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Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze. Das Foto stammt aus dem Jahr 2015.

Ein Jahr "Wir schaffen das"

Merkel-Kritiker Tiedje: Kanzlerin hat "Riesenfehler gemacht"

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München - Kaum ein Satz der letzten Jahrzehnte hat ein Land so polarisiert wie Angela Merkels Leitmotiv „Wir schaffen das“. Ein Jahr später fallen die Bilanzen höchst unterschiedlich aus. Ein Interview mit Merkel-Kritiker Hans-Herman Tiedje.

Einer der schärfsten Merkel-Kritiker ist Hans-Hermann Tiedje (67), ehemaliger „Bild“- und „Bunte“-Chefredakteur und Kohl-Berater. Er führt heute den Aufsichtsrat einer Kommunikationsagentur in Berlin.

Ein Jahr „Wir schaffen das.“ Haben wir es geschafft – oder hat es uns geschafft?

Hans-Herman Tiedje: Vielleicht schafft dieser Satz noch Frau Merkel. Der ist etwa so töricht wie „Alles wird gut“.

Was ist so falsch daran, wenn die Kanzlerin Optimismus zeigt für unser pessimistisches Land?

Hans-Herman Tiedje.

Tiedje: Was schaffen wir? In welcher Zeit? Was ist das Ziel unseres Schaffens? Das ist bis heute alles offen. Die deutsche Bevölkerung ist von der Kanzlerin nicht ein einziges Mal gefragt worden, ob sie diese bevölkerungspolitische Umstrukturierung unseres Landes überhaupt will. Merkel mutet den Leuten sehr viel zu und erklärt sehr wenig. Die guten Menschen dieser Welt werden ihr dafür vielleicht den Friedensnobelpreis verleihen – aber innenpolitisch ist das verheerend.

Wird die Regierung ihre Flüchtlingspolitik weiter ändern? Ändern müssen?

Tiedje: Ich bin sicher: Allerspätestens bei den Koalitionsverhandlungen 2017 – falls sie da noch mit am Tisch sitzt – wird Merkel von der CSU den Begriff Obergrenze in den Koalitionsvertrag diktiert bekommen. Andernfalls kann die CSU nicht in eine Koalition eintreten, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Schon vor einem Dreivierteljahr schrieben Sie, eigentlich müsse Merkel vor das Volk treten und um Verzeihung bitten für einen Milliardenschaden. Warum so harsch?

Tiedje: Sie wird das nicht tun, das wäre definitiv ihr politisches Ende. Aber Frau Merkel hat einen Riesenfehler gemacht, der Deutschland Milliarden und Abermilliarden kostet. Wesentliches Element dieses Fehlers waren die Selfies mit den Flüchtlingen. Ich habe hier in meinem Büro einige hängen. Diese Bilder haben den Nahen Osten eingeladen, Richtung Deutschland aufzubrechen.

Am Sonntag wählt Mecklenburg-Vorpommern den neuen Landtag. Droht der CDU eine Klatsche in Merkels Heimat?

Tiedje: Eine Klatsche? Es wird eine glatte Bruchlandung für CDU, SPD und Linke. Bei diesen drei Parteien bedient sich die AfD. Ich rechne für Petry, Gauland und Konsorten mit einem Ergebnis von bis zu 25 Prozent. Die AfD ist zwar definitiv keine intellektuelle Bereicherung für unser Land, aber sie bindet Wähler an sich, die an Merkels Politik verzweifeln. Wie übrigens fast der ganze Rest Europas – von Ungarn über Polen bis Spanien und Frankreich. Keiner dieser Staaten wird uns die Flüchtlingsmassen abnehmen.

Ist Seehofer mit seiner Rhetorik mit schuld am Erstarken der AfD?

Tiedje: Nein, wieso Seehofer? Gar nicht. Die AfD ist für viele eine Alternative geworden, weil Merkel ihre Politik kurzerhand für alternativlos erklärt hat. Die Wahrheit ist: Es gibt im Leben immer und zu allem eine Alternative. Das Ergebnis von Mecklenburg-Vorpommern hat Frau Merkel ganz allein zu verantworten.

Die CDU wirkt wie eine behäbige, brave Kanzlerwahlpartei. Rumort es intern stärker?

Tiedje: Na sicher! Ich rede viel mit Abgeordneten. In Fraktionssitzungen herrscht oft eine Stimmung wie bei einem Begräbnis. Wenn jetzt Bundestagswahlen wären, würde jeder fünfte CDU-Abgeordnete sein Mandat verlieren, da kommt wenig Freude auf. Wenn der erste aufsteht in einer Fraktionssitzung der Union und sagt: Angela, es reicht – dann geht es rund. Abwarten, wann das passiert.

Seehofer nennt die Debatte um Merkels Kanzlerkandidatur 2017 "dämlich“. Was ist dämlich daran, ein Jahr vor der Wahl zu fragen, ob ein Regierungschef antritt?

Tiedje: Merkel könnte das natürlich jederzeit ankündigen. Falls sie das aber ohne Seehofers Segen täte, würde er vermutlich am nächsten Tag mitteilen: Ob sie unsere Kandidatin ist, wissen wir noch nicht. Die CSU ist in Berlin derzeit in einer extrem starken Position – insbesondere, weil jetzt auch die SPD unter Sigmar Gabriel die Obergrenze entdeckt hat.

Interview: Christian Deutschländer

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