzlos in der Klimakrise?“
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Die Sendung „maybritt Illner“, 15.07.2021, zum Thema: „Regenflut und Hitzerekorde – schutzlos in der Klimakrise?“

Talkrunde im ZDF

Maybrit Illner zur Unwetter-Katastrophe: von Hirschhausen wird Laschet-Argument zu bunt – „Bin richtig wütend“

NRW-Ministerpräsident Laschet verspricht, sich um rasche Hilfen zu bemühen. Die Studiorunde debattiert danach die Bedrohung des Klimawandels.

Weil schwere Unwetter im Westen Deutschlands verheerende Schäden angerichtet haben, ändert „Maybrit Illner“ kurzfristig das Programm. Statt Wirtschaft und Corona geht es um den Klimawandel und die Folgen der Naturgewalten. Nach Wahlkampf ist dem Kanzlerkandidat der Union, Armin Laschet (CDU), deshalb nicht zumute. Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens ist seinen eigentlich geplanten Weg ins „Maybrit Illner“-Studio nach Berlin nicht angetreten, sondern meldet sich per Video aus Stolberg bei Aachen. Von dort berichtet er von den erschütternden Szenen, die er den Tag über erlebt habe: „Das Denken an die Angehörigen, das Denken an die Opfer, ist genauso wichtig wie die politische Diskussion, die sich ja jetzt gleich anschließt.“

Angela Merkel hat NRW Hilfe zugesichert – Laschet bei „Maybrit Illner“: „Brauchen eine nationale Kraftanstrengung“

Hilfe müsse, erklärt Laschet, schnell an die Leute gelangen. „Der Bürgermeister hier hat mir heute geschildert: Wenn wir das mit europäischen Ausschreibeverfahren machen, dann steht hier in fünf Jahren noch nichts. Wir müssen jetzt Wege finden, wie hier sehr schnell die Struktur, die Straßen, die Brücken, die Infrastruktur -das Rathaus ist zerstört, Menschen können keinen Pass bekommen, die Kitas sind zerstört – wie wir das alles schnell wieder in Gang setzen.“ Um eine Lösung zu finden, werde sich das Landeskabinett Freitagfrüh zu einer Sondersitzung einfinden. „Dann wird das Land helfen. Ich habe heute auch mit Olaf Scholz und der Bundeskanzlerin gesprochen, auch der Bund will helfen. Wir brauchen jetzt hier eine große nationale Kraftanstrengung, damit schnell die schlimmsten Dinge beseitigt werden.“

„Kann es eine sichere Zukunft für die Menschen geben, egal wo, auch hier in Deutschland, wenn das Weltklima kippt?“, möchte Talkmasterin Illner deshalb von Armin Laschet wissen. Der antwortet unzweifelhaft: „Nein, die kann es nicht geben.“ Daher müsse auch, wie das die USA derzeit forcieren, der Klimaschutz zu einem wichtigen Teil der Außenpolitik werden. „Wir stoßen“, sagt Laschet, „zwei Prozent aus, weltweit. Aber wir werden das Ganze nicht schaffen, wenn nicht Russland, wenn nicht China, wenn nicht die arabische Welt, wenn nicht große Länder auch mitmachen.“ Davon, dass die CDU sich einem höheren Klimaschutz-Tempo verweigere, will Laschet allerdings nichts wissen: „Die große Koalition hat so viel geleistet im Senken von CO2 wie keine Bundesregierung, seit vielen, vielen Jahren. Und dieser Weg muss jetzt weitergehen.“

„Maybrit Illner” - Diese Gäste diskutierten mit:

  • Armin Laschet (CDU) - Politiker
  • Karl Lauterbach (SPD) - Politiker
  • Andreas Jung (CDU) - Politiker
  • Claudia Kemfert – Wirtschaftswissenschaftlerin
  • Christine Hoffmann – Journalistin
  • Katja Horneffer – Meteorologin
  • Eckart von Hirschhausen – Arzt, Moderator

Der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhauen streicht zu Beginn der anschließenden Studio-Diskussion heraus, wie bedrohlich der Klimawandel sei, was sich etwa an den Zahlen der jährlichen Hitzetoten ablesen lasse: „Weltweit sind wir auf Platz drei, darüber wird sehr wenig gesprochen. Im letzten Jahr waren mehr Menschen im August an Hitze gestorben als an Covid. Das heißt: Wir brauchen dringend eine Verschiebung der Prioritäten.“ Das Laschet-Argument des Zwei-Prozent-CO2-Ausstoßes Deutschlands könne er „nicht mehr hören“. Seine Sichtweise: „Wir sind eins der reichsten Länder der Welt, wir hätten längst 100 Prozent erneuerbare Energien haben können. Es gibt diese technischen Lösungen, wir müssen nicht auf Innovationen mit Wasserstoff und so weiter warten. Ich bin richtig wütend. Weil ich sehe, wie die Menschen leiden, wie es eine Katastrophe mit Ankündigung ist.“

„Das zeigt”, schließt sich die Journalistin Christine Hoffmann an, „dass Reichtum nicht vollständig vor den Folgen des Klimawandels schützen kann. Wir können nicht sagen, uns geht das nichts an, wir brauchen hier nichts zu unternehmen. Das muss verstanden werden.“ Für den aus Hamburg zugeschalteten Politiker Karl Lauterbach (SPD) waren Bilder wie aus Hagen oder Euskirchen kaum vorstellbar: „Ich hatte mit diesen Bildern nicht gerechnet, obwohl mir das Phänomen natürlich klar ist. Wir werden deutlich mehr Hochwasser und Fluten dieser Art bekommen. Weil einfach das Phänomen da ist.“ Daran werde sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern, legt Lauterbach dar: „Die traurige Nachricht ist: Das wird für 80 Jahre so weitergehen. Weil egal, was wir jetzt machen, wird sich die Situation bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr verbessern, sondern tendenziell nur verschlechtern.“

