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Bemüht um einen positiven Auftritt leistete sich ein lächelnder Trump anders als bei seiner ersten Auslandsreise keine öffentlichen Patzer. Foto: Patrik Stollarz

Erdogan stellt Bedingungen

Mit Lächeln und geballter Faust: Trump dominiert die G20

"Amerika zuerst" nicht "Amerika allein": Das war das Motto, mit dem Donald Trump seine Reise nach Europa angetreten hat. Zumindest den ersten Teil hat er eingehalten. Mit einer Bulldozer-Diplomatie mischt er den G20-Gipfel auf. Ist das Stärke oder Provokation?

Hamburg (dpa) - Donald Trump allerorten: An der Seite von Gastgeberin Angela Merkel, im Gespräch mit Wladimir Putin, in der Elbphilharmonie oder als beißende Karikatur im Hamburger Hafen: Der US-Präsident dominierte den G20-Gipfel in Deutschland. Auf Bildern und inhaltlich.

Nach einer gefeierten Rede in Warschau setzte Trump mit gnadenloser Verhandlungshärte seine nationalistische Wirtschaftspolitik in Hamburg durch und scheint zumindest einen Anfang für die Verbesserung des Verhältnisses zu Russland gemacht zu haben. Bemüht um einen positiven Auftritt leistete sich ein lächelnder Trump fern der Heimat anders als bei seiner ersten Auslandsreise keine öffentlichen Patzer.

"Ein wunderbarer Erfolg", sei der Gipfel von Hamburg gewesen, twitterte Trump. Die Wahrnehmung anderswo ist eine andere. Von einer Spaltung der G20 ist die Rede, von der Isolation der USA, von ungewissen Zukunftsaussichten. "Ich glaube trotzdem, dass das wahr bleibt, was ich gesagt habe, dass wir Europäer unser Schicksal zum Teil selber in die Hand nehmen müssen", fasst es Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen. In Europa fragt man sich, welchen Preis Trump zahlen muss für seine Alleingänge. Kann er auf Dauer die Freundschaft Verbündeter opfern, um seiner konservativ-nationalistschen Anhängerschaft in der Heimat zu gefallen? Frankreichs Emmanuel Macron wird schon diese Woche der nächste sein, der rund um den Nationalfeiertag in Paris den Versuch einer Annäherung an Trump unternehmen wird.

Trump drückte dem Treffen an der Alster seinen Stempel auf. Von Kompromissbereitschaft oder gar Großzügigkeit der Weltmacht - keine Spur. Merkel meinte Trump, als sie sagte, die Verhandlungen zum vielleicht wichtigsten Gesprächspunkt Welthandel seien mit "äußerster Härte" geführt worden. Was sie nicht sagte: Sie sind letztlich ganz im Sinne Trumps ohne vernünftige Annäherung ausgegangen. Die USA drückten in Hamburg ihren Willen durch.

Beim Klima mussten die G20 sogar erstmals einen Dissens in die Abschlusserklärung schreiben. Den USA ist der Verkauf ihres im Überschuss vorhandenen Flüssiggases und der Technik zur Kohlendioxid-Verpressung viel wichtiger als der Klimaschutz.

Trump macht Weltpolitik mit dem Dampfhammer - vieles davon wird seiner konservativen Wählerschaft zu Hause und auch den Falken in seiner republikanischen Partei gefallen. Dass er ein bilaterales Handelsabkommen mit Großbritannien ankündigt, passt ins Bild: Die USA wollen sich immer weniger der Disziplin unterwerfen, die ein vielstimmiges politisches Orchester erfordert. Bei Zweier-Bünden sitzt die größte Wirtschaftsmacht der Welt immer am längeren Hebel.

Trump zeigt in Warschau und Hamburg aber auch, dass er durchaus bereit ist, sich in internationale Kompromisslinien einbinden zu lassen - wenn es ihm passt. Etwa bei den Hilfen für Afrika oder beim Kampf gegen den Terrorismus. In Syrien arbeiten die Amerikaner mit Russland und Jordanien an einem Deeskalationsplan. In der Ukraine gibt es wieder einen US-Sonderbeauftragten. Im Nahen Osten macht sich Außenminister Rex Tillerson um die Lösung der Krise zwischen Katar und Saudi-Arabien verdient - auch wenn es möglicherweise die USA gewesen sein könnten, die die Krise überhaupt erst ermöglicht hatten. In Nordkorea setzt Trump jenseits seiner Rhetorik weiter auf Diplomatie.

Der US-Präsident, auffallend häufig von seinen Fachleuten wie Finanzminister Steven Mnuchin und Außenminister Tillerson flankiert, hat sich zumindest öffentlich zusammengerissen. Keine schrägen Bemerkungen, keine unflätigen Tweets, keine Patzer. Auch als seine Frau Melania wegen Sicherheitsbedenken in ihrem Quartier am Hamburger Feenteich festsaß, auch als er wegen Demonstranten einen Umweg zur Messehalle fahren musste - der Präsident behielt die Fassung. Fehler, wie in Brüssel, wo er die Nato-Partner brüskierte, unterliefen ihm diesmal nicht.

Die Tage von Warschau und Hamburg gehörten somit wohl zu den besseren in Trumps bisheriger Amtszeit. Zumindest hat der Chef im Weißen Haus seinen Spin-Doktoren viel Futter geliefert, das sie als Erfolge nach außen verkaufen können. Und vielleicht noch wichtiger: Erstmals zeichnen sich zumindest Teile von etwas ab, das irgendwann einmal zu einem außenpolitischen Konzept der Weltmacht USA werden könnte.

Zwei Stunden und 16 Minuten gingen Trump, Tillerson und Mnuchin mit Russlands Staatschef Wladimir Putin in Klausur. Mit Großbritanniens Premierministerin Theresa May und seiner Frau Melania versetzte Trump gleich zwei Damen wegen der Verhandlungen mit Überlänge. Es dürfte sich gelohnt haben. Beide Seiten kamen fast überschwänglich aus den Gesprächen. Die Chemie habe gestimmt, wurde sowohl vom Kreml als auch vom Weißen Haus kolportiert. "Der Fernseh-Trump unterscheidet sich sehr vom realen Menschen", sagte denn auch Wladimir Putin. Günstigenfalls ist es diese Erkenntnis, die das kaputte amerikanisch-russische Verhältnis in bessere Bahnen lenkt.

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