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Braun und Göring-Eckardt hocken wie Klosterschüler in Corona-Talk - dann fährt Weltärztechef aus der Haut

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Die Gäste bei „Maybrit Illner“ (ZDF)
Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ (ZDF) © Screenshot: ZDF/„Maybrit Illner“

„Gleiche Stelle, gleiche Welle“, ist einer der Sätze, die Maybrit Illner in ihren wöchentlichen Polit-Talks im ZDF gerne verkündet. Die „Welle“ hat dieses Mal doppelte Bedeutung.

Berlin - Bereits die vierte Sendung in Folge widmet die Moderatorin Maybrit Illner der derzeit hereinbrechenden „Corona-Welle“ und den Folgen für das Gesundheitssystem sowie die Menschen im Land. Doch die Politik scheint weiter wie gelähmt und konzentrierte sich die letzten Wochen auf die Bürokratie: eine rechtliche Grundlage, ein parlamentarischer Beschluss für die Handhabung der Lage in den Ländern wurde die Tage umgesetzt, aus „rechtlichen Gründen“ das „Ende der pandemischen Lage“ angekündigt.

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

NRW-Ministerpräsident Wüst kommentierte jüngst aufgeregt: „Das Haus brennt, die Feuerwehr wirft die Schläuche ins Feuer!“ Auch Maybrit Illner bedient sich des Sprachwitzes und unterlegt ihren Einspieler zur Lage der Nation mit dem „Talking Heads“-Hit „Road to Nowhere“ („Straße ins Nirgendwo“) und setzt Kanzleramtschef Helge Braun das Lamentieren seiner Regierung entgegen: „So richtig verstehen das die Bürger in Anbetracht der Lage nicht.“

Braun schiebt den „Schwarzen Peter“ zur Ampel-Koalitionsrunde. Der CDU-Mann wirkt allerdings weder glaubwürdig noch tatkräftig, wenn er sein derzeit beliebtes Mantra anstimmt, es sei ein Fehler gewesen, das „Ende der epidemischen Lage“ zu verkünden und die „falsche Symbolik“. Dabei aber beflissen ignoriert, dass CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn dazugehörte, der diese Idee auf den Tisch gepackt hatte.

Grünen-Fraktionschefin stimmt CDU-Kanzleramtschef in einem Punkt zu

Auch Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt spielt das „Schuld zuschieben“-Spiel und attestiert der scheidenden Regierung Untätigkeit, da sie versäumt hätte, „über den Sommer“, die „sehr, sehr vielen Möglichkeiten“ zu nutzen, um gut vorbereitet in den Winter zu gehen.

Einig sind sich der Vertreter der alten und und die Vertreterin der neuen Regierung - wenn auch nicht bei der Schuldfrage - dann doch bei der Bewertung der aktuellen Lage. „Wir haben die schwierigste Lage in der Pandemie überhaupt“, sagt Braun. „Die Situation ist so schlimm, wie sie nie war“, bestätigt Göring-Eckardt.

Irritierend ist allerdings, dass die dramatischen Worte sich in der Körpersprache der beiden politischen Führungsfiguren nicht im Geringsten widerspiegeln: Der ehemalige Narkosearzt Braun und die studierte Theologin Göring-Eckardt sitzen wie Klosterschüler mit gefalteten Händen am Talk-Tisch der Runde und wirken - zumindest nach außen hin - beeindruckend anteilslos.

Weltärztebund-Chef Montgomery wettert gegen politische Verantwortliche: „Politische Kakophonie“

Sogar als Weltärztebund-Chef Frank Ulrich Montgomery kernige Sätze raushaut, die man in dieser Direktheit schon länger nicht mehr in einer Talk-Runde gehört hat: „Politische Kakophonie“, ruft Montgomery - zugeschaltet aus Rostock - von seinem Monitor hinab und stellt seine Vorredner stellvertretend für ihre Zunft an den Pranger: „Ihr habt komplett versagt!“, wettert der Ärzte-Chef. „Ihr schuldet den Bürgern, jetzt zu handeln!“ In welchem Rechtskonzept das nun passiere, sei letztendlich egal, so der Mediziner und wirft den Talk-Gästen „Konzeptionslosigkeit“ vor. Obwohl seit Monaten klar sei, was zu tun sei, so der Ärztesprecher, habe man „geredet, hat sich getroffen, aber hat nichts entschieden!“