Der Klimawandel kostet viel Geld, Ökonomin Kemfert bei „Maybrit Illner“: „Klimaschutz spart uns dieses Geld“

Diese Aussichten unterstreicht die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert: „Das ist keine neue Erkenntnis. Die Wissenschaft warnt davor seit über 40 Jahren. Ich selbst war an einer Studie beteiligt, die 17 Jahre her ist, wo wir die ökonomischen Kosten des Klimawandels für Deutschland beziffert und darauf hingewiesen haben, dass solche Klima- und Wetterereignisse in Deutschland häufiger und intensiver auftreten werden. Damals wollte das keiner hören und damals hat auch keiner reagiert. Wie Eckart von Hirschhausen gerade schon sagte: Wir hätten alle Optionen gehabt, zu investieren.“ Um den Einzelnen vor den schlimmsten Folgen zu schützen, spricht sich Kemfert für eine Pflichtversicherung gegen Klimafolgeschäden aus: „Damit sie ausreichend abgesichert sind. So bezahlt die Allgemeinheit diese Kosten, sie werden immer weiter steigen.“ Der Klimawandel koste die Volkswirtschaft enormes Geld, Klimaschutz spare uns dieses Geld, erklärt Kemfert: „Und deswegen ist umso unverständlicher, dass wir die letzten 17 Jahre zu untätig waren.“

„Kann man sagen“, möchte Talkmasterin Illner von ihrem nächsten Gast, der ZDF-Meteorologin Katja Horneffer, wissen, „dass dieses Unwetter konkret ein Zeichen für den Klimawandel ist?“ „Nein“, weiß Horneffer und erklärt: „Dieses Unwetter ist auf jeden Fall erstmal ein Wetterphänomen. Aber: Dass Unwetter wie diese, also Extremwetterereignisse wie Dürren, wie Hagelschlag, wie auch Starkregenereignisse immer häufiger auftreten, hängt eben sehr wohl mit dem Klimawandel zusammen.“ Wenn die Atmosphäre immer wärmer werde, erklärt die Expertin, „dann kann sie mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Das ist Energie, die muss sich entladen und das tut sie eben sehr gerne in kräftigen Niederschlägen.“

Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, reicht das Tempo beim Klimaschutz?

Dass die Geschwindigkeit bei den Klimaschutzmaßnahmen anziehen müsse, darin ist sich die Runde einig. Karl Lauterbach sieht einen solchen Schub allerdings nicht kommen: „Ich bin in der Tendenz sehr pessimistisch. Weil die Leute auch unterschätzen, wie groß die Aufgabe ist.“ Erst 20 Prozent der Primärenergie kämen aus erneuerbaren Energien, 80 Prozent müssten noch geleistet werden, führt er aus: „Und das in 15 Jahren. Wenn man das schaffen will, dann muss ein Umbau stattfinden, der nichts mit dem zu tun hat, was wir beschlossen haben politisch.“ Von Hirschhausen teilt diesen Pessimismus wider Willen: „Wissenschaftlich hat er leider sehr Recht.“ Für ihn liegen die Prioritäten falsch verteilt: „Wer glaubt, dass Wirtschaft wichtiger ist als Gesundheit, kann ja mal versuchen, sein Geld zu zählen, während er die Luft anhält. Diese Priorisierung von Wirtschaft, die geht mir derart auf den Sack. Warum? Weil wir immer noch einer Wachstumsideologie anhängen, die krank ist.“

Unions-Klimaexperte Andreas Jung (CDU) teilt zwar die Bedenken der Runde, von einem radikalen Um- oder gar Rückbau der deutschen Wirtschaft distanziert er sich aber. Wichtig sei vor allem, CO2 in der Breite einzusparen: „Wie erreichen wir das? Wir sind der Meinung: Ungezügeltes Wachstum ist falsch. Schrumpfung wäre aber auch falsch. Wir brauchen Akzeptanz und wir wollen Vorbild sein. Und deshalb geht es um nachhaltiges Wachstum. Und das erreichen wir mit diesem marktwirtschaftlichen Instrument des Emissionshandels.“ In Richtung Kemfert sagt er, sei es deswegen auch nicht richtig, davon zu sprechen, die Regierung habe in den letzten Jahren nicht gehandelt. Die Ökonomin bleibt bei ihrem Punkt und beschreibt, warum die Union in der Summe „immer drei Schritte vor und fünf zurück” gemacht habe. Glücklich ist Kemfert darüber nicht: „Das tut mir in der Seele weh. Weil ich weiß: Es gibt ja auch die Klima-Union bei Ihnen, die ein fulminantes Programm vorgelegt hat – nichts davon ist in Ihr Wahlprogramm eingeflossen. Das ist hochproblematisch.“

„Maybritt Illner“ - Das Fazit der Sendung

Die „Maybrit Illner“-Runde nimmt die heftigen Unwetter und Fluten in West- und Südwestdeutschland zum Anlass, um den Klimawandel zu diskutieren. In der Sache sind sich die Gäste einig: Das Tempo des Aus- und Umbaus von Klimaschutzmaßnahmen müsse sich massiv steigern, doch die Frage nach dem „Wie?“ spaltet weiterhin die Gemüter. Deshalb ruft Eckart von Hirschhausen am Ende der Sendung dazu auf, das Lagerdenken beiseitezuschieben: „Bitte raus aus Parteipolitik, raus aus Jung gegen Alt, Stadt gegen Land – wir schaffen es gemeinsam oder gar nicht.“

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