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"Mich hat niemand informiert"

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- München - Überwiegend gelassen, zum Teil aber auch verärgert und verunsichert haben Kunden und Handel auf das seit 1. Januar geltende Dosenpfand in München und Oberbayern reagiert. Am ersten Werktag der neuen Regelung machten unsere Reporter unter anderem folgende Beobachtungen:

Ein Stück Alltags-Anarchie gibt es rund um den Münchner Hauptbahnhof zu besichtigen: Es ist zwar offiziell keine Dosenpfand-freie Zone, doch in einigen der kleinen Dönerläden ist die Zeit stehen geblieben. Ärger mit dem neuen Pfandsystem? Chaos und genervte Kunden? Gibt's hier nicht. Dosenpfand aber auch nicht.

Nicht aus Trotz, eher aus Hilflosigkeit: "Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll", klagt der Leiter eines türkischen Lebensmittelladens. "Mich hat niemand informiert." Also verkauft er zum Döner die Cola in der Dose wie bisher. Ohne Pfand.

Vielen seiner Kollegen im Karree zwischen Goethe- und Landwehrstraße geht es ebenso. "Dosenpfand? Keine Ahnung!" Ein anderer Imbiss-Besitzer hat dagegen schon reagiert. In seinem türkischen Schnell-Restaurant gibt es keine pfandpflichtigen Getränke mehr. Cola und Limo sprudeln bei ihm jetzt aus dem Zapfhahn ins Glas. "Das ist billiger. Das Pfand ist für mich zu aufwändig."

In einigen Münchner Supermärkten stehen Pfandflaschen nun ohne Einweg-Konkurrenz im Regal. "Bitte decken Sie Ihren Bedarf aus unserem umfangreichen Mehrwegsortiment", heißt es beispielsweise auf einem Schild im "Edeka Neukauf" im Elisenhof. Auch Lidl hat alle Dosen und Einwegflaschen aus den Regalen genommen.

Bei Aldi gibt es keine Büchsen mehr, kein Bier, nur Wasser, Cola und Limo in der (Pfand-)Flasche. Übergangsweise. "Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen geklärt sind, werden wir nach einer kundenfreundlicheren Lösung suchen", heißt es bei Aldi-Süd. Ein bundesweit einheitliches Rückgabesystem gilt ab Oktober.

Was den Großen recht ist, ist den Kleinen billig: Auch beim Metzger Sylvio Weindinger aus dem Münchner Westend und seinem Kollegen Thomas Schäfert aus dem Glockenbachviertel beispielsweise gibt es in ihren Imbissstuben kein Blech mehr. "Die Lagerung und Entsorgung ist zu kompliziert und teuer", sagt Weindinger, "aber in ein paar Wochen haben die Leute kein Problem mehr damit, statt zur Dose zur Flasche zu greifen."

Bisher grummelt der durstige Kunde aber noch, ist genervt vom Rückgabe-Durcheinander, von unterschiedlichen Marken, Bons und Pfandmünzen.
"Das Pfand ist eine Unverschämtheit", wettert der Obdachlose Peter, als er sich gerade im Penny ein Büchsenbier gekauft hat. "Jetzt muss ich die Dosen mitschleppen und später zur selben Filiale zurück tragen."

Weitgehend problemlos läuft die Umstellung offenbar im Raum Rosenheim ab, wie Tankstellen und Großmärkte versichern. Eine Edeka-Zentrale in Trostberg, die die Dose zunächst verbannt hat, will von einer akzeptablen bundesweiten Rücknahme-Lösung im Herbst abhängig machen, ob sie Einweggebinde wieder ins Sortiment aufnimmt.

In Dachau ist dagegen das Murren über das Dosenpfand nicht zu überhören. "Die Kunden reagieren tendenziell genervt", sagt der Betreiber des Bahnhofskiosks, bei dem sich vor allem viele Reisende versorgen. Bei denen könne es schon sein, dass so manche Dose auf dem Restmüll oder gar auf der grünen Wiese lande, meint er.

Gleich dutzendweise leere Dosen und Einwegflaschen liegen in einer Hecke vor einem Einkaufszentrum: Das wird sich nun ändern, die Artikel wurden "komplett ausgelistet", aus dem Sortiment genommen, heißt es.

Auch in den meisten anderen Orten, ob in Geretsried oder Wolfratshausen, im Würmtal oder in Bad Tölz führen viele Einzelhändler keine Dosen mehr. "Dafür setzen wir jetzt mehr Mehrwegware um", heißt es in einem Getränkemarkt.

Vor allem an Tankstellen wird immer wieder Ärger über das neue Pfand laut. "Die Reaktion der Kunden ist alles andere als begeistert", heißt es hinter den Zapfsäulen beispielsweise einer Tankstelle im Landkreis Fürstenfeldbruck. Probleme bereitet allenthalben die umständliche Prozedur beim Dosenpfand. Wer es wiederhaben will, braucht fast immer den Kassenzettel mit einem Pfandstempel auf der Rückseite oder einen "Pfand-Token" (Marke) und wird in einem anderen Laden sein Geld nicht wiederbekommen. "Eine absolute Krücke und für alle Seiten unbefriedigend", so ein Händler in Bad Tölz.

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