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Seit 100 Tagen US-Präsident: Barack Obama.

100 Tage Superstar Obama: "Amerika hat sich verändert"

Washington - Barack Obama hat in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit die Welt beeindruckt. Was er in dieser Zeit alles bewegt hat:

Auf seinen rastlosen Auslandsreisen jubelten die Menschen dem politischen Superstar zu. Die Mächtigen der Welt buhlten um Termine und Nähe. Fasziniert verfolgen die meisten Amerikaner die Omnipräsenz ihres neuen Präsidenten - und geben dem Demokraten bisher gute Noten. Mit einem Feuerwerk an Initiativen und Reformen, Auftritten vor Soldaten und Bürgern, als Talkshow-Gast, Sportexperte oder “Herrchen“ des neuen “First Dog“ im Weißen Haus dominiert der große Kommunikator unangefochten Schlagzeilen und Fernsehsendungen.

Obamas Amtseinfürhung als US-Präsident

Obamas Vereidigung als US-Präsident

Auch den 100-Tage-Termin wollen die PR-Genies im Weißen Haus zum Ruhme ihres charismatischen Chefs nutzen. Seit Franklin D. Roosevelt habe es keinen Präsidenten mehr mit solcher Schaffenskraft gegeben: “Noch nie hat einer so viel in so kurzer Zeit angepackt wie Obama“, betonen Präsidentenberater. Der erste schwarze US-Präsident hat in der Tat viel getan, um sein Versprechen von “Wandel“ und neuer “Hoffnung“ einzuhalten. “Eine Ouvertüre mit Bravour“ schwärmte der Publizist David Broder in der “Washington Post“. Allerdings sei der furiose Auftakt mit Pauken und Trompeten nur das Vorspiel zum “ersten Akt der Oper“ dieser Präsidentschaft, warnte er.

“Der einfache Teil ist jetzt vorbei“, meint auch die Publizistin Ruth Marcus. Man kenne nun das erste Romankapitel. Am Ende erst würde deutlich, ob sich hier ein “junger, naiver, arroganter, sich selbst überschätzender Präsident“ schon früh politisch übernommen habe und grandios scheitern musste; oder, ob sein ehrgeiziges Programm und seine wilde Entschlossenheit schließlich doch sehr wichtige Resultate - wie Konjunkturwende oder Gesundheitsreform - produzieren könne. Vorstellbar seien nach 100 Tagen beide Szenarien.

Obama wird sich am Mittwochabend selbstsicher wie stets einer US- weit übertragenen Pressekonferenz zur besten TV-Sendezeit stellen. Noch scheint ihm die Welt zu Füßen zu liegen: Auch aus dem Ausland gibt es viel Lob. Selbst erbitterte Kritiker der USA wie Venezuelas Präsident Hugo Chavez sprechen von einem möglichen “Neuanfang“. Außenminister Frank-Walter Steinmeier lobte in der “Tageszeitung“ den “frischen Wind“ und die “neue Offenheit“ in Washington. “In der Klimapolitik oder bei der Abrüstung haben wir endlich einen Partner, der selbst mutig vorangehen möchte“, so der SPD-Politiker.

Obama: Sein Weg ins Weiße Haus

Barack Obama: Sein Weg ins Weiße Haus

“Amerika hat sich verändert“ - so lautet Obamas Botschaft an die Welt. Er wolle “zuhören und lernen“, er reicht Kritikern und Gegnern versöhnlich die Hand. Nur wenige hören allerdings genau hin, wenn Obama den US-Führungsanspruch hervorhebt, sagt, dass nicht nur die USA, sondern “auch andere sich ändern müssen“. Der 47-Jährige hat eine neue Weltordnung im Visier, die nicht auf Militärkraft, sondern Verständigung begründet ist. Und er begeistert Millionen mit seiner Vision einer friedlichen, atomwaffenfreien Welt.

Das Weiße Haus zieht nach 100 Tagen eine stolze Bilanz: Im Kampf gegen die dramatische Rezession wurde das größte Konjunkturprogramm der Geschichte auf den Weg gebracht. Hunderte Milliarden Dollar sind für Gesundheitsreform, Klimapolitik und Infrastruktur eingeplant. Das nachhaltigste Vermächtnis der Obama-Regierung werde wohl die “Neudefinition des Kapitalismus“ sein, schrieb der Politologe Donald Kettl (Brookings Institut) und verwies auf den ökonomischen Machtzuwachs des Staates und die Regulierung des Finanzsektors.

