Missionarisch, fanatisch, genial

- München - "Ich kann aus meiner Haut nicht heraus, was mich umtreibt, was ich als schreiendes Unrecht empfinde, muss ich ausspeien und benennen, mit dem Ziel, es zu ändern. Es ist schon so: Politik braucht Leidenschaft, und sie schafft Leiden, die Erfahrung meines eigenen Politikerlebens." So schrieb Georg Kronawitter 1996 "mit Herzblut" in seinen politischen Erinnerungen. Der Münchner Alt-Oberbürgermeister ist sich treu geblieben - auch als wütender Betreiber des Volksbegehrens gegen die von ihm gehassten Hochhäuser, das ihm in den vergangenen Monaten ein erstaunliches politisches Comeback bescherte.

<P>Wer ist Georg Kronawitter - und was treibt ihn auch als heute 76-Jährigen noch so furios an? 15 Jahre lang war der 1962 in die Münchner SPD eingetretene Kronawitter OB in München. An politischer Bedeutung kommt diese Funktion gleich nach dem Ministerpräsidenten. Unerschrockenheit in der Politik und ein gewisses Maß "bayerischer Sturheit" brachten dem "roten Schorsch" weit über die Stadtgrenzen hinaus eine hohe Popularität ein, die allen Verunglimpfungen durch Parteifreunde trotzte. Bewundernswert ist sein unglaubliches Gespür für das, was die breite Masse will. Selbst den massivsten sachlichen Angriffen seiner Gegner begegnete er durch das Verteilen von Moosröschen an die Bevölkerung in der Fußgängerzone und an S-Bahn-Stationen.<BR><BR>Moosröschen gegen politische Angriffe<BR><BR>Kronawitters politische Karriere als junger Landtagsabgeordneter begann mit einem juristischen Pyrrhussieg. Er hatte den Anstoß für eine parlamentarische Untersuchung des Bodenreformfalles Baron August von Finck gegeben. Den Vorwurf der widerrechtlichen Erlangung von Bauland im Wert von über 100 Millionen Mark konnte Kronawitter nur elf Monate lang auf Grund einer Entscheidung des Landgerichts aufrechterhalten. Dann wurde das Urteil aufgehoben. Doch durch seine mehrjährige Fehde mit dem Baron hatte sich Kronawitter bei der Bevölkerung als streitbarer Abgeordneter profiliert, der die "Bodenspekulation anprangert", der auch "vor den Reichsten nicht kuscht".<BR><BR>Für Kronawitter blieb der Spekulationsvorwurf gegen einen vermögenden Großgrundbesitzer und der damit verbundene "Millionenprozess" ein wichtiges Schlüsselerlebnis, das sein weiteres Denken und Handeln immer dann bestimmte, wenn es darum ging, Kampagnen gegen "Großkopferte" zu führen - so auch später gegen den Baulöwen Josef Schörghuber, dem, so Kronawitter, CSU-OB Kiesl ein "Millionengeschenk" zugeschanzt habe. Auch in seinem Kampf gegen Hochhäuser schimmert die Abneigung gegen Großinvestoren deutlich durch.<BR><BR>Schon im Landtag hatte sich der Sohn eines Kleinbauern aus der Holledau einen Ruf als angriffslustiger Politiker erworben. So attackierte er den bärtigen CSU-Methusalem Alois Hundhammer so lange, bis dieser schließlich abdankte. Altministerpräsident Wilhelm Högner schätzte Kronawitter als "modernen bayerischen Vollblutpolitiker". Mit dem Entschluss Hans-Jochen Vogels, auf das OB-Amt 1972 zu verzichten, bot sich Kronawitter die große Chance. Er gewann die Wahl am 11. Juni 1972 mit dem für die SPD bis dahin schwächsten Ergebnis seit dem Krieg.<BR><BR>Schon bald entwickelte Kronawitter seine "Käseglockenmentalität", nämlich seine Manie, München als Dorf zu sehen. Die Großstadt München war für den aus einer kleinen Ortschaft stammenden Kronawitter immer unheimlich und als Stadt zu groß. Er vertrat deshalb mit Vehemenz die für die Entwicklung Münchens kritische These, dass der Topf überquelle. Durch seine "Wagenburghaltung" wurde der Stadt nach Ansicht von Planungsexperten langfristig großer Schaden zugefügt. Vor allem der Wohnungsbau und die Ausweisung von Gewerbeflächen litten stark. <BR><BR>Kronawitters Beliebtheit im Volk nicht. Wegen seiner persönlichen Herkunft und Erfahrung kann er sich gut in die Gefühlswelt des "kleinen Mannes" versetzen. Seine Reden sind stets einfach und ohne intellektuellen Anspruch. Er scheut sich nicht vor ständigen Wiederholungen. Er ist ein unbeirrbarer Kämpfer für das, was er für richtig hält. Hierin kann er missionarisch, ja fanatisch sein. Selbst heftige politische Gegner sprechen ihm eine gewisse Genialität in der Selbstdarstellung nicht ab.