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„Gerade Genesene infizieren sich sehr schnell mit Omikron“, sagt Lauterbach und äußert bei Illner eine Vermutung

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Die Gäste bei „Maybrit Illner“
Die Gäste bei „Maybrit Illner“ © Screenshot: ZDF/„Maybrit Illner“

Zum ersten Mal sitzt Karl Lauterbach als neuer Gesundheitsminister in einer Talk-Show. Bei Maybrit Illner bekommt er Lob von vielen Seiten - und spricht direkt über seine Ziele.

Berlin - Maybrit Illner verkündet nicht ohne Stolz, dass Karl Lauterbach, Corona-Talk-Show-Dauergast, sich für seinen ersten TV-Auftritt als Gesundheitsminister ihren Talk im ZDF ausgesucht hat. Illner, die in ihrer letzten Sendung vor der Ernennung Lauterbach zum „Minister der Herzen“ gekürt hatte, bedankt sich auf ihre Weise. In die Runde hat sie Wohlgesinnte Lauterbachs geladen, die dem neu ernannten Minister vor laufender Kamera ungeniert ihren Tribut zollen.

Viola Priesemann, die mit Lauterbach eng zusammenarbeite, findet es „klasse“, dass mit Karl Lauterbach jemand am Ruder sei, der die Grundlagen bereits mitbringe. FDP-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann attestiert Lauterbach, er habe mit seinen Prognosen „selten daneben gelegen“ und wünscht ihm „im Interesse aller“ viel Glück.

Auch CDU-Ministerpräsident Tobias Hans ist voll des Lobes und gratuliert - die Frage von Illner nach Selbstkritik ignorierend - Lauterbach erst einmal vollmundig „zu einem der wichtigsten Ämter, die wir in Deutschland derzeit haben“. Hans verkündet wie ein Bundespolitiker: „Ich will, dass er Erfolg hat“ und verspricht wie ein Parteichef: „Aus Sicht der Union geführten Länder reichen wir der neuen Bundesregierung die Hand.“

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

Einzig bei Zeit-Redakteurin Tina Hildebrandt ist ein wenig Spott angeklungen. Illner zitiert die Formulierung der Print-Kollegin, die Lauterbach als „gesundheitspolitische Wundertüte“ bezeichnet hatte. Doch Hildebrandt ist ebenfalls bemüht, kein schlechtes Haar am Minister, der zu ihrer Linken sitzt, zu lassen. „Es steckt viel in ihm drin“, attestiert die Journalistin: ein Gesundheitsexperte, ein Epidemiologe und ein erfahrener Parlamentarier. Lauterbach sei quasi der „erste direkt gewählte Minister“ und ein „Experiment“, bei dem es zu beweisen gelte, ob jemand vom „Fach“ auch Politik könne. Lauterbach nimmt es sportlich und schmunzelt.

Den Appell Hildebrandts, die Politik müsse anfangen, statt bloß zu erläutern, auch klare Ziele für die Corona-Zukunft zu verkünden, nimmt der neue Gesundheitsminister ernst und gibt sofort Auskunft über die neue deutsche Gesundheitspolitik à la Lauterbach: Die Dreifach-Impfung ist das Ziel. Bis Weihnachten sollen 30 Millionen Impfungen erfolgen - dafür sei genug Impfstoff vorhanden - niemand sei „im Moment in Europa“ so schnell wie Deutschland, verkündet Lauterbach.

Lauterbach erklärt „Inventur“ im Gesundheitsministerium

Als nächstes Ziel peilt Lauterbach an, die heranrollende Omikron-Varianten-Welle dauerhaft zu brechen. Es braucht allerdings noch die Beschaffung eines angepassten Impfstoffes. Dazu „finden schon bilaterale Gespräche“ vor allem mit dem Hersteller Biontech statt, versichert Lauterbach.

Karl Lauterbach zu Gast bei „Maybrit Illner“ (ZDF)
Karl Lauterbach zu Gast bei „Maybrit Illner“ (ZDF). © Screenshot: ZDF/„Maybrit Illner“

In drei Monaten könnte das aktualisierte Vakzin bereitstehen. Das Boostern solle nach drei Monaten erfolgen. Um bis dahin weiterhin mit den bestehenden Impfstoffen zu boostern, mache das Gesundheitsministerium derzeit „Inventur“. Lauterbach: „Da werden wir mit Vollbesetzung im Haus jeden Stein umdrehen.“ Inzwischen ließen sich die Impfstoffe bis zu neun Monate lagern. Bei der Neubeschaffung sieht Lauterbach daher auch ausreichend Reserven vor. Und kündigt an: Gebe es zu viel, soll der Rest „verschenkt“ werden.

