„Merkel gibt es nur im Doppelpack mit Seehofer“

Kretschmanns Merkel-Lob: Bayerns Grüne sind genervt

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München - Winfried Kretschmanns schwarz-grüne Koalitionspläne sorgen bei den bayerischen Grünen für Kopfschütteln. Sie stören sich nicht an Angela Merkel, sondern an Horst Seehofer.

Winfried Kretschmann hat schon einmal – nun ja – eine Revolution ausgelöst, und zwar in Sachen Klospülung. Anfang der 80er war das, kurz nach der Gründung der Grünen. Kretschmann ist damals etwas über 30. Schwarzes, glattes Haar fällt ihm über die Stirn. Bei einem Fernsehauftritt in der Abendschau schlägt er vor, bei der Toilettenspülung zwei Stufen einzuführen, um Wasser zu sparen. „Entsprechend den physiologischen Bedürfnissen, klein und groß“, sagt er und meint es unheimlich ernst. 

Kretschmann, der Ur-Grüne. Heute gibt es Toiletten mit zweistufiger Spülung. Und Kretschmann ist der erste grüne Ministerpräsident. Er sitzt am Mittwochabend in Sandra Maischbergers Talkshow, die sich nur um ihn dreht. Man spielt den Klospülungsspot ein. Kretschmann, dessen Haar über die Jahre ergraut ist, sagt: „Man braucht Visionen.“ 

Winfried Kretschmann lobt Angela Merkel

So etwas wie eine Vision ist auch eine schwarz-grüne Regierungskoalition auf Bundesebene. Kretschmann, dessen Grüne in Baden-Württemberg selbst mit der CDU koalieren, befürwortet das, zumindest indirekt. Zuletzt nannte er in der „FAZ“ ein rot-rot-grünes Bündnis „schwer oder gar nicht vorstellbar“. Bei Maischberger lobt er nun Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er könne sich niemanden vorstellen, der den Job besser mache, sagt er. „Der Kurs ist richtig.“ Der Titel der Maischberger-Sendung lautet: „Der Grüne, den die Schwarzen lieben?“ Oder anders gefragt: Kretschmann, Merkels Vizekanzler? 

Innerhalb der eigenen Reihen sorgt Kretschmanns Fernsehauftritt kurz vor dem Grünen-Parteitag und weniger als ein Jahr vor der Bundestagswahl für Kopfschütteln. Fraktionschef Anton Hofreiter erklärt: „Wir werben nicht für irgendein Bündnis.“ Und Grünen-Chefin Simone Peter sagt der „taz“, man wolle Merkels Koalition ablösen. Deutliche Kritik kommt auch aus Bayern. 

Grüne sprechen von "Schwarz-Schwarz-Grün"

Bei internen Diskussionen über Koalitionen sprechen viele Grüne statt von Schwarz-Grün abfällig von „Schwarz-Schwarz-Grün“. Eine gemeinsame Bundesregierung mit den Christsozialen ist derzeit für die meisten unvorstellbar. „Das Problem ist nicht Merkel, sondern dass auch die CSU in der Regierung sitzt“, sagt der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Ludwig Hartmann. Sein Bundestagskollege Dieter Janecek traf sich zuletzt in Berlin mit anderen Grünen-Abgeordneten sowie Kollegen von den Linken und der SPD, um Gemeinsamkeiten auszuloten. Er sagt, er wolle Kretschmann schon sehr widersprechen. „Angela Merkel gibt es nur im Doppelpack mit Horst Seehofer.“ 

Insbesondere in der Gesellschafts- und Klimaschutz-Politik sehen die Grünen unüberwindbare Differenzen zur CSU. Das gilt sowohl für Bayern als auch den Bund. Doch auch das persönliche Verhältnis zwischen bayerischen Christsozialen und Grünen ist schlecht. Es fehlt gegenseitiges Vertrauen. Der Grünen-Landesvorsitzende Eike Hallitzky sagt: „Würde Kretschmann die CSU in Bayern Tag für Tag erleben, würde er anders über eine schwarz-grüne Koalition denken.“ Er habe eine ganz andere Perspektive, weil er in Baden-Württemberg mit der CDU und nicht mit der CSU zusammenarbeite.

Winfried Kretschmann - Ministerpräsident und Ex-Kommunist 

Kretschmann vereint Widersprüche. Das wird auch bei Sandra Maischberger deutlich. Er sieht sich als Pragmatiker, nennt sich aber auch einen „Anhänger von Hannah Arendt“. „Menschen scharen sich um eine gemeinsame Idee und üben so Macht aus“, sagt er. Als Kretschmann Mitte 20 ist, ist er Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland. Viele KBW-Mitglieder träumen damals von einer sozialistischen Revolution. Kretschmann tritt schnell wieder aus dem KBW aus. Das kleine rote Buch mit dem Programm hat er noch zu Hause.

rat

Rubriklistenbild: © dpa

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