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Alltägliche Szene, Juli 2014: Zwei Männer türkischer Herkunft schauen in einem Berliner Café türkisches Fernsehen.

„Ein türkischer Kommissar reicht nicht“

Mediennutzung: Beeinflusst Erdogan die Deutschtürken?

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Das Verhältnis zwischen deutscher und türkischer Regierung ist zerrüttet. Besonders umkämpft ist die Gunst der Deutschtürken. Eine wichtige Rolle spielen die Medien.

München – Kürzlich hat sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mal wieder an die türkeistämmigen Wähler in Deutschland gerichtet. Bei der anstehenden Bundestagswahl, erklärte er, sollten sie weder Christdemokraten noch SPD oder die Grünen wählen. Diese Parteien seien „Feinde der Türkei“.

Erdogan sprach seine Worte auch in die Mikrofone türkischer TV-Sender. Im politischen Streit zwischen Deutschland und der Türkei kommt diesen Sendern eine besondere Rolle zu. Denn unter den türkeistämmigen Menschen hierzulande sind sie besonders populär. 58 Prozent nutzen überwiegend oder ausschließlich türkisches Fernsehen. Im Schnitt knapp drei Stunden am Tag. Radio und Zeitschriften spielen eine untergeordnete Rolle.

„Die Nachrichten konsequent auf die Linie der AKP ausgerichtet“

Die Zahlen stammen von Joachim Schulte, der in Berlin als Migrationsforscher arbeitet und das Marktforschungsinstitut „Data4U“ leitet. „Türkische Fernsehsender zeigen viele Soaps mit Herz und Schmerz“, erklärt Schulte. „Der Nachrichtenanteil ist zwar gering, aber seit Jahren konsequent auf die Linie der Regierungspartei AKP ausgerichtet. Das ist natürlich eine massive Beeinflussung.“

Diese Einflussnahme war auch vor dem Referendum über ein Präsidialsystem im Frühjahr zu beobachten. Die nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 größtenteils auf Regierungslinie gezwungenen türkischen Medien berichteten ausnehmend wohlwollend über Erdogans Pläne. Die Abstimmung gewann der Präsident knapp, auch mit vielen Ja-Stimmen aus Deutschland.

Der Integrationsforscher Haci-Halil Uslucan kam selbst als Kind türkischer Gastarbeiter Anfang der 1970er-Jahre nach Berlin. Heute beschäftigt er sich als Professor für Moderne Türkeistudien an der Uni Duisburg auch mit der Rolle der Medien. Besonders die ältere Generation der Deutschtürken nutze türkisches Fernsehen, sagt er. Das liege auch an der Sprachbarriere. Und es erkläre den hohen Durchschnittswert von 58 Prozent. „Bei den Jüngeren ist das anders. Sie nutzen vermehrt deutschsprachige Medien, dazu natürlich soziale Netzwerke.“

Unhaltbar ist die These: „Erdogan spricht direkt in die Wohnzimmer der Deutschtürken“

Uslucan stellt zudem eine interessante Zweiteilung fest. „Wenn sie Informationen über Deutschland wollen, nutzen sehr wenige Türkeistämmige türkisches Fernsehen. Der Großteil greift dann auf deutschsprachige Medien zurück.“ Bei Informationen über die Türkei sei es andersherum. Sein Fazit: Die Propaganda-These „Erdogan spricht direkt in die Wohnzimmer der Deutschtürken“ sei in dieser Schlichtheit nicht haltbar.

Tatsächlich stellt sich die Frage, wen Erdogan mit seinen Einlassungen zur deutschen Politik überhaupt zu einem Meinungswechsel bringen kann. Seine Anhänger teilen sein Weltbild ohnehin. Und längst nicht alle der gut drei Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund sind bei der Bundestagswahl überhaupt wahlberechtigt. Die Rede ist von rund 700 000 Wahlberechtigten mit türkischen Wurzeln – bisher überwiegend SPD-Wähler. Der große Rest hat keinen deutschen Pass oder ist zu jung.

Und das Thema kann auch aus der gegenteiligen Perspektive beleuchtet werden. Das deutsche Fernsehen biete Deutschtürken wenig an, befinden sowohl Uslucan als auch Schulte. Das gelte gerade für die öffentlich-rechtlichen Sender – und das, obwohl auch Türkeistämmige seit vielen Jahrzehnten Rundfunkgebühren bezahlen.

Migrationsforscher würde deutsch-türkischen Sender begrüßen

„Da ist über die Jahre sehr viel Geld zusammen gekommen“, sagt Migrationsforscher Schulte. „Und ein türkischer Kommissar im ,Tatort‘ ist als Gegenleistung ziemlich wenig. Deshalb würde ich einen deutsch-türkischen Sender, ähnlich wie das deutsch-französische Arte-Programm, ausdrücklich begrüßen.“

Dafür aber spricht momentan nicht viel. Und so dürften die medialen Parallelwelten auch weiterhin kuriose Blüten treiben. Als das halbe Land 2010 über die umstrittenen Thesen von Thilo Sarrazin diskutierte, führte Schultes Institut eine Umfrage unter den Türken in Deutschland durch. Ergebnis: Knapp zwei Drittel der Befragten hatten die hitzige Diskussion über Einwanderer und Integration gar nicht mitbekommen.

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