Maybrit Illner führt durch die Sendung
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Maybrit Illner führt durch die Sendung

Lockdown in Deutschland

Corona-Zoff bei Illner: Lauterbach spricht von „rasendem Zug“, da platzt Palmer der Kragen

Über drei Monate Lockdown - und noch immer kein Ende. Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen, ob und wie eine Lockerung möglich wäre.

Die Corona-Pandemie - wie sollte es anders sein - war auch dieses Mal wieder Dreh- und Angelpunkt von Maybrit Illners ZDF-Talk. Obwohl Angela Merkels Bundesregierung - angesichts der sich abzeichnenden „dritten Welle“ - derzeit die Frage dominiert, ob und wie der Lockdown verlängert werden muss, dreht Illner den Spieß um und diskutiert mit ihren Gästen, wie eine Öffnung organisiert werden könnte. Talk-Thema: „Lockern, aber sicher – geht das?“

Oberbürgermeister Boris Palmer macht es in Tübingen vor. Der streitbare Grünen-Politiker plant demnächst Öffnungen mit Hilfe von Schnelltests - zur Not auch im Alleingang. Palmers Erklärung ist einfach: „Weil wir nicht mehr durchhalten!“ Viele Betriebe seien am Ende. Palmer: „Die Innenstädte werden, wenn wir sie erst im Sommer aufmachen, halb tot sein!“ Und: „Es geht um die Grundfesten unserer Gesellschaft. Die Keimzelle der Demokratie ist die Kommune.“

„maybrit illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Karl Lauterbach (SPD) - Epidemiologe und Gesundheitsökonom
  • Susanne Schreiber - stellv. Vorsitzende Ethikrat
  • Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) - Oberbürgermeister Tübingen
  • Harald Lesch - Wissenschaftsmoderator und Autor
  • Isabelle Oberbeck - Amtsärztin und Leiterin Gesundheitsamt Weimar

Corona-Lockdown in Deutschland: Palmer will mit Hilfe von Schnelltests die Läden wieder öffnen

Und so soll sein Plan aussehen: Schnelltest-Straßen in der Innenstadt, dort könne sich jeder testen lassen. Der Oberbürgermeister: „Negativ Getestete könnten für sechs Stunden unbesorgt ins Museum oder zum Einkaufen.“ Wie schon mit den Tests in Altenheimen habe die Stadt inzwischen auch bei Kindern getestet. „Wir haben die dritte Woche, in der wir in allen Kitas und allen Schulen testen“, berichtet Palmer. Bei über 10.000 Tests sei kein einziger positiv gewesen.

Palmer ist nicht der einzige, der Öffnungen selbst in die Hand nimmt. Grundschulen und Kindergärten sind inzwischen fast bundesweit wieder für kleine Kinder und untere Jahrgangsstufen offen, neben Bayern öffnen weitere Bundesländern die Bau- und Blumenmärkte ab kommender Woche, ebenso wie Nagelstudios und Fahrschulen. Vielerorts empfangen Einzelhändler Kunden nach Terminabsprache. Klingt zunächst nach neuer Hoffnung.

Maybrit Illner (ZDF): Lauterbach bringt mit seiner Kritik Palmer auf die Palme

Doch nun hat Karl Lauterbach seinen Auftritt. Der fleißigste Talk-Gast des vergangenen Jahres ist inzwischen für viele die personifizierte Corona-Mahnung. Dieser Rolle füllt der Gesundheitsexperte aus Reihen der Bundestags-SPD auch am Donnerstag aus. Die neuen Mutanten, warnt Lauterbach, seien teils „ansteckender und tödlicher“ als das bisherige Virus, Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt seien „fatal“, ein „rasender Zug“. Als einzigen Ausweg sieht er eine Lockdown-Verlängerung um weitere zwei Monate.

Auch an den Schnelltests hat Lauterbach einiges auszusetzen, unter anderem bemängelt er schlechte Qualität vieler Tests. Wenig später fügt er aller hinzu, dass die in Deutschland zugelassenen einen guten Standard aufweisen würden. Was sonst noch alles schief laufen könnte, weiß Lauterbach aber sicher: Man könne mit Öffnungen Virus-Importe aus anderen Städten anziehen. Auch sei mit privaten Tests nicht sicherzustellen, dass die positiv Getesteten dem Gesundheitsamt gemeldet würden.

Palmer bringt das auf die Palme: „Das sind alles lösbare Probleme. Nicht immer nur Bedenken vortragen - man kann auch Lösungen vortragen!“, ruft er vom zugeschalteten Bildschirm ins Studio nach Berlin. Lauterbach guckt grimmig.

Corona in Deutschland: Illner-Gast kritisiert deutsche Bürokratie - „Wir stehen uns selber im Wege!“

Wissenschaftsmoderator und Autor Harald Lesch springt dem Oberbürgermeister zur Seite: „Pragmatismus ist etwas, was einem System eine gewisse Widerstandskraft verleiht“, sinniert Lesch. Die lange Zulassungsdauer von Schnelltests in Deutschland kann der Wissenschaftsjournalist ebenfalls nicht nachvollziehen: „Wir stehen uns selber im Wege“, meint er. In Großbritannien seien Schnelltests schon seit August vergangenen Jahres zugelassen gewesen.

Vom Schnelltest-Schneckenstart zur Impf-Schnecke: Der Impfstoff AstraZeneca liegt angeblich wie Blei in den Regalen: 1,2 Millionen Dosen dieses Impfstofftyps sollen bislang ungespritzt geblieben sein. Die stellvertretende Ethikratsvorsitzende Schreiber kündigt vorsichtig an: „Wer im Moment ein Impfangebot ausschlägt, muss sich vermutlich erstmal wieder hinten anstellen.“ Die Zweifel am AstraZeneca-Impfstoff seien unbegründet. Das bestätigt auch die Leiterin des Gesundheitsamts Weimar, Isabelle Oberbeck. Es sei „nicht wirklich nachzuvollziehen“. Ab Sonntag sollen in Weimar Grundschullehrer und Erzieher damit geimpft werden.

In diesem Punkt sind sich auch Palmer und Lauterbach einig. Beide Politiker sehen es als großen Fehler an, dass Deutschland die europäische Zulassungsbehörde, die den Impfstoff auch für Ältere zugelassen hatte, ignoriert hat. Lauterbach kritisiert, dass diese Entscheidung dazu geführt habe, dass ein „hervorragenden Impfstoff“ in Verruf geraten sei. Dabei habe sich gezeigt, so Lauterbach, dass der Impfstoff auch Achtzigjährige tadellos schütze. Palmer stimmt dem zu und sagt: „Das ist ein schwerer strategischer Fehler, der Leben kostet.“

Fazit des „maybrit illner“-Talks

Wie ist die Frage der Sendung nochmal? Ach, ja: Lockerungen - und wenn ja wie? Eine wirkliche Antwort gibt es darauf nicht. So ein kleines bisschen regt sich aber der Verdacht, dass hier die eine oder andere Kommune angeregt werden soll, es doch einfach mal auf eigene Faust zu versuchen.

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