Jens Spahn und Angela Merkel besprechen sich während einer Kabinettssitzung.
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (l) scheint mit der EU-Gesundheitsministerin nicht zufrieden. Er soll sich sogar bei Angela Merkel darüber beklagt haben.

Hauptschuldige gefunden?

Impf-Debakel: Spahn soll Merkel vor EU-Kommissarin eindringlich gewarnt haben - Brüssel-Insider mit bösen Worten

  • Andreas Schmid
    vonAndreas Schmid
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Es sind harte Worte, mit denen sich die EU-Gesundheitskommissarin konfrontiert sieht. Die Kritik an ihrer EU-Impfstrategie wächst - und kommt wohl auch von Jens Spahn.

  • Die Impf-Strategie der Europäischen Union steht in der Kritik.
  • Zielscheibe der Diskussion scheint dabei immer mehr EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zu werden.
  • Jens Spahn soll sich sogar bei Angela Merkel über Kyriakides beschwert haben. Auch in Brüssel scheinen nicht alle gut auf die Zypriotin zu sprechen zu sein.

Brüssel - Das viel zitierte Licht am Ende des Corona-Tunnels scheint sich nur schleppend zu erhellen. Die Impf-Strategie der Europäischen Union sieht sich zusehends mit Kritik konfrontiert. Es sei zu wenig Impfstoff vorhanden, die EU habe zu langsam und nicht in ausreichenden Mengen bestellt, lautet der Vorwurf.

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Dass im mittlerweile unabhängig von Brüssel agierenden Großbritannien oder auch Israel deutlich mehr Menschen gegen Covid-19 geimpft sind, befeuert die Kritik. Ins Zentrum dieser rückt nun immer mehr die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Die Zypriotin hatte die Verantwortung für die Impf-Beschaffung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen übertragen bekommen, scheint ihr allerdings offenbar nicht gewachsen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll schon früh an den Kompetenzen der 64-Jährigen gezweifelt haben. Dass sich Kyriakides zudem immer mal wieder Auszeiten von ihrer Arbeit nehmen soll, hätte ebenfalls für Verwirrung gesorgt. Laut der Bild-Zeitung habe Spahn sogar Angela Merkel vor der Zypriotin ob ihres Krisen-Managements gewarnt. Die Bundeskanzlerin habe diese Bedenken sehr ernst genommen und daraufhin von der Leyen kontaktiert. Eine Besserung sei daraufhin jedoch nicht zu beobachten gewesen.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides steht in der Kritik.

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Als Ende August der Vertrag mit AstraZeneca final abgeschlossen wurde, waren zweieinhalb Monate verstrichen, nachdem ihn Spahn mit den Gesundheitsministern aus Spanien, Frankreich und den Niederlanden aufgesetzt hatte. Der Vorwurf: Kyriakides mangelt es an Durchsetzungsvermögen.

Wie ein vermeintlicher Insider aus Brüssel gegenüber der Bild-Zeitung beklagt, würden „die Impfstoff-Firmen nicht mal ans Telefon gehen“, wenn die EU-Kommissarin anrufe. Bei Spahn sehe dies anders aus - der CDU-Politiker werde unmittelbar zum Chef durchgestellt. Kyriakides ist seit 2019 EU-Kommissarin, was sie vor allem ihren guten Kontakten zu verdanken habe, wie aus Brüssel zynisch zu hören sei. In dem Bericht heißt es dahingehend: „In Zypern machte sie wegen ihrer Familie Karriere, nicht wegen ihrer Qualifikation.“

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Die Impfstoffbeschaffung in Deutschland ist an die Strategie der EU gekoppelt. Als im Sommer erste Verträge mit Herstellern wie Biontech/Pfizer ausgehandelt wurden, entschied man sich, die Verteilung auf europäischer Ebene zu vollziehen. Auch in Deutschland wurde die Beschaffung des Vakzins somit an Brüssel delegiert. Ein Überbietungswettbewerb um die Erstzulassung sollte vermieden werden. Die 27 Mitgliedsstaaten der EU setzten auf Gemeinschaft statt Alleingänge - ein Schritt, der von vielen Beobachtern im Sinne des europäischen Geistes gelobt wurde.

Ein halbes Jahr nach den ersten Verhandlungen mit Impfstofffirmen ist der Ton jedoch ein anderer. Die EU habe zu zögerlich agiert und auf die falschen Hersteller gesetzt. Olaf Scholz soll in einer internen Sitzung beklagt haben, es sei „richtig scheiße gelaufen“. Fakt ist, dass die EU-Kommission in den letzten Monaten Verträge mit sechs Impfstoffherstellern abgeschlossen hat: Biontech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca, CureVac, Johnson & Johnson und Sanofi.

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Insgesamt seien so fast zwei Milliarden Impfdosen gesichert worden. Das ist grundsätzlich genug für die 450 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger, bleibt momentan aber lediglich ein Versprechen. Denn zugelassen sind bislang nur Vakzine von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca.

Problematisch ist auch, dass nicht alle Hersteller die gewünschten Mengen beschaffen konnten. Das britisch-schwedische Unternehmen AstraZeneca etwa wartete zuletzt mit Verzögerungen auf. Es kam zum Streit, für den sich niemand so recht verantwortlich fühlte und an dessen Ende die EU letztlich keine gute Figur machte.

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Am Ziel, bis Sommer 70 Prozent der erwachsenen EU-Bevölkerung immunisieren zu können, will die EU dennoch festhalten. Dies sei nach wie vor realistisch, hieß es zuletzt vonseiten Ursula von der Leyens. Aktuell ist man von dieser Marke jedoch noch weit entfernt, wie folgende Tabelle über die Impfquote in ausgewählten Ländern zeigt.

LandImpfquote in Prozent
1. Israel60,1
2. Vereinigte Arabische Emirate36,0
3. Seychellen31,4
4. Großbritannien15,5
5. USA10,1
8. Malta (bestes EU-Land)6,8
10. Dänemark & Island10,0
15. Spanien3,8
16. Italien3,7
23. Deutschland3,2
27. Schweden3,0
33. Frankreich & Österreich2,5

Es sei angemerkt, dass weltweit bei weitem noch nicht in allen Ländern mit dem Impfen begonnen wurde, insbesondere in Afrika verläuft die Beschaffung schleppend. Die EU liegt daher auch deutlich über den weltweitem Durchschnitt von 1,4 Prozent und auch vor Asien (0,88), Südamerika (0,64) und Afrika (0,02). Gleichzeitig rangiert die EU (3,16) aber auch knapp hinter dem gesamteuropäischen Wert (3,55) und deutlich hinter Nordamerika (5,87)*.

Die verabreichten Impfdosen gegen das Coronavirus nach Kontinent. Die EU liegt über dem weltweiten Schnitt, aber hinter dem gesamteuropäischen. Das liegt vor allem am Vorpreschen Großbritanniens.

Die Europäische Union steht im weltweiten Durchschnitt also gar nicht so schlecht da, wie von einigen Kritikern behauptet. Zur Wahrheit gehört aber eben auch, dass sie wohl deutlich besser hätte dastehen können als aktuell. Der derzeitige Impfstoffmangel lässt sich schließlich nicht mit bunten Grafiken wegdiskutieren. Mit Stella Kyriakides könnte die Schuld dafür nun ein Gesicht bekommen haben. (as)

*Quelle: Our World in Data: Stand: 02. Februar 2021. Die vollständige Grafik mit allen Ländern, in denen das Impfen begonnen hat, können Sie hier einsehen. Die Daten werden fortlaufend aktualisiert.

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