Maybrit Illner führt durch die Sendung
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Maybrit Illner führt durch die Sendung

Impf-Talk im ZDF

Corona: Illner nach fiesen Versprechern peinlich berührt - Palmer wirft Spahn drei böse Corona-Fehler vor

Wie kann die Politik in der Impf-Misere das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen? Bei „Illner“ dreht sich plötzlich alles um Boris Palmer, „Herrn Tübingen“.

Corona-Impfstoff ist derzeit Mangelware in Deutschland. Umso ärgerlicher, dass die Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin ausgesetzt werden mussten. Im „maybrit illner“-Talk richtet sich der Fokus auf die anrollende dritte Welle, die stärker werden soll als die vorherigen und das zugleich steigende Misstrauen in der Bevölkerung. Das Thema der Sendung: „Hoffnung mit Risiko – Impfen ohne Vertrauen?“. Um den Impfstoff geht es dann aber doch nur am Rande …

„maybrit illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Michael Müller (SPD) - Regierender Bürgermeister von Berlin
  • Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) - Oberbürgermeister von Tübingen, zugeschaltet
  • Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery - Vorstandsvorsitzender Weltärztebund
  • Dr. Corinna Pietsch - Leiterin des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Leipzig
  • Dr. Birgid Puhl - Hausärztin, impft im Impfzentrum Hamburg/Messehallen, zugeschaltet
  • Wolfgang Niedecken - „BAP“-Sänger, zugeschaltet

Fakten, Fakten, Fakten - gleich zu Beginn der Sendung. Wie niedrig das Risiko einer AstraZeneca-Impfung ist, verdeutlicht Weltärztebund-Chef Frank Ulrich Montgomery mit einem Zahlenspiel: „Bei der Impfung können bei einer Millionen Leuten dreizehn schwere Nebenwirkungen bekommen“, so der Ärzte-Chef. „Aber wenn wir eine Million nicht impfen, dann werden 5000 bis 10.000 sterben.“

Corona: Maybrit Illner spricht Grüne-Bürgermeister Palmer mit „Herr Tübingen“ an

Auch die Leiterin des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Leipzig, Corinna Pietsch, hält die Gefahr durch Komplikationen nach einer Astra-Impfung für überschaubar. Wie die Datenanalyse ergeben habe, seien vor allem Frauen unter 55 Jahren von den Komplikationen betroffen gewesen. Montgomery stellt klar: „Diesen Menschen müssen wir Alternativen bei den Impfstoffen anbieten. Die können wir jetzt nicht im Regen stehen lassen.“

Soweit zur aktuellen Lage. Maybrit Illner schaltet nach Tübingen und spricht Bürgermeister Boris Palmer (Grüne), der sich in den letzten Wochen mit vorbildlicher Organisation und Test-Strategien einen Namen gemacht hat, tatsächlich mit „Herr Tübingen“ an. Der Fauxpas ist Illner sichtlich peinlich, dennoch unterläuft ihr der Freudsche Versprecher dann noch ein weiteres Mal …

Corona-Impfungen bei „Illner“: Müller kritisiert Grünen-Bürgermeister Palmer und verteidigt Spahn

Palmer reagiert auf die Schmeichelei großzügig gelassen - und nutzt seine Redezeit, um überhaupt nicht gelassen gegen die Bundesregierung zu schießen. Drei Mal sei in Bezug auf AstraZeneca nun schon die falsche Entscheidung getroffen worden, mault Palmer von seinem Bildschirm in die Runde. Bei dem Verzicht auf die Notzulassung („Hat uns vier Wochen gekostet“), bei der Entscheidung damit nur Jüngere zu impfen („Wir haben nicht diejenigen geimpft, die ein viel höheres Todesrisiko haben“) und jüngst die Unterbrechung der Impfungen („sorgt für Verunsicherung und Problemen in den Impfzentren“).

Der Grüne ärgert sich: „Warum wir Deutschen immer die falschen Entscheidungen getroffen haben und die Briten die richtigen, das sollte mal bedacht werden!“ Palmer meint, die deutsche Sicherheitskultur sei das Problem: „In Deutschland wird gesagt: Wer übernimmt die Verantwortung? Und bevor man die Verantwortung übernimmt, stoppt man eher das Impfen!“

Überraschenderweise wirft sich Berlins Erster Bürgermeister und SPD-Mann Michael Müller für CDU-Mann und Gesundheitsminister Jens Spahn gegen die Angriffe Palmers ins Feld: „Der Entscheidungsspielraum für die Politik ist begrenzt, wenn die Wissenschaft eine Empfehlung ausspricht“, argumentiert Müller, „welcher Politiker will sich darüber hinwegsetzen?“

„Maybrit Illner“ (ZDF): Hat sich Deutschland von Großbritannien vorführen lassen

Montgomery ergänzt, es seien doch vor allem die Grünen, Palmers Partei, gewesen, die auf die Europäische Zulassungsbehörde bestanden und die entsprechenden Gesetze auf den Weg gebracht hätten. Auch das Großbritannien-Lob will Montgomery, der betont, einen britischem Pass zu besitzen, nicht stehenlassen und wettert: „Dass Europa 9,2 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff, der mit 375 Millionen Euro durch die Bundesregierung gefördert wurde, an Großbritannien liefert und Großbritannien im Gegenzug nichts rausgibt - das finde ich unerhört!“ Solidarität dürfe keine Einbahnstraße sein!

Die Bestnote verteilt der Ärzte-Chef dagegen für Palmers Versuchsprojekt als Alternative zur relativ plumpen Lockdown-Strategie des Bundes. Mit Genehmigung der Landesregierung und unter Begleitung der dortigen Uni ist das Projekt vor vier Tagen für vorerst drei Wochen angelaufen. Einzelhandel, Theater und Außengastronomie sind wieder geöffnet - besuchen darf sie aber nur, wer sich vorher in einem der Testzentren der Stadt negativ testen ließ. Mit einem Pass, der für mehrere Stunden gültig ist, darf sich dann wieder frei in Shops und Lokalen bewegt werden. Montgomery: „Sensationell gut!“ Müller kündigt ein vergleichbares Konzept für Berlin an und will zudem eine Testpflicht für Arbeitgeber und deren Belegschaft einführen.

Hausärztin Birgid Puhl richtet dagegen einen Appell an das Gesundheitsministerium. Die Allgemeinmedizinerin, die derzeit in einem Hamburger Impfzentrum im Einsatz ist, ist überzeugt: Das Impfen in den Praxen wäre effektiver, da auf die derzeitige umständliche Impf-Bürokratie verzichtet werden könnte: „Wir kennen unsere Patienten, ihre Vorgeschichte. Wir müssen in der Praxis auch nicht neun Seiten ausfüllen und haben die Anamnese in unserer Datei.“ Puhl: „Ohne große bürokratische Hürde - da wären wir alle sehr dankbar!“

Fazit des „maybrit illner“-Talks

Ist das noch Wahlkampf-Talk oder schon eine Werbesendung für Bündnis 90/Die Grünen? Als Stimme für die Bundesregierung versucht sich ausgerechnet SPD-Mann Müller wenig glaubhaft. Und der Zuschauer denkt: „Schon gut, was da in Tübingen passiert.“ Doch was wir vor allem nach den letzten Monaten (leidvoll) wissen: Auch diese Stimmung kann sich ganz schnell wieder in die andere Richtung drehen …

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