<BR><BR>Der "rote Schorsch" hat in seiner Amtszeit als OB in erster Linie von den durch seine Vorgänger initiierten Projekten profitiert. Das Kulturzentrum Gasteig wurde z.B. unter Kiesl gebaut und finanziert, in Kronawitters Amtszeit fielen nur die Grundsteinlegung und die Einweihung. Ebenso waren die Olympischen Spiele von 1972 das große Werk seines Vorgängers Vogel. Der "rote Schorsch" konnte immer wieder ernten, was andere gesät hatten; das gilt vor allem für den Wohnungs- und Straßenbau. Kronawitter war kein politischer Gestalter, dazu fehlten ihm die Visionen.<BR><BR>"Die Macht des großen Geldes ist von der Macht vieler kleiner Stimmzettel gebrochen worden"</P><P>Dann der Karrierknick: Parteilinke verhinderten seine erneute Kandidatur 1978 - prompt ging die SPD bei der Wahl unter. OB wurde Erich Kiesl, die SPD verlor ihre langjährige absolute Mehrheit im Stadtrat. In einer damals spektakulären Publikation mit dem Titel "Mit allen Kniffen und Listen, Strategie und Taktik der Dogmatischen Linken in der SPD" rechnete der "rote Schorsch" 1979 mit seinen Gegnern ab.<BR><BR>Die SPD-Führung wollte den Störenfried zunächst totschweigen, stellte aber schon bald erstaunt fest, dass er "jetzt mit den gleichen Methoden arbeitet, die er uns in seinem Buch vorwirft". Wer gehofft hatte, dass sich der Fall Kronawitter von selbst erledigen würde, unterschätzte seinen starken Willen und seine enorme physische Kraft. 1979 erschien der totgeglaubte "rote Schorsch" völlig unerwartet wieder auf der bayerischen Bühne. Vier Jahre, nachdem er durch die eigene Partei öffentlich als den Wählern nicht mehr vermittelbar abqualifiziert worden war, zog er 1980 beim Münchner SPD-Parteitag als einer von elf "SPD-Kurfürsten" in den Löwenbräukeller ein. Mit populistischen Parolen wie der, dass die CSU-Fraktion unter Kiesl Spekulanten geschont, Baulöwen gehätschelt und Mieter vernachlässigt habe, gewann er 1984 in einer Stichwahl zum zweiten Mal die OB-Wahl. "Die Macht des großen Geldes ist von der Macht vieler kleiner Stimmzettel gebrochen worden", jubelte Kronawitter.<BR><BR>Keine Zweifel ließ er noch am Wahlabend an seinem Vorhaben, in der von ihm angezettelten "Baulandaffäre Schörghuber" nicht aufzugeben. Auch wenn die Regierung von Oberbayern einen seiner Ansicht nach parteipolitisch gefärbten Persilschein ausgestellt habe, wolle er alles tun, "um dieses 20-Millionen-Geschenk für die Stadt München zurückzuholen".<BR><BR>Tatsache bleibt, dass Kronawitter in dieser für ihn wichtigen Sache weder gerichtlich, noch außergerichtlich auch nur eine einzige Mark für die Stadtkasse erhalten hat. Doch Kronawitter war überzeugt und ist es wohl heute noch, dass, wer den großen Geschäftemachern auf die Finger klopft, mit "brutalen Gegenschlägen" rechnen muss: "Da wird geleugnet, verdreht, verniedlicht, verleumdet."<BR><BR>Kronawitter, der so gern austeilt, musste aber immer auch viel einstecken. Sein ehemaliger enger Mitarbeiter Helmut Pfundstein (jetzt CSU) ätzte 1997: "Im politischen Spiegelbild des Georg Kronawitter steht für Charakter Missgunst, für Ideologie Neid, für Verstand Instinkt und für Methode Verleumdung." Auch mit seiner eigenen Partei liegt der Sturkopf Kronawitter heute, wie schon in den 70ern, im heftigen Clinch. Auf dem Höhepunkt des Hochhausstreits verlangte sein Nachfolger Christian Ude, Kronawitter solle doch endlich die überholten Klassenkampfparolen aus dem 19. Jahrhundert unterlassen.<BR><BR>Der Autor ist ehemaliger Münchner Stadtdirektor und Verfasser des Buches "Der rote Schorsch", 1998, Veda-Verlag.<BR></P><P> </P>

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