Obama ordnete wie versprochen die Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo und geheimer CIA-Gefängnisse an, schwor jeder Folter ab und beschloss einen Truppenabzug aus dem Irak. Eine “neue Strategie“ soll Afghanistan stabilisieren. Zweifel an den Macher-Qualitäten des unerfahrenen Ex-Senators aus Chicago sind geschwunden. Mit Fleiß, Disziplin und viel Lässigkeit scheint der “coole“ Obama die Supermacht zu steuern. “Er ist der erst “hippe“ Präsident der Nation“, schrieb die Zeitschrift “Politico“. Auch Obamas Körpersprache, sein Stil, Humor und Geschmack erklärten seine Popularität und die “Obamania“ weltweit. Er sei gleichzeitig “elitär und volksnah“.

Der ewige Wahlkämpfer Obama will mit seinem “Yes, we can“- Optimismus auch die Regierungsarbeit meistern. Aber in den USA nimmt die Kritik zu. Obamas Absicht, parteiübergreifend regieren zu wollen, ist schon früh gescheitert. Republikaner wie Senator John McCain wettern über eine “maßlose, gefährliche Verschuldungspolitik“. “Eloquenz ersetze keine substanzielle Politik“, schimpft McCain. Die Opposition geißelt Obamas Billionen-Spritzen als “heimliche Verstaatlichung“, die den Weg “zum Sozialismus“ ebneten. Weniger als ein Drittel der Republikaner-Anhänger, ergab eine Umfrage von CBS und “New York Times“, finden Obamas Start gelungen. Dagegen stimmen 90 Prozent der Demokraten seiner Arbeit zu.

Die Linke dagegen sieht aber mit Sorge die Truppenverstärkungen in Afghanistan. “Newsweek“ sprach schon von “Obamas Vietnam“. Auch der Abzug aus dem Irak erscheint vielen halbherzig, denn zumindest bis 2011 bleiben noch zehntausende US-Soldaten dort. Und Guantánamo soll erst 2010 geschlossen werden.

Aber die ersten 100 Tage Obama haben “Wandel“ gebracht: Der junge Präsident konnte, gemeinsam mit seiner glamourösen, hochgebildeten und überaus beliebten Ehefrau Michelle erfolgreich das Ansehen der USA wieder aufpolieren, seine Charme-Offensive wirkt. Europa ist hocherfreut über den neuen, bescheidenen Ton, den respektvollen Stil der US-Regierung. Umfragen zeigen, dass auch die Amerikaner erstmals seit langem wieder glauben, politisch auf dem richtigen Kurs zu sein. “Alle lieben uns jetzt, aber sollte eine Supermacht nicht auch gefürchtet werden?“ fragt ketzerisch der neokonservative “Weekly Standard“.

Die politischen Prüfsteine für Obamas Präsidentschaft liegen noch in der Zukunft: Werden der Iran oder Syrien Obamas Offerten der Verständigung aufgreifen? Werden die Gespräche mit Russland tatsächlich Abrüstung, Kompromisse bei den Streitthemen wie Raketenabwehr und NATO-Erweiterung bringen? Wird es mit China eine Gemeinsamkeit gegen Nordkoreas nuklearen Alleingang gegen? Löst Obama beim Klimagipfel in Kopenhagen Ende 2009 sein Versprechen ein, die USA auf einen neuen Klima-Kurs zu bringen? Und was, wenn die aus Mexiko einsickernde Schweinegrippe zu einer Pandemie wird?

Vor allem aber fragen sich die US-Bürger, wann die riesigen Staatsausgaben den versprochenen Effekt bringen, die Konjunktur wieder anzukurbeln. Noch hat Obama nichts von seinem Star-Effekt verloren, noch gibt es, nach 100 Tagen, viel Nachsicht angesichts des schweren Erbes, das Obama antreten musste. Aber seine Gegner formieren sich schon, um die Idee des “neuen Amerika“ als “große Show“ zu entlarven.

Von Laszlo Trankovits, dpa

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