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Einsame Entscheidung: Was in der Wahlkabine passiert, ist schwer vorherzusagen.

Prognosen auf dem Prüfstand

Meinungsforscher lagen bei Saarwahl schon wieder daneben

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Auch vor der Saarland-Wahl liegen die Umfragen der Demoskopen falsch – Sind die Wähler heute unberechenbar? Oder gibt es andere Gründe für die ungenauen Vorhersagen?

München – In einer verlässlichen Welt, die sich noch an Umfragen hält, wäre es nicht zum Brexit gekommen. Hillary Clinton wäre wohl die 45. Präsidentin der USA und der FC Bayern jedes Jahr Deutscher Meister. Bis auf die Sache mit dem FC Bayern aber ist es in jüngster Vergangenheit oft anders gekommen, als es viele Meinungsforscher vorausgesagt hatten. Zuletzt am Wochenende. Bei der Landtagswahl im Saarland hatten die Demoskopen ein enges Rennen zwischen CDU und SPD prophezeit. Mit 35 Prozent verortete INSA die CDU nur 2 Punkte vor den Sozialdemokraten, Infratest dimap hatte zuvor nur einen Prozentpunkt zwischen den Volksparteien liegen gesehen. Die Forschungsgruppe Wahlen sah die Schwarzen immerhin 5 Punkte vor den Roten (37 Prozent/32 Prozent).

Daneben lagen sie alle. In den Wahlkabinen haben die Saarländer der CDU einen haushohen Sieg geschenkt. Mit 40,7 Prozent lag sie 11 Punkte vor den Sozialdemokraten (29,6). Grob verschätzt. Mal wieder.

Man könne tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass die Demoskopen zuletzt auffällig oft nicht richtig lagen, sagt Thorsten Faas. Der Professor für Politikwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist Experte für „Empirische Politikforschung“. Dass die Umfragen diesmal trügen könnten, das hatte er in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine“ vor der Saarland-Wahl vorausgesagt.

Bei FDP, AfD, Grünen und Linken stimmten die Zahlen

Was aber die angebliche Fehlleistung der Demoskopen betrifft, müsse man gerade mit Blick auf das Saarland realistisch bleiben, betont der Wissenschaftler gegenüber unserer Zeitung. „Es gab Verschiebungen zwischen SPD und CDU, die zu Abweichungen zwischen Umfragen und Wahlergebnis führten“, sagt Faas. Die Ergebnisse der anderen Parteien hätten die Institute allerdings „sehr gut getroffen“. Tatsächlich lagen die Umfragen recht nah bei den letztendlichen Resultaten von FDP, AfD, Grünen und Linke.

Und auch was das Verhältnis zwischen SPD und CDU angeht, müsse kein Fehler vorliegen. „Diese Verschiebungen auf der Zielgeraden zwischen Union und SPD kann es ja auch tatsächlich gegeben haben, das ist sogar sehr wahrscheinlich.“ Um aber den Eindruck der falschen Umfrage zu verhindern, müssten Demoskopen deshalb „noch deutlicher machen, welche Unsicherheiten mit ihren Zahlen verbunden sind“.

Worauf Faas auch hinaus- will: Gerade die Umfragen könnten schließlich viele Menschen erst dazu gebracht haben, überhaupt zur Wahl zu gehen – oder sich noch umzuentscheiden. Zum Beispiel, um eine rot-rote Koalition zu verhindern. Damit lägen dann keine fehlerhaften Umfragen vor, sondern vielmehr Reaktionen der Menschen auf diese Umfragen, die ja immer nur Momentaufnahmen waren.

„Immer mehr Menschen entscheiden sich immer später“

Unabhängig davon glaubt Faas aber auch, dass es für die Erheber von Umfragen tatsächlich härter geworden ist. „Immer mehr Menschen entscheiden sich immer später. Das macht das Geschäft schwieriger. Zudem haben die Demoskopen auch damit zu kämpfen, dass weniger Menschen bereit sind, an ihren Umfragen teilzunehmen.“

Auch Robert Vehrkamp, Demokratie-Forscher bei der Bertelsmann-Stiftung, sieht dieses Problem. „Menschen, die sich nicht mehr an Wahlen beteiligt haben, beteiligen sich in der Regel auch nicht an Umfragen“, sagt er. Es sei deshalb sehr schwierig, bisherige Nichtwähler zu erfassen. Im Saarland war dieser Unsicherheitsfaktor besonders groß. Um satte 10 Prozent ist die Wahlbeteiligung angestiegen. 

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