Bundeskanzlerin Angela Merkel (2.v.r.) und Malu Dreyer (r.), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sprachen am 18. Juli mit betroffenen Anwohner bei ihrer Besichtigung des vom Hochwasser verwüsteten Dorfs Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (2.v.r.) und Malu Dreyer (r.), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz im Dorfs Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler.

„Aus Verzweiflung den Freitod gewählt“

Eindrücklicher offener Brief an Merkel nach der Flut-„Apokalypse“ - Betroffene haben klare Forderungen

  • Cindy Boden
    VonCindy Boden
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Die Betroffenen von der Flutkatastrophe vor wenigen Wochen rufen nach Hilfe. Sie wenden sich an Kanzlerin Merkel: Sie brauchen Geld, seelische Hilfe und Absicherung.

Altenahr - Das Juli-Hochwasser in Teilen Deutschlands hat viel Leid und Zerstörung gebracht. Vor Ort wird weiter kräftig aufgeräumt. Doch viele stehen vor dem Nichts. Kein Haus, kein Job, keine anständige Versorgung und Infrastrukur. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet war unter anderem am Montag in der Region - dort traf er auf teils wütende Flutopfer. Kein leichter Termin, vor allem nicht in Wahlkampfzeiten. Doch die Menschen vor Ort interessiert aktuell das Rennen für die Bundestagswahl vermutlich nur am Rande. Lediglich der Blick nach vorn wird spannend: Wer folgt Angela Merkel (CDU) ins Kanzleramt nach und was tut sie oder er zur Prävention, aber auch zur Schadensbekämpfung?

Noch sitzt die alte Regierungschefin an der Spitze, Merkel war selbst schon in den Krisengebieten vor Ort. Auch wenn die CDU-Politikerin warme Worte fand, schnell war sie auch wieder weg. Die Verbandsgemeinde Altenahr wendet sich nun in einem offenen Brief an Merkel und an die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Bereits am Sonntag habe sie das Schreiben erhalten, wie am Dienstag bekannt wurde.

Verzweiflung im Ahrtal in Rheinland-Pfalz nach dem Hochwasser - und ein bisschen Hoffnung

Denn drei Wochen ist die Katastrophe nun schon her, der Appell um sofortige Hilfen flacht aber nicht ab. Es gehe um eine „Zukunftsperspektive im Ahrtal“. Die 15 Unterzeichnenden, darunter die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde, Cornelia Weigand, erinnern an die „Apokalypse“ vom 14. Juli. „Viele von uns müssen den Tod von Angehörigen, Nachbarn und Bekannten beklagen und die meisten von uns haben ihr Hab und Gut und ihr Zuhause in der Katastrophe verloren. Das Ausmaß der Verwüstung im Ahrtal ist immer noch unbegreiflich und wegen der im oft engen Tal konzentrierten Wohngebiete und Infrastruktur außerordentlich komplex“, heißt es in dem Brief.

„Zur Versorgung der Bevölkerung über den Landweg werden Behelfsstraßen angelegt. Der Großteil des Straßennetzes ist zerstört. Die Gefahr von Seuchen und Krankheiten steigt mit jedem Tag, da eine intakte Frischwasserversorgung und Abwasserentsorgung in großen Teilen nicht mehr existent ist. Dementsprechend steigt auch die Angst in der ohnehin schon stark traumatisierten Bevölkerung.“ Und direkt daran anschließend steht in Klammern gesetzt: „Menschen haben aus Verzweiflung bereits den Freitod gewählt.“

Die Betroffenen seien überwältigt von Spendenbereitschaft, die Großzügigkeit vieler mache Hoffnung. Auch aus der Politik kämen „Anzeichen von Direkthilfen und Unterstützung der Gemeinden“. Doch dann der fettgedruckte Teil: „Aber wenn wir das Ausmaß der Zerstörung sehen ist klar, dass all die bisherigen Hilfen und deren Organisation nicht ansatzweise ausreichen werden.“

Offener Brief an Kanzlerin Merkel: Betroffene listen 10 Punkte auf - von Sonderbeauftragter bis Seelsorger

Im Anschluss listen sie zehn Punkte auf, was jetzt gebraucht werde. Gleich zu Beginn: einen Sonderbeauftragten mit umfassenden Kompetenzen. Ein Stab von Fachleuten solle dieser Person helfen, zu koordinieren, einen Wideraufbauplan entwickeln und dessen Umsetzung leiten. In diesen Plan integriert werden müssen die weiteren Punkte. Dazu gehöre eine kurzfristige Perspektive für Strom, Wasser, Abwasser und Heizung. Denn die Temperaturen werden fallen, besonders nachts wird es für die Menschen vor Ort dann schwierig. Auch die Straßen, Brücken und Schienen müssten wieder aufgebaut werden - sonst komme der Tourismus nicht wieder in Gang, Betriebe und Arbeitnehmer in den Städten würden wegziehen. Auch bei Schulen, Kitas und Krankhäusern sehe es derzeit schlecht aus.

Und auch an mögliche folgende Katastrophen denken die Bewohner: „Es braucht ein verlässliches, differenziertes Frühwarnsystem und einen geübten Katastrophenschutz!“, steht in dem Brief an Merkel und Dreyer. Zudem müsse eine hochwassertaugliche Bauweise entwickelt werden, damit Brücken und einzelne Gebäude „nicht zu tödlichen Staufallen“ werden. Es brauche zu akzeptablen Konditionen Elementarversicherungen; Betriebe, Weinbau und Tourismus, aber auch Privatpersonen müssten sofort unterstützt werden. Der letzte Punkt des Briefes, spricht noch einmal das seelische Leiden der Menschen an: „Ein Programm zur Traumabewältigung muss her. Die schrecklichen Bilder werden uns bis ans Lebensende begleiten.“

Scholz im Katastrophengebiet: „Das Geld steht vom Bund und von den Ländern bereit“

Eine grober Plan, was nun getan werden muss, steht damit. Wie reagiert die Politik? Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) schätzt, dass der Wiederaufbau „viele Milliarden verschlingen“ werde. „Das Geld steht vom Bund und von den Ländern bereit“, sagte er am Dienstag bei einem Besuch mit Armin Laschet in Stolberg, in NRW. Mit der Aufbauarbeit könne sofort begonnen werden. Laschet mahnte, dass die Städte „hochwasserresilient“ wieder aufgebaut werden müssten. (cibo)

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