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Tag der Migranten: Ein Museum für die Gastarbeiter

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München - Ein neues Museum erzählt die Geschichte der Gastarbeiter. Endlich, sagt Zeki Genc, Initiator und Sohn eines Gastarbeiters. Bisher habe sich niemand für diese Biografien interessiert – obwohl sie doch auch deutsch sind.

Als Kind hasst Zeki Genc Flugzeuge. Er glaubt, Flugzeuge haben ihm seine Eltern weggenommen. Er versteht nicht, was Fliegen bedeutet. Er weiß nicht, was ein Gastarbeiter ist oder wo Deutschland liegt. Und warum Mama und Papa nicht in der Türkei sind, bei ihm. Vier Jahre lang wächst er bei seinen Großeltern auf, manchmal ist er sich sicher, dass seine Eltern tot sind. Als sie im Urlaub zu Besuch kommen, schenken sie Zeki ein kleines Flugzeug. „Das ging schnell kaputt“, erzählt Zeki Genc. „Weil alle Kinder damit spielen wollten.“

Der kleine Zeki mit seiner Mama Hatice und Papa Remzi.

Genc, 52, ehrenamtlicher Vorsitzender des Bayerischen Instituts für Migration, geht durch die Kellerräume im Familienzentrum Trudering. Hier eröffnet heute das Museum der Deutschen Migrationsgeschichte, Genc will die Geschichte der Gastarbeiter dokumentieren und erzählen. „Die sind seit 40, 50 Jahren hier, aber ihre Geschichte interessiert niemanden“, sagt Zeki Genc. Diese Menschen, findet er, haben Deutschland geprägt. Zeitzeugen und ihre Kinder werden heute Dinge, die sie an die Gastarbeiterzeit erinnern, in Vitrinen legen. Sie haben Genc auch ihre Geschichten erzählt, er hat sie gefilmt. Manche brauchten acht Stunden, ein Mann sogar 50. „Kommt alles ins Archiv“, sagt Genc. Auch seine eigene Biografie.

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Sein Vater Remzi war das, so sagt Genc, was die Deutschen unter einem „braven Gastarbeiter“ verstanden. Einer, der hier geschuftet hat, so lange man ihn brauchte – und dann wieder in die Türkei ging. Wie viele will Zekis Papa erst nur ein Jahr in Deutschland bleiben. Er arbeitet in einem Sägewerk in Celle, bis er sich daheim einen Traktor leisten kann. Doch der geht kaputt. Wieder wird er angeworben, die deutsche Industrie braucht Arbeiter. Wieder verlässt er Heimat und Familie. Jetzt sind auch Arbeiterinnen gefragt, Zekis Mutter Hatice folgt ihrem Mann, arbeitet in einer Konservenfabrik. Sie wollen sich einen neuen Traktor und ein Haus kaufen. Dafür müssen sie aushalten, dass sie ihre Kinder nicht aufwachsen sehen. Manchmal sprechen sie Grüße auf Kassetten und schicken sie in die Türkei. Die Großeltern fotografieren die Buben, schicken Bilder nach Celle. Als Anfang der 70er-Jahre die Ölkrise das Leben in Deutschland teuer macht, können die Eltern nicht mehr viel sparen. Sie ahnen, dass sie länger in der Fremde bleiben müssen, um genug Geld für ein gutes Leben in der Türkei zu haben. Sie holen die Kinder zu sich.

Zeki Genc weiß noch genau, wie er Ende August 1974 im Zug nach Celle saß. Es ist damals ungewöhnlich kalt. Deutschland, das verbindet der Elfjährige mit Luxus und Schönheit. Er schaut aus dem Fenster, sieht hübsche Fachwerkhäuser und freut sich, obwohl er Oma und Opa vermisst. Dann hält der Zug am Sägewerk. Hier steht die Baracke, in der er mit seiner Familie auf zwei Zimmern leben wird. „Alles war grau.“

Das Gelände darf er nicht verlassen, nur die Schule bietet Abwechslung. Jeden Sonntag fährt ihn sein Vater 35 Kilometer zum Sprachunterricht. Zeki ist ehrgeizig, liest Hesse und Böll. Irgendwann spricht er wie in den Romanen, so gestelzt, dass seine Mitschüler sagen: „Professor, so redet man nicht bei uns.“ Zeki schafft Quali und Realschulabschluss als Schulbester, dann das Abitur. Die Familie lebt nun in einer Wohnung, feiert Weihnachten und Ostern. Zeki mag es hier.

Anfang der 80er-Jahre kippt die Stimmung, die Arbeitslosigkeit steigt, die Gastarbeiter will jetzt niemand mehr haben. Die Nachbarn der Gencs, mit denen sie viele Jahre befreundet sind, meiden sie. Zekis Eltern verzweifeln und gehen zurück in ihre Heimat. Doch Zeki, 19, will studieren. Er und sein Bruder bleiben. Jetzt sind es die Kinder, die Videobotschaften aufnehmen und in die Türkei schicken.

Zeki Genc landet in München, er studiert Philosophie, Turkologie und Psychologie. Schließlich wird er doch Grafiker. Sein Sohn fühlt sich heute wie er – als Deutschtürke. Zeki Gencs Kind hat beide Pässe, er selbst nur den deutschen. „Als Ausländer“, sagt er, „habe ich mich nie gefühlt.“ Sein größter Wunsch: ein großes Museum. Denn die Geschichte der Migranten in Deutschland, sagt er, die geht weiter.

Von Carina Zimniok

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