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Gedanken müsste man lesen können: Ministerpräsident Horst Seehofer und Finanzminister Markus Söder im Landtag.

Vor dem CSU-Parteitag

Markus Söder: Diese Falle stellte ihm Horst Seehofer

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München - Der Machtkampf in der CSU wird nicht laut geführt, aber energisch. Seehofer will verhindern, dass Markus Söder seine Nachfolge antritt. Jüngst zwang er seinen Minister erstmals in die Defensive.

Es ist ein Zwischenruf, der den Ministerpräsidenten aus der Fassung bringt. „Was wollen Sie noch hören?“, fragt Horst Seehofer irritiert ins Plenum des Landtags. „Dank an den Finanzminister“, kräht ein SPD-Abgeordneter. Seehofers große Regierungserklärung zum Länderfinanzausgleich vor zwei Wochen. Er hat allen gedankt für die Milliardenentlastung Bayerns, wirklich jedem, nur seinen Finanzminister hat er, nun ja, vergessen. „Ja, da, ah, äh, äh“, setzt er an, fängt sich aber wieder. „Auf Aufforderung, Markus, einen tiefen Dank an den bayerischen Finanzminister!“

Das Staatsschauspiel illustriert prächtig das Verhältnis der beiden CSU-Rivalen, und es folgt noch ein Epilog. Nach seiner Rede schreitet Seehofer zurück auf die Regierungsbank, an seinem Platz vorbei in Richtung Söder. Mit einer kurzen, herrischen Geste mit beiden Händen lässt er den Minister aufstehen, knipst für die Kameras ein Lächeln an und schüttelt dem Minister ausgiebig die Hand.

Knallharter Machtkampf in der CSU-Spitze

Diese Szene im Landtag wirkt für Außenstehende humorig, in Wahrheit ist sie Ausdruck des knallharten Machtkampfs in der CSU-Spitze zwischen dem alten Regenten und seinem ungeduldigen Erben. Noch tagelang werden jene Sekunden vor dem Parlament in beiden Lagern seziert. Seehofer gefällt es, wie Söder aufsprang. Aufspringen musste. Der Finanzminister lässt verbreiten, dass die Abgeordneten erst dann frenetisch geklatscht hätten. Ein Händedruck auf Augenhöhe also.

Tatsächlich aber hat sich einiges verschoben in der CSU. „Söder ist schamlos. Er ist clever. Und wohl bald bayerischer Ministerpräsident“, schrieb die „SZ“ noch Ende Juli in einem viel beachteten Porträt. In der Landtagsfraktion waren selbst etliche Oberbayern ins Lager des Franken übergelaufen – schließlich würde er bald über Posten und Pöstchen entscheiden. Und Söder, der ewig Rastlose, schien fast so eine Art Geduld zu entwickeln. Die Zeitungen schrieben über einen Frieden mit Seehofer, raunten sogar über geheime Absprachen. Jetzt, kurz vorm Ziel, gerät Söder ins Straucheln.

Was ist plötzlich schiefgelaufen?

Gedanken müsste man lesen können: Ministerpräsident Horst Seehofer und Finanzminister Markus Söder im Landtag.

Der 22. Juli ist ein strahlender Freitagnachmittag. Horst Seehofer sitzt in seinem Büro in der Parteizentrale im Münchner Norden. Er hat zwei Stunden Zeit, hinter sich eine Strauß-Büste, vor sich ein Wochenende daheim. Der Parteichef sinniert über die enorme Bedeutung der Bundestagswahl für die CSU. Halblaut überlegt er, ob er nicht eines der Schwergewichte aus seinem bayerischen Kabinett nach Berlin schicken müsse. Als Gegengewicht zu Merkel. Vielleicht auch als Teil einer Art Ausbildung für künftige Ministerpräsidenten, so wie Seehofer ja auch früher in Berlin war.

Er denkt schon länger darüber nach. Seit dem Frühjahr. Doch allmählich reifen die Überlegungen. Tage zuvor hat bei Würzburg ein Afghane in einem Regionalzug Passagiere mit einer Axt angegriffen. Das Thema Innere Sicherheit werde immer drängender, sagt Seehofer. Die CSU müsse es besetzen. Der Name Joachim Herrmann fällt. Dann steigt Seehofer ins Auto und fährt nach Ingolstadt. Zwei Stunden später muss er wieder zurück: Amoklauf in München, etliche Tote. Kurz darauf sprengt sich in Ansbach ein Syrer in die Luft. Das Thema Innere Sicherheit überlagert plötzlich alles.

