Angela Merkel und Markus Söder auf dem Weg zu einer Pressekonferenz, daneben Kommentator Georg Anastasiadis
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Ein Kommentar von Georg Anastasiadis

Merkur-Kommentar

Corona-Modellstadt München will Söder und Merkel zeigen, wie es geht

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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Die Kanzlerin ist mit ihrer No-Covid-Strategie gescheitert. Jetzt wollen Städte wie München zeigen, dass sie es besser können.

Es war mit Händen zu greifen: Schon vor Merkels Bitte um Verzeihung befand sich Deutschland in der Coronapolitik an einem Kipppunkt. Nur noch unter Aufbietung aller Kräfte gelang es dem „No Covid“-Lager um die Kanzlerin und den bayerischen Ministerpräsidenten, ihre strenge, aber zunehmend erfolglose Lockdownpolitik durchzusetzen. Merkels Eingeständnis, die Folgewirkungen der von ihrem Kanzleramt entwickelten (und überfallartig präsentierten) Strategie der „Ruhetage“ nicht genug bedacht zu haben, bedeutet eine schwere Niederlage der Vertreter dieser Denkschule – und öffnet einen Spalt breit die Tür für neue Herangehensweisen im Kampf mit dem Virus.

Corona-Modellstadt: Rostock und Tübingen punkten mit Mut - Klappt es auch in München?

Städte wie Rostock und Tübingen – bezeichnenderweise regiert von einem Parteifreien und einem Grünen, für den sich die Grünen-Spitze schämt – haben gezeigt, dass man mit Gewitztheit, Mut und einer ausgeklügelten Test- und Nachverfolgungsstrategie Heime schützen und Innenstädte wieder vorsichtig öffnen kann. Sie haben sich gegen schwarz-rot-grüne Denkverbote aufgelehnt und den Menschen vertraut. Bisher sind sie nicht enttäuscht worden. Nur Momentaufnahmen, gewiss. Aber solche, die Hoffnung machen, dass die einzige Alternative zur Überlastung der Kliniken nicht das Zusperren des ganzen Landes sein muss. Es ist ein Zufall, aber trotzdem symbolträchtig, dass just an dem Tag, an dem die Kanzlerin das Scheitern ihrer Strategie zugeben muss, die Stadt München ihren Antrag stellt, Tübingen und Rostock nacheifern zu dürfen und bayerische Modellstadt für Öffnungen zu werden.

Coronavirus: Die Gefahr bleibt - aber jetzt braucht es auch Perspektiven

Richtig: Das Virus bleibt gefährlich, und es können wieder Lagen entstehen, die hartes und schnelles Handeln erfordern. Dennoch brauchen wir Perspektiven für Gastronomie, Handel, Kultur-, Freizeit- und Sporteinrichtungen, aber auch für heimische Tourismusbetriebe. Sie alle verfügen über erprobte Hygienekonzepte. Alles zuzusperren, damit sich die Menschen stattdessen bei Treffen in der Wohnung infizieren, kann nicht der Weg sein. Ebenso wenig kann es richtig sein, den Deutschen jetzt das Reisen ins Ausland zu verbieten, wie es Merkels Kanzleramt nach DDR-Vorbild ernsthaft erwägt, selbst wenn dort die Inzidenzen niedrig sind, die Fluggesellschaften Tests anbieten und alle Clubs geschlossen sind. Es gibt auch auf Mallorca Menschen, die jeden Euro zum Überleben brauchen – und Urlauber, denen die Aussicht auf ein paar Wochen am Meer gerade in der Pandemie Lebensfreude schenkt.

Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

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