Maybrit Illner führt durch die Sendung
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Maybrit Illner führt durch die Sendung

Talkrunde im ZDF zu Corona

„Maybrit Illner” über die EM - Lauterbach warnt: „Brandbeschleuniger für die Delta-Variante“

Deutschland und England sollen bei der EM vor 45.000 Zuschauern spielen. Die „Maybrit Illner”-Runde diskutiert die Folgen, die das für die Ausbreitung des Coronavirus haben könnte.

Berlin - „Maybrit Illner“ beginnt am Donnerstagabend metaphorisch: Endlich gebe es wieder Fußball, dabei laufe das Finale gegen das Virus doch noch – es drohe sogar die Verlängerung gegen die Delta-Plus-Variante. ZDF-Sportmoderator Jochen Breyer nimmt den Ball auf: „Delta kickt vielleicht nicht unbedingt mit, aber Delta sitzt auf der Tribüne und jubelt mit. Ich könnte mir vorstellen, dass Delta sich freuen würde, wenn viele Tore fallen und möglichst viele Menschen sich um den Hals fallen.“ Das Modell eines paneuropäischen Turniers finde er zwar gut, angesichts des Coronavirus* hätte er sich aber anders entschieden: „Ich glaube, es wäre besser gewesen, sich einen anderen Modus auszudenken in dieser Pandemie und zu sagen: Diese Idee in elf oder zwölf Ländern, die verschieben wir auf die Zeit nach der Pandemie.“

Deutschland trifft im Wembley-Stadion auf England – Lauterbach hält das für „keine kluge Entscheidung“

Der Blick nach England zu Diana Zimmermann, der Leiterin des ZDF-Studios in London, zeigt das Dilemma, in dem die britische Regierung steckt. 45.000 Menschen werden sich am Dienstag im Wembley-Stadion einfinden, wenn England und Deutschland das Achtelfinale gegeneinander austragen. Beim Halbfinale sollen es 60.000 sein. „Die englische Gesundheitsbehörde findet das keine gute Idee“, erklärt Zimmermann und führt weiter aus: „Es wäre ein fürchterlicher Imageverlust gewesen, wenn Boris Johnson diese Spiele hätte zurückziehen müssen. Und er hat sich natürlich von der UEFA unter Druck setzen lassen, zumal er selbst ja gerne mal nach dem Lustprinzip agiert und wissenschaftlichen Experten nur insoweit folgt, als dass es zu seiner Politik passt.“

Die Journalistin Claudia Kade findet es übertrieben zu sagen, durch die EM passiere gerade ein „Game-Changer“. Dennoch verstehe sie nicht, weshalb in Europa weiterhin so unterschiedliche Regeln herrschten. „Die Regeln in Deutschland sind relativ streng mit Quarantäne in beiden Richtungen. Aber man kann natürlich über Länder zurückkommen, in denen das nicht so streng gehandhabt wird.“

Der Politiker Karl Lauterbach (SPD) meldet sich per Videoschalte aus Hamburg zu Wort: „Das ist insgesamt ein Brandbeschleuniger für die Delta-Variante. (…) Weder epidemiologisch noch symbolisch ist das eine kluge Entscheidung. Ich hätte es richtig gefunden, wenn man gesagt hätte, dass an dem Ort wo die gefährlichste Variante mit der höchsten Inzidenz in ganz Europa derzeit vorherrscht, dass man dort nicht ein Fußballspiel vor 60.000 Zuschauern durchführt.“

„Maybrit Illner” - Diese Gäste diskutierten mit

  • Karl Lauterbach (SPD) – Politiker
  • Jochen Breyer – Moderator
  • Gerhard Scheuch – Aerosol-Forscher
  • Diana Zimmermann – Journalistin
  • Claudia Kade – Journalistin

Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch hält das eigentliche Spiel nicht für das Problem: „Wir sind uns in der Aerosol-Forschung relativ einig, dass draußen so gut wie keine Ansteckungen stattfinden – und das gilt auch in einem Stadion. Die Ansteckungen finden bei der Anreise statt oder in geschlossenen Räumen. (…) Im Stadion selbst wird gar nicht so viel passieren. Aber wenn 60.000 Leute zusammenkommen, dann muss An- und Abreise funktionieren. Da sind Taxifahrten, da sind Busfahrten, da sind Toilettenanlagen, da sind Logen – und das sind die Spots, wo es dann krachen kann.“

