1. Startseite
  2. Politik

Erschreckendes Gutachten zu Missbrauch: Tausende treten aus der Kirche aus - Merkel-Beauftragter rügt Kardinal

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Astrid Theil

Kommentare

Kardinal Rainer Maria Woelki steht unter großem Druck.
Kardinal Rainer Maria Woelki steht unter großem Druck. © Marcel Kusch/dpa

Vertrauenskrise: Ein neues Gutachten enthüllt, dass es im Erzbistum Köln deutlich mehr Missbrauchstäter- und opfer gab, als bisher angenommen. Nun äußert sich der Kardinal.

Update vom 24. Februar, 17.10 Uhr: „Das Konfliktmanagement, das Krisenmanagement ist schlecht gewesen und es ist weiterhin schlecht“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, am Mittwoch im ZDF-“Morgenmagazin“. Auch nach monatelanger öffentlicher Kritik sieht Bätzing keine Forschritte zum Positiven im Erbistum Köln. Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals (siehe Erstmeldung) in dem vom Kardinal Rainer Maria Woelki geführten Erzbistum bezeichnete Bätzing dabei als „ein Desaster“.

Des Weiteren nannte er die stark gestiegenen Zahlen der Kirchenaustritte bedrückend, dies betreffe die gesamte Kirche. "Wir stehen davor und sehen die Scherben, die entstehen, weil das Vertrauen bei den Menschen einfach nicht mehr da ist." Er selbst könne allerdings nichts gegen das fatale Bild unternehmen. "Ich muss es tolerieren, weil ich keine Möglichkeit habe, nach Köln reinzugrätschen und dort irgendetwas zu bewirken." Er könne nur mit Woelki reden. Im Moment bleibe nichts anderes übrig, als auf ein Gutachten zur Aufarbeitung des Missbrauchskandals zu warten, das der Kölner Kardinal am 18. März veröffentlichen will.

Woelki steht auch deshalb in der Kritik, weil er ein bereits vor einem Jahr angekündigtes Gutachten einer Münchner Kanzlei unter Verschluss hält. Gleichzeitig verwies der Limburger Bischof Bätzing darauf, dass in vielen anderen Bistümern anders als in Köln die Aufarbeitung gelungen sei. Der Vorsitzende äußerte sich am Rande der Frühjahrsvollvesammlung der Bischofskonferenz, die noch bis Donnerstag andauert.

Erschreckendes Gutachten zu Missbrauch: „Schwere Belastung“

Update vom 24. Februar, 8.17 Uhr: „Ich glaube ihm seinen Willen, dass er aufarbeiten will, dass er Transparenz will, dass er Vertuschung und Vertuscher beim Namen nennt“: Im Streit um die Aufarbeitung von Missbrauchsvergehen im Erzbistum Köln (siehe Erstmeldung) hat der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, dem Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki das Vertrauen ausgesprochen, sagte Bätzing .

Zudem habe Woelki zuletzt Fehler in dem Zusammenhang eingeräumt, betonte Bätzing überdies am Dienstagabend in den „Tagesthemen“ der ARD. Dies sei ein „richtiger Schritt, ein wichtiger Schritt“. Die deutschen katholischen Bischöfe waren am Dienstag vor dem Hintergrund des Kölner Missbrauchsskandals zu ihrer ersten nur digital abgehaltenen Vollversammlung zusammengekommen.

Update vom 22. Februar, 22.25 Uhr: Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat die Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch im Erzbistum Köln kritisiert. Im Kölner Stadt-Anzeiger sprach Rörig von einer „schweren Belastung insbesondere für die Betroffenen und die in der Aufarbeitung Engagierten“.

Kardinal Rainer Maria Woelki habe zunächst „sehr, sehr hohe Erwartungen geweckt“ und dann mehrfach enttäuscht. „Im Moment fehlt es an dem, was für Aufarbeitung am Wichtigsten ist: Transparenz und Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht. Köln erzeugt gerade leider das Gegenteil: Misstrauen und Skepsis.“

Die „Kölner Wirren“ störten auch die Aufarbeitung in anderen Bistümern, sagte Rörig. Im vergangenen Jahr hatte er sich mit der Deutsche Bischofskonferenz auf die Einrichtung unabhängiger Aufarbeitungs-Kommissionen in allen 27 Bistümern geeinigt. Mit mehr als der Hälfte der Bistümer sei er mittlerweile „in konkreten Gesprächen“ über die Errichtung dieser Kommissionen. Man werde nun sehen können, „welche Bischöfe die Dinge vorantreiben und welche hier noch etwas mehr Energie an den Tag legen müssten“.

Erzbistum Köln: Kardinal Woelki äußert sich in Videobotschaft

Update vom 21. Februar, 9.30 Uhr: In einer Videobotschaft hat sich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zu seinen Fehlern bei der Aufarbeitung von Missbrauchsvergehen geäußert. Das Video wurde am Samstag veröffentlicht. Er habe durch das Zurückhalten des Gutachtens zu den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern (siehe Erstmeldung) durch Priester Schuld auf sich geladen. „Das tut mir von Herzen leid“, sagte er. „Es ging und es geht mir um konsequente Aufarbeitung.“ Sein Vorgehen hat zu einer schweren Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum geführt.

