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Der erste Tag im neuen Büro: Ilse Aigner nimmt erst mal Platz. Die Sekretärin hat auf dem Schreibtisch die Zeitungen platziert, die über das Kabinett berichten.

Staatsregierung

Die Ministerien sortieren sich neu

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München – Das Kabinett steht, jetzt beginnt die Arbeit. Seit Jahrzehnten wurden die Zuschnitte der Ministerien in Bayern nicht mehr dermaßen durcheinander gewürfelt. Ganze Abteilungen ziehen um. Vielleicht bis nach Nürnberg.

 „Wo ist denn mein Schlüssel?“ Ilse Aigner sieht sich suchend um. Eben hat ihr Martin Zeil sein Wirtschaftsministerium übergeben. Ein feierlicher Akt war das am Freitagvormittag – irgendwo zwischen Hochzeit und Beerdigung. Aigner ist nun Stellvertretende Ministerpräsidentin, Superministerin, Kronprinzessin. Zeil ist ab sofort Privatier. Eineinhalb Stunden lang wurden Reden gehalten, am Ende sangen alle zu Harfenklängen die Bayernhymne. Aber jetzt findet die neue Ministerin diesen überdimensionierten Schlüssel nicht mehr. Er passt zwar in keine Tür. Aber Symbolkraft hat er. Ihn gleich am ersten Tag zu verlieren, wäre kein gutes Zeichen.

Es herrscht Aufregung in der bayerischen Ministerialbürokratie. Nicht nur im Wirtschaftsministerium. In vielen Häusern ziehen neue Chefs ein. Markus Söder sucht nun in Nürnberg nach einem Sitz für die Außenstelle seines neuen Heimatministeriums – nicht alle freuen sich auf den Umzug. Und im Umweltministerium am Arabellapark muss man aus einem Haus zwei machen. Hier residieren auch künftig Marcel Huber und Melanie Huml, bisher als Minister und Staatssekretärin. Künftig sind beide Minister: er für Umwelt und Verbraucherschutz, sie für Gesundheit und Pflege. Noch liegen ihre Büros Tür an Tür, künftig muss man wohl zwei getrennte Gänge für Minister, Amtschefs, Stab und Pressestellen schaffen.

Es ist ein munteres Hin und Her in Bayerns Bürokratie: Das Wirtschaftsressort muss die Verkehrsabteilung ans Innenministerium abgeben, bekommt dafür die Medienpolitik aus der Staatskanzlei und die versprengten Energiebereiche aus diversen anderen Häusern. Dafür wechselt die Landesentwicklung in das Finanzministerium, das nun auch die Heimat im Titel trägt. Bei den Beamten geht deshalb die Sorge um, bald nach Nürnberg umziehen zu müssen.

Markus Söder versucht, diese Ängste zu zerstreuen. „Es soll, soweit das möglich ist, ohne Zwangsversetzungen gehen“, sagt der Finanzminister. Rund 100 Mitarbeiter seines Hauses werden künftig in der Frankenmetropole arbeiten. Jetzt werden erst einmal Räumlichkeiten gesucht – „repräsentativ, aber nicht protzig“, hätte es der Minister gern. Außerdem soll genügend Platz sein, dass auch Kabinettssitzungen stattfinden können. Klar ist: Mit Söders Staatssekretär Albert Füracker wird das erste Kabinettsmitglied überhaupt seinen Hauptsitz außerhalb Münchens haben. Übrigens wird nicht mal der 45-Jährige zwangsversetzt – er kommt aus Parsberg, 40 Fahrminuten von Nürnberg entfernt.

Ansonsten ist noch alles im Fluss: Werden ganze Abteilungen umziehen? Oder schafft man Außenstellen für mehrere Bereiche, die vor allem in Nordbayern von Belang sind? Söders Haus soll sich künftig um die Digitalisierung kümmern, also die bessere Versorgung mit schnellem Internet. Auch die künftige Landesentwicklung und die Folgen des demographischen Wandels soll künftig Söder managen. Sein Haus, sagt Söder, werde „organisch wachsen“.

Auch Wirtschaftsministerin Ilse Aigner muss sich erst einmal sortieren. Sie sitzt in ihrem fast leeren Büro und schaut sich um. Der symbolische Schlüssel, der sich doch noch gefunden hat, liegt auf dem Schreibtisch. Das Bild an der Wand gefällt ihr nicht, auch diese Pflanze, die früher einmal eine Orchidee gewesen sein könnte, muss wohl weichen. Aigner schlägt die „Sofortmappe“ auf, die ihr die Mitarbeiter auf den Tisch gelegt haben – Zeitungsartikel über die Vereidigung. Demnächst wird sie vor allem viel über die Energiewende lesen müssen. Die Beamten haben ihr schon ein Aktenpaket fürs Wochenende geschnürt. „Da sehe ich dann, was das Haus denkt“, sagt sie und schickt mit fröhlichem Lächeln hinterher: „Ob ich das auch denke, weiß ich aber noch nicht.“ Ja, es ändert sich wirklich einiges für die Beamten. Die Überschrift dürfen sie sich schon einmal merken: Aigner will Bayern zum „Chancenland 2020“ machen.

Für Gespräche bleibt zunächst einmal kaum Zeit. Aigner ist viel unterwegs. Am Montag muss sie zu Sondierungsgesprächen mit der SPD nach Berlin. Dienstagmorgen ist in München Kabinettssitzung, nachmittags wieder Sondierung in Berlin. Diesmal mit den Grünen. Aigner stöhnt. Aber sie lächelt noch. „Wenn ich in meinem Bundesministerium etwas gelernt habe, dann gute Kondition.“

Mike Schier

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