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Berthold Pelster ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit im deutschen Zweig von Kirche in Not in München.

Dramatische Lage in Syrien

„Syriens Christen fühlen sich vom Westen im Stich gelassen“

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München - „Kirche in Not“-Sprecher Berthold Pelster spricht über die dramatische Lage und Kampf um das nackte Überleben der Christen in Syrien. "Christliche Spuren sollen ausgelöscht werden", meint er.

Die katastrophale Lage und die Kämpfe in Syrien treffen auch die Christen. Sie führen einen Überlebenskampf. Wir sprachen darüber mit Berthold Pelster von „Kirche in Not“ in München:

Die syrisch-katholische Kirche fühlt sich den Worten von Patriarch Ignatius Joseph III. Younan zufolge vom Westen im Stich gelassen. Können Sie diesen Vorwurf bestätigen und Beispiele nennen?

Patriarch Younan hat gegenüber dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ die große Gleichgültigkeit des Westens gegenüber den Christen im Nahen Osten beklagt. Das verletze die orientalischen Christen tief, so der Patriarch.

Derartige Vorwürfe hören Sie sicher häufiger?

Ja. Viele Christen im Nahen Osten haben tatsächlich das Gefühl, von der westlichen Welt, die ja gemeinhin noch als „christlich“ gilt, im Stich gelassen zu werden. Sie haben den Eindruck, dass für den Westen an erster Stelle wirtschaftliche Interessen zählen. Das Schicksal der Christen scheint dem Westen egal zu sein, das Verschwinden des Christentums wird gleichgültig in Kauf genommen, so der Eindruck vieler Christen im Nahen Osten.

Wie wird dieser Vorwurf begründet?

Häufig wird zum Beispiel auf den Einmarsch der US-geführten Truppen im Irak im Jahr 2003 verwiesen, der innerhalb weniger Tage zum Sturz von Diktator Saddam Hussein führte. Warum, so fragen sie, sind die USA heute nicht willens oder in der Lage, den „Islamischen Staat“ innerhalb weniger Wochen zu bekämpfen und zu besiegen?

Wie dramatisch ist die Sicherheits- und Versorgungslage der christlichen Gemeinde in Syrien?

In vielen Städten und Ortschaften katastrophal. Durch die andauernden Kämpfe und Bombardements sind viele Gebäude zerstört, auch große Teile der Infrastruktur. Viele Menschen leben in Ruinen, oft ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Heizung. Das hat fatale Folgen, gerade jetzt im Winter, der in Syrien sehr kalt werden kann. Arbeit gibt es kaum noch. Auch viele Schulen und Krankenhäuser sind zerstört. Für viele Menschen geht es nur noch um das nackte Überleben. Das gilt für Muslime wie Christen gleichermaßen.

Sind Christen besonderen Schikanen ausgesetzt?

Sie werden oft Opfer gezielter Anschläge von militanten Islamisten, von Kämpfern der Al-Nusra-Front oder von IS-Dschihadisten, die aggressiv und systematisch die Vertreibung oder Vernichtung der Christen und anderer religiöser Minderheiten und die Auslöschung aller christlichen Spuren im Nahen Osten anstreben.

Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen?

Es muss mit allen Mitteln und so schnell wie möglich versucht werden, den Krieg in Syrien zu beenden. Das ist allerdings eine hoch komplizierte Angelegenheit, weil es unzählige Akteure in diesem Krieg gibt, Hunderte von Milizen, von denen nicht wenige den Krieg als profitables Geschäft betreiben. Mit Waffenhandel, Menschenraub und Entführungen lässt sich viel Geld verdienen, übrigens auch mit dem illegalen Verkauf von Erdöl oder von antiken Kulturschätzen.

Aber wo ansetzen?

Es wäre sicherlich schon etwas damit gewonnen, wenn einige der Finanzströme, mit denen sich zum Beispiel der „Islamische Staat“ finanziert, gekappt werden könnten, zum Beispiel beim illegalen Handel mit Erdöl. Eine wichtige Voraussetzung für eine Befriedung des Landes wäre ein militärischer Sieg über den IS. Das ist aber sicher nur mit Hilfe von Bodentruppen möglich. Dazu fehlt bislang der politische Wille. Darüber hinaus muss die islamistische Ideologie aktiv und energisch bekämpft werden.

Durch wen?

Das wäre eine Aufgabe der muslimischen Theologen und Rechtsgelehrten, die mit massivem Einsatz in den Moscheen, in den Koranschulen und vor allem auch über die Medien die Gewalt „im Namen des Islam“ verurteilen und einen gewaltfreien Islam verkünden müssten. Aber davon sind wir weit entfernt.

Wie viele Christen leben noch in Syrien?

Vor Ausbruch des Krieges gab es etwa 2,5 Millionen Christen in Syrien. Sie konnten ihre Religion so frei leben wie in kaum einem anderen muslimischen arabischen Land. Das lag daran, dass das Assad-Regime säkular ausgerichtet, einzig an der Machterhaltung interessiert war, und keinerlei islamistische Zielsetzungen hatte.

Und heute?

Durch den Krieg haben mindestens eine halbe Million Christen ihre Heimat verloren. Sie sind geflüchtet oder wurden getötet. Manche Statistiken sprechen sogar von 700 000 Christen, die Syrien verlassen haben sollen. Man muss also davon ausgehen, dass sich die Zahl der Christen um mindestens ein Fünftel reduziert hat. Die verbliebenen Christen sind im ganzen Land verbreitet.

Wo leben sie?

Größere Gemeinden gibt es vor allem in Damaskus oder Aleppo, wo ja gerade jetzt eine Entscheidungsschlacht angebrochen zu sein scheint, in der das Assad-Regime die Stadt mit massiver Hilfe von Russland zurückzuerobern sucht. Unter den zehntausenden Menschen, die an die Grenze zur Türkei geflüchtet sind, dürften auch zahlreiche Christen sein.

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