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Experte sieht bei „Illner“ nur einen Ukraine-Ausweg – eine „krachende Niederlage“ für Putin

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Ukraine-Talk: Militärexperte Gustav Gressel (re.) am Donnerstag bei „Maybrit Illner“ im ZDF.
Ukraine-Talk: Militärexperte Gustav Gressel (re.) am Donnerstag bei „Maybrit Illner“ im ZDF. © Svea Pietschmann/ZDF

Kanzler Olaf Scholz bekommt bei „Maybrit Illner“ sein Fett weg. Von „Herumeiern“ und „Zögerlichkeit“ ist die Rede. EU-Chefin Ursula von der Leyen spricht sich für Reformen in der Ukraine aus. 

Berlin – „Eins ist völlig klar: Die Ukraine sehnt sich mit aller Kraft danach, Mitglied der EU zu werden. Und wir sehen auch wie sehr sie unsere Werte verteidigen - bis hin zu ihrem Leben!“ EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigt die Leistung der Ukraine in ihrem „Maybrit Illner“-Interview ausdrücklich.

Auch die aus Kiew zugeschaltete Autorin Yevgenia Belorusets bestätigt ihren Landsleuten: „Die Ukrainer fühlen sich europäisch!“ Sie verdeutlicht umgekehrt auch die Bedeutung des Ukraine-Krieges für die Europäische Union: „Wenn Putin nicht gestoppt wird“, so die Autorin, bedeute dies neben „weiteren Toten in der Ukraine“ auch eine Absage an die „Europäische Sicherheit“.

Dazu schildert von der Leyen, wie die mögliche Zusammenarbeit mit dem derzeit schwer beschädigten Land erfolgen könnte. Die CDU-Politikerin schlägt vor - da der Wiederaufbau vom Westen und damit auch von Deutschland gestützt werden müsse - Investitionen an Reformen zu koppeln: „Zum Beispiel gegen Korruption oder für den Aufbau der Rechtsstaatlichkeit.“ Diesen Plan habe sie bereits mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj „am Morgen besprochen“, so von der Leyen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) im Gespräch mit Maybrit Illner.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) im Gespräch mit Maybrit Illner. © ZDF Mediathek (Screenshot)

Ukraine-Krieg: „Illner“-Talk stärkt Optimismus - „Widerstände“ in Russland, „Kehrtwende“ in der Ukraine?

„Es hängt von der Ukraine selbst ab, wie sie den Wiederaufbau schafft“, so von der Leyen. „Wie sie die Oligarchen loswird und die Reformen vorantreibt“ und „gegen Korruption im Land vorgeht“. Dass die EU auch Russland zu Zahlungen für den Wiederaufbau bringen will, stellt von der Leyen ebenfalls klar. Derzeit würden bereits EU-Juristen „intensiv daran arbeiten, eine Möglichkeit zu finden, wie das eingefrorene Vermögen der Oligarchen für den Wiederaufbau zu verwenden ist“.

Militärexperte Gustav Gressel räumt der Ukraine indes sogar militärisch Siegeschancen ein. Allerdings noch nicht in naher Zukunft. Eine mögliche „Kehrtwende“ könne es im Sommer geben, meint Gressel. Dann, wenn Putin es nicht gelinge, neue Soldaten zu mobilisieren. Einen weiteren Einbruch erwartet der Sicherheitsexperte im September: Die russische Armee sei durch ihren Angriffskrieg „substanziell geschwächt“, erklärt Gressel. Derzeit gebe es auch keine Truppen, „um einen weiteren Krieg in Europa zu führen“. Halte der Zustand an, könne die ukrainische Armee „wieder Oberhand“ gewinnen.

20.000 russische Soldaten seien bereits in der Ukraine gefallen, führt auch die Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, an: Wenn „18, 19 Jahre junge Leute eingezogen werden, die nicht zurückkommen“, so die FDP-Sicherheitsexpertin, müsse auch Putin klar sein, dass sich auf Dauer „Widerstände“ erheben. Mit Kritik am Kanzler und weiteren Regierungsmitgliedern hält sich Strack-Zimmermann, die am Revers die ukrainische Flagge trägt, zurück. Wobei die Liberale allerdings zu langes Abwarten bei den Waffenlieferungen rügt.

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

Ukraine-Krieg: „Schwere-Waffen-Debatte“ sinnlos? Experte warnt vor Putin-Gehorsam

Spiegel-Journalist Markus Feldenkirchen sieht im Ukraine-Streit zwischen SPD und FDP nicht bloß eine Frage „unterschiedlicher Mentalitäten“: Da „wollen zwei Kräfte schon was anderes“. Der Kanzler werde von seinem Koalitionspartner von „Woche zu Woche“ mehr gedrängt, doch eine gemeinsame Richtung lasse sich nicht erkennen. Der außenpolitische Sprecher der Linken, Gregor Gysi, verteidigt dagegen Scholz. Auf Grund der „anderen Geschichte“ sei es ratsam, die Waffenlieferungen, an denen Deutschland als „fünftgrößter Waffenexporteur“ auch immer verdiene, „anderen Ländern“ zu überlassen.

Militärfachmann Gressel sieht das anders. Er fordert statt einem „Herumeiern“ und einer sinnlosen Diskussion über „schwere Waffen“, dafür zu sorgen, dass Russland diesen Krieg „krachend“ verliert. Da sei die beste und schnellste „Perspektive auf Veränderung in Russland“. Gressel verweist auf Russlands Mobilisierung an den Westgrenzen in „atemberaubender Geschwindigkeit“ und auf die bereits stationierten „Atomwaffen in Kaliningrad“ nur ein paar Dutzend Kilometer von der polnischen und litauischen Grenze entfernt. Er warnt, im „vorauseilenden Gehorsam“ zu sehr nach Putins „Pfeife zu tanzen“. Denn das bestärke den Kremlchef nur darin, weiter zu provozieren und mit Nuklearschlägen zu drohen.

Man müsse dafür sorgen, so Gressel, dass „diese lose Zunge“, die sich die russische Führung angewöhnt habe, der Militarismus und das „Sich-Selbst-Definieren über militärische Größe und Glorie“ wieder „abgestellt“ werde. Strack-Zimmermann stimmt zu und wagt in ihrem Schlusssatz doch noch Kritik an Scholz: „Deswegen sollte die Bundesregierung nicht immer vom Dritten Weltkrieg und Atomkrieg reden - und dieses Narrativ aufgreifen - und all die Leute hier verrückt machen!“

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Die Sendung erörterte gut den aktuellen Stand in der Ukraine. Maybrit Illner gelang es, Resümee zu ziehen und einen optimistischeren Blick in die Zukunft zu bieten: ein Zurückdrängen der russischen Armee, ein EU-Beitritt der Ukraine, ein durch die Staatengemeinschaft ermöglichter Wiederaufbau scheinen in der Tat realistische Möglichkeiten, Gerechtigkeit und Frieden in Europa herzustellen. (Verena Schulemann)

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