„Sie tun sich schwer, nachzuvollziehen, warum es eine zweite unabhängige Untersuchung braucht, um die systematischen Zusammenhänge jahrzehntelangen Missbrauchs in unserem Erzbistum aufzudecken und im Detail aufzuzeigen“, berichtete Woelki über Reaktionen Gläubiger in den vergangenen Wochen und Monaten. Er sei aber überzeugt, dass dies erforderlich sei, weil er „eine bestimmte qualitative und quantitative Faktenlage“ benötige. Die Kanzlei, die das erste Gutachten erstellt hat, weist alle Vorwürfe zurück. „Es war und ist meine Absicht, eine transparente, konsequente Aufklärung der Missbrauchsvergehen und ihrer systemischen Umstände in unserem Erzbistum zu erreichen - selbstverständlich auch im Blick auf meine eigene Person“, so der Kölner Kardinal.

Erzbistum Köln unter immenser Kritik - Kardinal hielt entscheidendes Gutachten zurück

Erstmeldung vom 20. Februar, 12 Uhr: Köln - Das Erzbistum Köln steht unter starkem Druck. Die Zahl der Missbrauchstäter und -Opfer ist nämlich wesentlich höher als bisher angenommen. Einem Vorabbericht des Spiegels folgend kommt der Gutachter Björn Gercke, der von Kardinal Rainer Maria Woelki beauftragt wurde, auf rund 300 Betroffene und 200 Beschuldigte seit 1975. Der Gutachter Gercke teilte dem Kölner Stadt-Anzeiger mit, dass die im Spiegel vorab veröffentlichten Zahlen des Gutachtens die „abschließenden Zahlen sein dürften“.

Die zuvor in Auftrag gegebene und im Herbst 2018 vorgestellte Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe führte für das Erzbistum Köln lediglich 135 Betroffene und 87 beschuldigte Geistliche für den Zeitraum zwischen 1946 und 2015 auf. Das neue Gutachten soll am 18. März vorgestellt werden. Die Untersuchung umfasst den Zeitraum bis 1975 und damit die Amtszeiten der Kardinäle Joseph Höffner (Erzbischof von 1969 bis 1987), Joachim Meisner (1989 bis 2014) und Woelki (seit 2014). 

Scharfe Kritik: Untersuchung wird vor Öffentlichkeit zurückgehalten

Das Gutachten wertet laut Informationen des Spiegel über 300 Verdachtsmeldungen und 236 Aktenvorgänge aus. Auch der Fall eines Priesters, der in den 1980er Jahren in einem Internat im Erzbistum Köln wegen sexuellen Missbrauch beschuldigt wurde, wird in dem Gutachten aufgeführt. Der betroffene Priester wurde trotz der Missbrauchsvorwürfe später als Pastor und Jugendseelsorger eingesetzt und soll sich 2002 gegenüber einer Teenagerin sexuell übergriffig verhalten haben. Trotz der zahlreichen Vorwürfe wurde er erst 2017 von Kardinal Woelki in den Ruhestand verabschiedet.

Darüber hinaus wird Kritik über die Tatsache laut, dass das Erzbistum Köln eine zuvor bei der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) beauftragte Untersuchung über den Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Fällen sexualisierter Gewalt noch nicht veröffentlicht hat. Woelki hält diese bisher zurück, da sie nach Ansicht einiger Juristen „methodische Mängel“ aufweise und deswegen nicht rechtssicher sei. Laut Informationen des „Kölner Stadt-Anzeigers“ identifiziert das Gutachten aus München rund 230 Beschuldigte und mehr als 270 Opfer.

Scharfe Reaktion: Server wegen enormer Nachfrage nach Kirchenaustritten zusammengebrochen

Mit einer Konsequenz dieser Nachrichten sah sich das Bistum Köln bereits am gestrigen Tag (19.02.2021) konfrontiert: Die Nachfrage nach Terminen für Kirchenaustritte war am Freitag derart hoch, dass der Server des Amtsgerichts Köln zusammengebrochen ist. Das Gericht teilte gestern mit, dass die Buchungsseite nicht mehr aufrufbar sei. „Ich kann ihnen sagen, dass wir mehr oder weniger 5000 Zugriffsversuche hatten“, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Köln am Freitag. Über die Kirchenaustritte berichtet auch 24rhein.de*.

Katholische Kirche in der Kritik: Immer mehr Kirchenaustritte

Bereits in den vergangenen Wochen war die Nachfrage nach Kirchenaustritten rasant gestiegen - für viele Katholiken scheint der Krichenaustritt ein Jahresvorsatz gewesen zu sein. Wegen der gestiegenen Nachfrage hatte das Gericht die Zahl der buchbaren Termine bereits von monatlich rund 1.000 auf 1.500 erhöht. Am Freitag wurden um 10.00 Uhr zusätzliche Termine für die Monate März und April auf der Online-Seite freigeschaltet. Es wollten scheinbar so viele Menschen auf dieses Angebot zugreifen, dass die Server zusammenbrachen.

Die Debatte über die mangelhafte Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln zeigt offenbar Wirkung. Die Zahl der Kirchenaustritte ist in den vergangenen Jahren gestiegen. 2020 kehrten laut Amtsgericht 6.960 Kölner den Kirchen den Rücken und im Jahr davor 10.073. Die Behörde verzeichnete 7.618 Austritte für 2018, 6.174 für 2017 und 5.759 für 2016. (dpa/at) *Merkur.de und 24rhein.de gehören zum Ippen-Digital-Netzwerk.

Auch interessant

Kommentare