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MM-Redakteur Til Huber.

Merkur-Kommentar

Türkei-Konflikt in Deutschland: Unser Problem

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Hunderttausende in Deutschland lebende Türken unterstützen begeistert einen Präsidenten, den Rechtsstaat mit Füßen tritt. Das sorgt für Stirnrunzeln, doch man muss differenzieren. Ein Kommentar von Til Huber.  

Eigentlich ist es ein Rätsel: Seit Jahrzehnten leben sie Deutschland, viele sind hier geboren. Sie sind auf deutsche Schulen gegangen, nehmen wie jeder andere hierzulande die Segnungen eines westlichen Rechtsstaats in Anspruch. Die meisten leben gut damit – meint man. Und doch unterstützen Hunderttausende in Deutschland lebende Türken begeistert einen Präsidenten, der den Rechtsstaat mit Füßen tritt und auf fast alles, was westlichen Demokraten teuer ist, schlichtweg pfeift.

Natürlich muss man differenzieren. Ein marodierender Mob in Gelsenkirchen ist nicht repräsentativ für alle Deutsch-Türken. Genauso wenig wie eine Menge pöbelnder Ausländerfeinde zum Beispiel für alle Sachsen stehen kann. Aber auch nüchterne Zahlen wecken Unbehagen: Bei den vergangenen Wahlen in der Türkei lag die Zustimmung für Erdogan unter Deutsch-Türken bei bis zu 70 Prozent. Seine glühendsten Anhänger, so scheint es, hat der Autokrat aus Ankara ausgerechnet hier. Ja, das ist ihr demokratisches Recht. Trotzdem ist es alarmierend.

Ignorieren kann man das alles angesichts von 1,5 Millionen Deutsch-Türken, vor allem aber angesichts der Entwicklung in der Türkei, nicht. Dass auf europäischer Ebene jegliche Perspektive auf eine EU-Mitgliedschaft in weiter Ferne liegt, versteht sich von selbst. Die Frage der Visa-Freiheit gehört auf Eis gelegt. Aber auch innerhalb Deutschlands muss der Rechtsstaat jetzt wachsam sein. Die jüngsten Ausschreitungen bei mancher Solidaritätskundgebung offenbaren ein Politikverständnis, dem man entschieden einen Riegel vorschieben muss. Konflikte sind eben kein türkisches Problem, wenn sie in Deutschland ausgetragen werden. Das müssen alle begreifen – auch wenn sie Anhänger Erdogans sind.

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