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Ein emotionaler Moment, der Solidarität demonstriert: Frankreichs Präsident Hollande umarmt Kanzlerin Merkel.

Im Zeichen des Terrors

Warum dieses Bild Frankreich so sehr berührt

Paris - Es war eine Geste abseits des Protokolls – und zugleich ein bewegender Moment auf der großen Politikbühne. Die Umarmung von Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel vor dem Trauermarsch in Paris hat ein Stück deutsch-französische Geschichte geschrieben.

Es war eine spontane Reaktion des französischen Präsidenten, als er die Kanzlerin auf den Stufen des Elysée-Palastes an sich zog und Angela Merkel sich mit geschlossenen Augen eine Sekunde an die Wange von François Hollande lehnte. Das Bild ging um die Welt. Es erinnerte ein wenig an den Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterrand über den Gräbern von Verdun oder an den Kniefall von Willy Brandt in Warschau. Es war Geschichte zum Anfassen.

Dass Hollande und Merkel trotz vieler Gespräche lange miteinander fremdelten, ist kein Geheimnis. Auch deshalb, so der Frankreich-Experte Ulrich Wickert gegenüber unserer Zeitung, sind derartige Gesten sehr wichtig, „denn sie drücken einen Symbolwert aus, der über den Tag hinausgeht“. Zugleich warnt Wickert aber davor, die Geste überzubewerten, denn das Foto ist ein Standbild. Im Film ist zu sehen, wie Hollande Merkel an sich zieht, „und dass sie in dem Moment wahrscheinlich gar nicht weiß, wie sie reagieren soll“. Der emotionale Moment, so Wickert, folgt, „als sie die Augen schließt“. Und genau dieser im Bild festgehaltene Moment macht das Foto überaus wichtig, denn „es dokumentiert die Solidarität des deutschen Volkes mit dem französischen Volk“.

Das sieht auch der Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli von der Universität Koblenz-Landau so, der die Kanzlerin als eine „gestenarme und in ihrer Ausdrucksweise frugale Politikerin“ charakterisiert: „Szenen dieser Art sind in der gegenwärtigen Situation überaus wichtig, denn unterschwellig sind noch immer Ressentiments vorhanden. Die Franzosen haben oft den Eindruck, die Deutschen wollen dominieren. Und die Deutschen wiederum zweifeln an der Bereitschaft der Franzosen, sich bei den nötigen Reformen einem Leidensprozess zu unterwerfen, wie ihn die Deutschen bereits hinter sich haben.“ Da sei es besonders wichtig, ganz emotional, über den politischen Alltag und mögliche Interessen hinaus ganz persönliche Solidarität zu zeigen. So, wie es auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière und sein französischer Amtskollege Bernard Cazeneuve mit einer Umarmung, die auch eine Verneigung vor den Terroropfern von Paris war, getan haben. „Das“, sagt der Politik-Experte Sarcinelli, „sind Botschaften, die die emotionellen Tiefenstrukturen, von denen das Verhältnis zweier Länder lebt, berühren und vertiefen“. Sie verweisen auf eine werteorientierte Grundhaltung, „die beiden Nationen in gleicher Weise als Basis dient“.

Wickert verweist darauf, dass Szenen wie der Kohl-Mitterrand-Händedruck oder die Merkel-Hollande-Umarmung in Frankreich einen noch größeren Nachhall haben als in Deutschland: „Das hat damit zu tun, dass wir in Deutschland aufgrund unserer Vergangenheit mit den Nationalsozialisten symbolische Gesten sehr vorsichtig betrachten. Die Franzosen sind da anders. Für sie sind Symbole sehr wichtig.“ Und deshalb ist der Frankreich-Experte Wickert, der viele Jahre aus Paris berichtete, fest davon überzeugt, „dass dieses Foto mit dazu beitragen wird, dass die Franzosen sagen: die Deutschen sind eben doch gute Partner.“

Wenn das Bild diese Wirkung erzielt, ist es fast nebensächlich, ob die Szene gewollt ist, geplant war oder spontan entstanden ist. Was aber auch bleibt, ist die traurige Wahrheit, dass dieses Foto so nur entstehen konnte, weil viele Menschen ermordet worden und sehr viele leiden müssen.

Werner Menner

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