In der Folge kann man Seehofer bei seiner Meinungsfindung fast zuschauen. Immer wieder macht er Anspielungen im kleinen Kreis, Anfang September auch im großen: Vorstandsklausur in der Oberpfalz. Seehofer sagt, die Besten müssten nach Berlin. Und dann einen umständlichen Satz, mit dem nur Söder gemeint sein kann: „Wer dann, wenn es notwendig ist, sich einer Verantwortung zu stellen, diese Verantwortung nicht wahrnehmen will, der bekommt sie später auch nicht.“ Unsere Zeitung titelt: „Schickt Seehofer Söder nach Berlin?“ Das E-Paper ist abends erst Minuten verfügbar, da sucht Söder schon stinksauer das Gespräch mit Vertrauten. Tenor: Mich schickt keiner irgendwohin.

Söder begeht einen entscheidenden Fehler

Es ist eine Seltenheit: Söder, der nichts dem Zufall überlässt, jeden Schritt genau abwägt und an Analysekraft fast alle Parteifreunde überragt, begeht in diesen Tagen einen taktischen Fehler. Er sagt Nein. Sofort und immer wieder, direkt und indirekt, gefragt und meistens ungefragt. Er spricht über seine Heimat Bayern („Da bin i dahoam“), sinniert über die „Besten“, die nach München gehörten, erfindet den Begriff der „Allerbesten“ für Berlin. Er meint damit Seehofer, darf das aber nicht aussprechen: Den Chef wegzuloben, wäre eine Art Putschversuch.

So redet sich Söder immer schräger in eine Schieflage: Er, der Über-Minister, der Alleskönner, das Raubtier in jeder bundesweiten Talkshow, behauptet auf einmal, sich Berlin nicht zuzutrauen. Es kratzt an Söders Bild, wie er sich künstlich klein macht. Für ihn ist das brandgefährlich, denn die CSU wird auf Dauer höchste Ämter nur den Allerbesten geben. Und einige Journalisten, die monatelang staunend Söders Aufstieg beschrieben, freuen sich bereits darauf, seinen Abstieg zu schildern. Schon häufen sich hässliche Artikel: über den Behördenumzug nach Garmisch zum Beispiel, den Söder versprach – aber bisher nicht einhielt. Über sein Verhalten beim umstrittenen Verkauf der GBW-Wohnungen. Oder über eine Fraktionssitzung, als junge Abgeordnete über den abwesenden Seehofer maulten in einer Art, dass es hinterher hieß, das müsse Söder orchestriert haben. Seehofer verfrühstückte die Jungspunde in der nächsten Sitzung. Gestern tauchte noch eine Umfrage auf: Nur 28 Prozent der Bayern wollen Söder als Ministerpräsidenten. 51 Prozent wollen, dass Seehofer weitermacht.

Plötzlich wackelt, was Söder sich in Bayern in akribischer Kleinarbeit aufgebaut hat: der Zugriff auf die Staatskanzlei. „Vielleicht ist er zuletzt dem Irrtum erlegen, dass es ein Selbstläufer wird“, sagt der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter, seit Jahrzehnten intimer Kenner der CSU. Söder könnte „in die Falle tappen, die Seehofer ihm gestellt hat“ mit der Berlin-Idee. Jetzt stehe der Franke da als jemand, der sich zwischen Parteinutz und Eigennutz entscheiden muss. „Auf welcher Seite da die Moral steht, darüber brauchen wir nicht zu reden“, sagt Oberreuter. Die strikte Weigerung, nach Berlin zu gehen, sei „schwer nachvollziehbar“.

Söder will nicht schuld an einer Wahl-Pleite sein

Aber Söder will nicht. Er ahnt, dass der CSU 2017 in Berlin eine Klatsche droht. Ihm dämmert, dass Seehofer ihn mit größter Lust zum Hauptverantwortlichen abstempeln und politisch vernichten würde. Und selbst wenn nicht – er fürchtet, dass der Regent in München just zu einem Zeitpunkt gehen würde, wo Söder gerade nicht als Nachfolger einschweben könnte. Wer wissen will, wie verwinkelt Politiker in Machtfragen denken können, sollte der US-Serie „House of Cards“ folgen. Es geht um die übelsten Intrigen auf dem Weg zur US-Präsidentschaft. Söder kann, das nur nebenbei, Dialoge der Serie teilweise auswendig aufsagen.

Eigentlich sind sich die beiden sehr ähnlich

Die beiden Herren, die sich ab und zu die Hände schütteln, weil sie’s müssen – sie verbindet heimlicher Respekt und eine unheimliche Abneigung. In ihrem Machtbewusstsein und ihrer Härte sind sich Seehofer und Söder verblüffend ähnlich. Beide stammen aus sehr einfachen Verhältnissen, beide kämpften sich nach oben. Seehofer hat jetzt dafür gesorgt, dass das Ende des Kampfes wieder offen ist. Auf dem Parteitag heute werden sie sich wahrscheinlich wieder lächelnd die Hände geben. Und hinterher nachzählen, ob noch alle Finger dran sind.

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