Drittimpfungen würden prinzipiell vor schweren Verläufen mit neuen Varianten schützen, so der Minister und macht im Lauterbach-Sprech deutlich, was sonst drohen könnte: „Wenn die Zweimal-Geimpften sich infizieren, dann läuft das durch in die Ungeimpften“, die „in sehr kurzer Zeit schwer erkranken“.

Speziell an Genesenen gewandt, erklärt Lauterbach: „Die Studienlage zu den Genesenen ist noch nicht abgeschlossen, aber wir haben gute Gründe zu glauben, dass sich gerade die Genesenen mit Omikron sehr schnell infizieren. Die ursprünglichen Daten aus Südafrika zeigten mehrheitlich erkrankte, die mehrheitlich Genesene waren, teilweise doppelt Genesene. Daher wäre meine Vermutung aufgrund der aktuell vorliegenden Daten, dass der Genesenstatus bei Omikron nicht hilft. Aber die Daten müssen ausgewertet werden, das ist alles noch nicht spruchreif.“

Priesemann schließt einen bundesweiten Lockdown in den kommenden Wochen nicht aus

Priesemann mahnt daraufhin, die Politik müsse sich Gedanken über den „Worst Case“ machen und schließt einen bundesweiten Lockdown nicht aus. „Kurz und hart durchgreifen“ bringe am meisten, so Priesemann. 0,6 Prozent aller Infizierten landeten derzeit auf der Intensivstation, so die Expertin. Es bräuchte derzeit eine „sechsfache Reduktion“, um trotz Omikron durch den Winter zu kommen. Priesemann macht klar, das gleiche einem „Weihnachtswunder“, denn Omikron sei deutlich ansteckender als die aktuelle Delta-Variante: „Wir sehen in den anderen Ländern, dass sich die Fallzahlen jede Woche vervierfachen.“ Einziger Lichtblick ist, dass es noch offen sei, inwiefern es mit Omikron zu schweren Verläufen käme.

Die meisten Punkte auf der Gelassenheitsskala holt sich in der Runde Strack-Zimmermann, die mahnt: „Diese Welt kann man nicht nur wissenschaftlich betrachten. Man muss sie auch sozial betrachten.“ Außerdem erinnert die FDP-Frau an psychische Krankheiten wie etwa Depressionen, die seit der Pandemie laut Studien weltweit um 25 Prozent vor allem bei jungen Menschen zugenommen hätten und als Folge der Maßnahmen nicht unter den Tisch fallen dürften.

Hans und Lauterbach für die Einführung einer Impfpflicht Anfang des Jahres

Nicht unter den Tisch kehren will Illner ein anderes derzeit extrem aufgeladenes Thema: die Einführung einer Corona-Impfpflicht. Ministerpräsident Hans spricht sich zur Durchsetzung der Impfpflicht für ein Bußgeld aus und nennt die Summe von 2500 Euro, die derzeit Eltern zahlen müssten, wenn sie ein Kind ohne entsprechende Masern-Impfung in die Kita geben. „Die Impfpflicht wird kommen“, ist sich Hans sicher. Lauterbach stimmt zu und gibt an, eine Impfpflicht gebe es im Februar - mit dem Start des neuen Impfstoffs.

Zum Schluss geht es um eine Schlagzeile der Bild-Zeitung, die unter anderem auch Wissenschaftlerin Priesemann als „Lockdown-Macherin“ angeprangert und unter Politikern für Empörung gesorgt hatte. Ein „Fall für den Presserat“, bemerkt Hans. Journalistin Hildebrandt gibt zu bedenken, dass die Glaubwürdigkeit der Politik geschmälert werde, wenn sich auf der gleichzeitig veranstalteten Party der entsprechenden Zeitung führende Politiker des neuen Kabinetts zeigten.

Er sei auf „dieser Party“ nicht gewesen, stellt Lauterbach klar. Stattdessen habe er „sehr dafür gekämpft“, so der Bundesminister, „dass der Artikel entfernt wurde“. Der Eingriff eines Politikers in die Presse? In der Runde findet es niemand anstößig. Im Gegenteil: Ministerpräsident Hans nickt zustimmend.

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Eine erstaunlich ruhige Runde kommt da zusammen. Alle Rednerinnen und Redner stellen ihre Standpunkte klar und sachlich dar. Es gibt keinen Moment der Aufregung, kein Zwischenplappern, Reinreden, noch nicht einmal ein Stimme-Anheben. Das ist echtes, deutsches Bildungsfernsehen. Der Sache hoffentlich dienlich, wird es dennoch einige außen vorgelassen haben. (Verena Schulemann)

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