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Auftritt bei Freunden: Kanzlerin Angela Merkel am Montag mit Theo Waigel (CSU).

Ein denkwürdiger Abendtermin

Merkel in München: Heimspiel in der „Fuchsenstube“

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Merkel auf München-Reise, der nächste Versuch. Nach den Pleiten beim CSU-Parteitag und dem Versöhnungstreffen kommt die Kanzlerin zum Treffen der Unions-Fraktionschefs. Und zu einem denkwürdigen Abendtermin.

München – Als sich der Arbeitstag dem Ende zuneigt, hat Angela Merkel den vielleicht schönsten München-Termin ihres Lebens. Im „Franziskaner“, gleich gegenüber der Oper, wartet ihr Fanclub. Wobei: Gastgeber Theo Waigel sagt, man solle das nicht schreiben. „Dazu haben wir nicht das richtige Alter.“ Die Damen und Herren vereinigen ziemlich viel Lebenserfahrung. Kurt Faltlhauser ist da. Alois Glück. Josef Miller. Aber auch Charlotte Knobloch und Bertram Brossardt. Die Protestantin aus dem Osten, mit der so viele in der CSU hadern, erlebt ein Heimspiel in der „Fuchsenstube“.

Die rund 80 Zuhörer erleben eine Merkel, wie sie die breite Öffentlichkeit nicht kennt. Im Fernsehen sieht man die Unnahbare, die Sätze von schwer zu fassender Nüchternheit stanzt. In der „Fuchsenstube“ aber ist die Kanzlerin zu Gast bei Freunden. „Das ist schon ein bewegender Moment“, sagt sie. Schließlich habe sich Waigel in Zeiten, „in denen es nicht so simpel war“, auf die Suche nach Merkel-Unterstützern gemacht. Dann plaudert die Naturwissenschaftlerin über ihre schwierigen Anfänge in der Politik und scherzt über ihre Schwächen in Geschichtswissenschaften. Und sie umgarnt die CSU-Granden. „Ich hätte sehr gerne einmal Franz Josef Strauß kennengelernt.“ Obwohl: „Ich weiß nicht, ob ich mit ihm zusammengerasselt wäre.“

Nein, diese München-Visite ist keine gewöhnliche. Wenn Merkel wollte, könnte sie einen Triumphzug daraus machen. Das beginnt schon am frühen Abend, als ihre Limousine an der imposanten Westpforte des Maximilianeums hält. Der rote Teppich ist ausgerollt. Es gab Zeiten, in denen die Kanzlerin davon nicht zu träumen gewagt hätte. Horst Seehofer wartet auf sie. In zweiter Reihe, denn bei den Fraktionsvorsitzenden der Union, die Merkel offiziell in München besucht, ist der Thüringer Mike Mohring Gastgeber. Die Kanzlerin könnte den Moment auskosten. Stattdessen ein kurzer Händedruck. Dann geht’s in den Sitzungssaal. Ein Fotograf ruft noch: Wenigstens ein gemeinsames Foto. Weg ist sie.

Eine Stunde Zeit nimmt sich Merkel für die Fraktionschefs, darunter frische Wahlsieger wie Armin Laschet (NRW) und Daniel Günther (Schleswig-Holstein). Dann stellt sich die öffentliche Merkel vor die Kameras und sagt ein paar sehr merkelige Sätze zum gemeinsamen Wahlprogramm von CDU und CSU. „Wir sind die Parteien, die die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft leben.“ Solche Sachen. Seehofer überlässt ihr das Podium und setzt sich zu den Journalisten. Es ist sein Podium, hier tagt sonst die CSU-Fraktion des Landtags (und schimpft gerne über Merkel). Diesmal bleibt er unten. Er will nicht wieder Bilder produzieren, auf denen die beiden aussehen wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat.

Merkel in München: Diese Themen sind noch strittig

Die Episode zeigt, wie heikel diese Visite ist. Offiziell geht es um Inhalte, doch konkret werden will keiner. Die Zuwanderung mit dem Reizwort Obergrenze, Volksabstimmungen, Doppelpass – es gibt etliches, was noch strittig ist. Aber darüber wird nur hinter verschlossenen Türen gesprochen, wie am Sonntag in Berlin. Offiziell herrscht Harmonie. Einen „sehr guten Teamgeist“ hat Seehofer ausgemacht. Auch beim Thema Steuersenkung nähert man sich an, selbst mit Wolfgang Schäuble. „Dabei ist das einer, der wirklich immer die Hand auf der Kasse hat.“

Die CSU hat bei dieser Annäherung einen weiten Weg hinter sich. Und es war ausgerechnet Seehofer, der Merkel beim Parteitag vor zwei Jahren die wohl größte Demütigung ihrer Kanzlerschaft zufügte, der forsch voranschritt und seine Partei hinter sich herzog. Am 9. Februar, nur Tage nach dem misslungenen Friedensgipfel, sah sich Seehofer in seiner Landtagsfraktion massiver Kritik ausgesetzt. Zweieinhalb Stunden lang diskutierte man. Ein Abgeordneter las Unmutsbriefe der Basis vor. Merkel sei überall auf der Welt unterwegs, sagte Finanzminister Markus Söder. „Die Kanzlerin muss zeigen, dass ihr Deutschland am Herzen liegt.“ Seehofer hielt dagegen. Man müsse sich annähern. „Alles andere wäre die blanke Katastrophe – das sage ich als Parteivorsitzender in aller Deutlichkeit.“ Wenn es schief gehe, könne man ihn „nach der Wahl köpfen“.

Aktuell scheint sich der CSU-Chef nicht um seine Gesundheit sorgen zu müssen. Aber die Episode zeigt, welchen Spagat er mit seiner Annäherung hinlegen muss. Hier Waigel, dort Söder. Damit die aktive Partei von den vielen Ex-Ministern nicht gar so vorgeführt wird, hat sich am Vormittag noch Spitzenkandidat Joachim Herrmann per SMS zu der Veranstaltung eingeladen. Eine Rede hält er nicht.

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