Lauterbach überzeugt das nicht völlig: „Naja, wenn ein Stadion so voll ist, meinetwegen 60.000 Zuschauer, dann stehen die Zuschauer sehr nah beieinander und es kommt dann sehr auf das Wetter an. Wenn die Luft nicht steht, sondern da ist ein bisschen Wind und das wird weggeblasen, ist das eine ganz andere Situation. (…) In einem Milliliter Luft sind bei der Delta-Variante zum Teil 100 Millionen Viren.“ Wenn dann laut geschrien und gesungen werde, käme eine enorme Viruszahl zusammen, führt der SPD-Gesundheitsexperte aus.

Niedrige Corona-Zahlen: Gerhard Scheuch weist auf die Relationen hin

Das wiederum überzeugt Gerhard Scheuch nicht. Zwar wäre er mit dem Endspiel „auch nicht nach London gegangen, aber wir haben im Augenblick eine Inzidenz von sechs, sieben in Deutschland. Sieben Infizierte auf 100.000. Das heißt, wenn Sie ein volles Stadion haben und machen überhaupt keine Kontrolle: Dann hätten Sie in dem ganzen Stadion mit 10.000 Leuten 0,7 Infizierte im Schnitt, statistisch. Das ist ja nicht so, dass jetzt neben jedem ein Infizierter sitzt. (…) Selbst im Wembley-Stadion: Da werden ja nicht 200 Infizierte sein. Selbst bei der Inzidenz von 100 sind das zwei Hände voll. Das ist blöd, wenn man dann genau neben so einem sitzt. Aber dieser eine wird nicht das ganze Stadion anstecken. Das ist der Unterschied in Innenräumen. Wenn wir hier [im Studio, Anm. d. Red.] einen drin hätten, dann steckt der uns alle an.“

Der DFB setzt jedenfalls auf die vorsichtige Variante. 10.000 Tickets habe er von der UEFA zur Verfügung gestellt bekommen, nehme aber nur 2.000 davon ab und verteile diese an Deutsche, die in England lebten, erklärt Jochen Breyer. Und wie können die Fans in Deutschland die Partie verfolgen? Lauterbach hält gemeinsames Feiern dann für unbedenklich, „wenn die Abstände gewährleistet sind und man das zivilisiert macht. Was ich mir sehr gut vorstellen kann, ist in Biergärten, wo große Leinwände sind, oder vor Restaurants. Was gefährlich wäre, wäre drinnen.“ Hierbei nickt auch Aerosol-Forscher Scheuch beipflichtend.

„Maybrit Illner” - Das Fazit der Sendung

Der Talk „maybrit illner“ steht am Donnerstagabend im Zeichen von Deutschlands EM-Achtelfinale gegen England und fragt, was das Spiel im Wembley-Stadion für die Ausbreitung des Coronavirus bedeutet. Während der Politiker Karl Lauterbach (SPD) Fußballspiele in fast vollen Stadien für unverantwortlich hält, ist der Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch darum bemüht, die statistische Relation zu wahren. Auch bei der Infektiosität von Kindern sind die beiden Experten geteilter Meinung.

Zum Abschluss der Sendung blickt die von den Journalistinnen Diana Zimmermann und Claudia Kade sowie dem Sportmoderator Jochen Breyer komplettierte „maybrit illner“-Runde auf die Delta- und Delta-Plus-Variante. Der gemeinsame Appell: Wir müssen uns auf den Herbst vorbereiten. Denn, so fragt Talkmasterin Maybrit Illner Karl Lauterbach: „Es ist also gar nicht die Frage, ob eine vierte Welle kommt, sondern wie hoch sie ist?“ Der antwortet humorlos: „Genau das ist auf jeden Fall der Fall. Es wird eine vierte Welle geben. (…) Die Frage ist nur: Wie hart wird sie uns treffen?“

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