Gestrandet an der Grenze: Rund 5000 Flüchtlinge, darunter auch viele Familien, warten in Mazedonien darauf, weiter nach Nordwesten reisen zu dürfen. Derzeit ist die Grenze dicht.

Mazedonien

Mazedonien: Gefangen im Niemandsland

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München – Täglich kreiert der Strom der Flüchtlinge neue Brennpunkte in Europa. An der Grenze von Griechenland nach Mazedonien kommt es zu dramatischen Szenen. Der Integrationsbeauftragte des Freistaats kehrt schwer beeindruckt zurück.

Die verwackelten Fernsehbilder liefern einen gespenstischen Eindruck. Man sieht eine große Menschenmenge auf freiem Feld nahe der griechischen Ortschaft Idomeni, über der plötzlich einige Geschosse explodieren. Es ist Tränengas, mit dem mazedonische Sicherheitskräfte die Flüchtlinge zurücktreiben wollen. Einem AFP-Fotografen zufolge setzen sie auch Blendgranaten ein. Die Menge zuckt kollektiv zusammen. In ihr stehen viele Syrer, Afghanen, Iraker – und die sind vor Explosionen ganz anderer Art geflohen. Doch auch hier ist es schlimm genug: Durch die Granaten werden mehrere Menschen leicht verletzt. Der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ zufolge müssen vier ins Krankenhaus gebracht werden.

Seit Tagen eskaliert an der Grenze von Griechenland zu Mazedonien die Lage. Mazedonien hat den Notstand ausgerufen, die Grenze ist seit zwei Tagen geschlossen. Ein paar schaffen es dennoch. Martin Neumeyer, Integrationsbeauftragter der bayerischen Staatsregierung, hat sich am Freitagmorgen selbst ein Bild von der Situation gemacht. Von den Übergriffen der Polizei bekam er zwar nichts mit, dafür sprach er auf beiden Seiten mit Beamten – und mit einigen der 5000 Flüchtlinge, die inzwischen am vier Kilometer langen, kniehohen Stacheldrahtzaun darauf warten, nach Mazedonien und weiter Richtung Westeuropa zu ziehen. „Das ist eine Schengen-Grenze“, sagt er beeindruckt am Telefon, „da fragt man sich, was Schengen wert ist.“

Über den Zaun hinweg habe er mit einigen der Flüchtlinge reden können. „Die Syrer selbst haben berichtet, dass etwa 50 Prozent der Menschen aus Syrien kommen.“ Deutlich mehr jedoch hätten sich als Syrer ausgegeben. Einige hätten gut türkisch oder griechisch gesprochen, weil sie offenbar schon länger dort leben und jetzt weiterziehen. „Es sind viel mehr Menschen in Bewegung, als wir glauben“, sagt der CSU-Politiker, der die eben erst von Thomas de Maizière aufgestellte Flüchtlingsprognose von 800 000 schon wieder infrage stellt. „Wenn ich das hier sehe, weiß ich nicht, ob wir da nicht an eine ganz andere Zahl ranrauschen.“

Anders als in den vergangenen Wochen erhalten die Flüchtlinge in Mazedonien am Freitag keine Papiere mehr, um in Züge nach Serbien zu steigen, die in Richtung EU fahren. „Sie wollen uns wohl nach Griechenland zurückbringen“, sagt ein 24-jähriger Student aus Damaskus einem AFP-Reporter. „Wir sind völlig erschöpft.“ An den Bahnhöfen der Region war es zu Wochenbeginn zu dramatischen Szenen gekommen. Die Bilder von Menschen, die kopfüber durch die Fenster in bereits überfüllte Züge kletterten, gingen um die Welt.

„Ich habe es nicht so extrem erwartet“, sagt Neumeyer, der am Wochenende Ministerpräsident Horst Seehofer über seine Eindrücke informieren will. „Eine gewisse Spannung liegt in der Luft“, berichtet Neumeyer. Die Flüchlinge seien verzweifelt, hungrig und durstig. Am Mittwoch, 2. September, trifft sich das bayerische Kabinett zu einer Sondersitzung, tags darauf ist ein Gipfel mit Kommunen, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden geplant. Die griechischen und mazedonischen Behörden zerbrechen sich derweil den Kopf, wie sie die mafiösen Strukturen der albanischen und türkischen Schlepper zerschlagen können.

In Bayern kommen die Behörden beim Kampf gegen Schleuser etwas voran. Inzwischen gibt es 1300 Ermittlungsverfahren im Freistaat, 600 Schleuser sitzen in Haft. Tendenz stark steigend. Christian Bernreiter, Landrat von Deggendorf und Präsident des Landkreistags, sagt: „Die Gefängnisse sind überfüllt mit Schleusern.“ Im Osten Bayerns seien die Zahlen der Ankünfte deutlich gestiegen. Es sind diejenigen, die es in Mazedonien noch vor der Grenzschließung über den Zaun und in die Züge geschafft haben.

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