Göring-Eckardt setzt entgegen, man müsse „faktisch täglich eine Million Menschen impfen“, um „nicht in einem Dauerzustand zu kommen, der sich bis zum Januar“ hinziehe. Und droht: „Es wird auf den Intensivstationen noch schlimmer werden, als es jetzt schon ist.“ Sofort meldet sich Montgomery erregt zu Wort: Eine Million, so der Verbandsprecher, sei der „Höchstwert“ gewesen, als „deutschlandweit überall Impfzentren eingerichtet“ gewesen waren, die inzwischen aufgelöst sind. Montgomery sichtlich erregt: „Wo ist die Logistik? Wie will man den Impfstoff verteilen?“

Göring-Eckardt kündigt an: 2G für das tägliche Geschehen in Innenräumen, 3G am Arbeitsplatz

Es fehle an Logistikketten und an Infrastruktur, so der Arzt-Vertreter und lässt keinen Zweifel daran, dass es komplett unrealistisch sei, so hohe Impfzahlen zu erwarten. Göring-Eckardt wirkt wenig überzeugend, wenn sie in dem Zusammenhang vorschlägt, dass künftig unter anderem auch Gynäkologen neben den Hausarzt-Praxen bei den Impfungen unterstützen könnten.

Was passiert, wenn Impfungen versäumt wurden, kündigt Maybrit Illner schon mit dem Titel ihrer aktuellen Sendung an: „Politik wieder im Alarmzustand - kommt der Lockdown für Ungeimpfte?“ Und tatsächlich bestätigt Göring-Eckardt: „2G kommt in allen Innenräumen“ und wird auch die Grundlage für sämtliche Veranstaltungen und in Gewerberäumen - vermutlich sogar 2G-Plus (mit aktuellem Testergebnis). Außerdem würde 3G am Arbeitsplatz mit Auskunftspflicht der Arbeitnehmer und zusätzlichem Homeoffice eingeführt.

Hamburger Oberarzt gibt Entwarnung: Triage gibt es nicht

Zur Lage in den Krankenhäusern schaltet Illner den Oberarzt Christian Karagiannidis aus Hamburg zu, der von der Lage an der „Gesundheits-Front“ berichten soll. Er gibt erstmal Entwarnung. Das Wort „Triage“ gefalle ihm gar nicht, so der Lungenarzt, „das wäre eine Bankrotterklärung an unser Gesundheitssystem“ und davon sei man weit entfernt. Was es derzeit gebe, sei eine Priorisierung von Krankenbehandlungen an Kliniken, die in den nächsten Wochen vermutlich bereiter werde. Aber auch auf „strategische Patientenverlegung“ sei man vorbereitet. Pläne seien dazu bereits im Sommer von den meisten Kliniken aufgestellt worden.

Dass auf seiner Corona-Intensivstation nur hartnäckige Impfverweigerer liegen würden, kann Karagiannidis nicht bestätigen: „Ich habe keinen Einzigen von denen gesehen, die bei uns liegen“, so der Lungenfacharzt. Viele seiner Patienten seien im jungen bis mittleren Alter und hätten schlichtweg nicht geglaubt, so stark zu erkranken. „Wir haben noch eine gewisse Chance, die Leute zur Erstimpfung zu bewegen“, ist der leitende Arzt überzeugt.

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Seit vier Wochen versucht Illner in Bezug auf die steigenden Infektionszahlen wachzurütteln. Ob es dieses Mal gelingt? Die Übergangszeit zwischen alter und neuer Regierung hat eine gewisse Handlungspause herbeigeführt. Um aufzuholen, braucht es Politiker mit Überzeugungs- und Tatkraft, die die Bevölkerung zum Handeln bewegen. Oder wie Talk-Gast di Lorenzo es ausdrückte: Den Willen, diese „Scheiß-Pandemie“ zu besiegen. (Verena Schulemann)

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