Bundeskanzlerin Angela Merkel und Georg Anastasiadis, Chefredakteur des Münchner Merkur.
+
Georg Anastasiadis, Chefredakteur des Münchner Merkur mit einem Kommentar zur Corona-Notbremse.

Kommentar

Corona-Notbremse: Ausgangssperre um 21 Uhr - Merkel überspannt den Bogen

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
    schließen

Wenn der Merkel-Lockdown kommt, sollen die Bundesbürger ab 21 Uhr ihre Wohnung nicht mehr verlassen dürfen. Das geht nicht gut. Zu Recht verlangt jetzt Söders CSU, dass die Kanzlerin bei ihrem Infektionsschutzgesetz nachbessern muss. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Ausgangssperren wirken in der Viruskrise, sagen Epidemiologen. Das stimmt. Nur wie sie wirken, weiß keiner so ganz genau. Zieht der Staat die Schraube zu stark an, wird er zivilen Ungehorsam ernten. Soll dann die Polizei an einem lauen Frühlingsabend tausende Menschen vom Isarufer oder von der Spree wegtragen, die nach einem langen Winter die ersten schönen Feierabende im Freien verbringen? Sollen sie zurück in enge Wohnungen und dort noch gemeinsam ein Bier trinken? Das wäre ein Fest - für das Coronavirus.

Corona-Notbremse: Ausgangssperre um 21 Uhr - Merkel überspannt den Bogen

Das sture Festhalten der Kanzlerin an ihrer 21-Uhr-Ausgangssperre zeigt, wie weit Angela Merkel der Lebenswirklichkeit in dem Land, das sie seit 15 Jahren regiert, mittlerweile entrückt ist. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach trommelt sogar für eine Ausgangssperre ab 20 Uhr. Bei aller berechtigter Sorge über die Lage auf den Intensivstationen: Man kann sehr darüber streiten, wie überzeugend es ist, dass sich ausgerechnet der Bund, der in der Pandemie bisher so ziemlich alles vermasselt hat, mit dem Infektionsschutzgesetz zum Retter aufspielen will. Aber wenn Merkel bei einer Inzidenz von 100 bereits um 21 Uhr, wenn es draußen noch hell ist, das ganze Land zusperrt, und das bis in den Juni hinein, überspannt sie den Bogen. Sie wird ihre Bundesbürger dann von einer anderen Seite kennenlernen.

Längst ist die 21-Uhr-Regelung zum harten emotionalen Kern des Widerstands gegen den Merkel-Lockdown geworden. Das hat sogar Söders CSU erkannt, die etwas Druck aus der explosiven Lage nehmen will und jetzt eine Verschiebung der Ausgangssperre auf 22 Uhr fordert, so wie sie in Bayern schon jetzt gilt. Eine Stunde. Ein Symbol? Gewiss. Aber eines, das zwar nicht für alle, aber doch für viele Bürger den Unterschied macht.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare