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Nationale Aufwallung: Ein Flaggenwerfer wirft eine Schweizer Fahne in die Luft. Beim Streit um Äußerungen von Peer Steinbrück geht vielen Eidgenossen derzeit vor allem der Hut hoch – und der Blutdruck.

Streit um Steinbrücks Wortwahl

Indianergeheul bei den Eidgenossen

München – Mit spitzer Zunge hat sich Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in der Schweiz zum Buhmann gemacht. Die sonst so geduldigen Eidgenossen sind außer sich. Sogar Nazi-Vergleiche fallen an prominenter Stelle. Steinbrück hat die Schweizer am wunden Punkt getroffen: ihrer Höflichkeit.

München – Die Schweiz ist ein kleines Land – so klein, dass es dort mitunter richtig eng wird. Das gilt nicht nur für die Städte: Es gibt Gebirgsdörfer, heißt es, da stößt man gegen die Hauswand des Nachbarn, wenn man sein Fenster zu weit öffnet. Das macht das Zusammenleben nicht immer einfach, und eines kann man in dieser Lage überhaupt nicht brauchen: Streit. Darum legen die Schweizer Wert darauf, freundlich miteinander umzugehen. „Es gibt da eine stark formalisierte Höflichkeit“, erklärt Sascha Buchbinder, 40, Berlin-Korrespondent des Züricher Tages-Anzeigers und Kolumnist unserer Zeitung. „Das ist Teil einer Strategie, auf so einem engen Raum klarzukommen.“

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Schweizer sind nette Leute, so empfinden das jedenfalls die meisten Deutschen. Und die sind ihrerseits nett zu den Schweizern. Auch er, erzählt Sascha Buchbinder, profitiere in Deutschland vom „Schweizer-Bonus“. Der werde ihm auch deshalb zuteil, „weil ich diese putzige Sprache rede“ – Deutsch mit Schweizer Einschlag. Was hierzulande jedoch als niedlich empfunden wird, ist für Schweizer häufig Anlass für Frust. Denn sie bemühen sich ja, Hochsprache zu sprechen – doch was sie sagen, wird hier als Mundart gewertet. „Man kann’s auch nicht, wenn man sich Mühe gibt“, sagt Buchbinder. 2003 ist er nach Berlin gekommen und hat beim Reden sofort nach Kräften das rollende „R“ unterdrückt. „Am Abend dachte ich, mir fällt die Zunge ab.“ Trotzdem identifizierte man ihn immer gleich als Schweizer. Ohne Mühe.

Wenn Sascha Buchbinder mit Deutschen spricht, redet er übrigens doppelt so schnell wie mit Schweizern – und verwendet halb so viele Konjunktive wie „könnte“ oder „wäre“. In der Schweiz würde man ihn für einen Rüpel halten. „Das gilt dort als unhöflich“, sagt er. Die Schweizer empfinden die deutschen Schnellredner mit ihrer direkten Art als „permanent unhöflich“. Denn: „Da fühlen wir uns schlicht überfahren“, sagt Sascha Buchbinder.

Derzeit fühlt sich so manch ein Schweizer überfahren von den Deutschen. Der Grund: Das Land der liebenswerten Leisetreter wird attackiert – vom deutschen Verbal-Rhinozeros Peer Steinbrück. Dem Finanzminister geht es um eine Sache, die ohnehin heikel ist: ums Schweizer Bankgeheimnis. Noch viel heikler allerdings ist die kernige Sprache, deren sich der bekennende Wort-Grobian bedient.

Im Oktober schon schwadronierte er von der „Peitsche“, die man zücken werde, wenn die Schweizer sich nicht bewegten. Neuerdings redet er wie ein amerikanischer General aus dem Wilden Westen: Als das Bankgeheimnis vorige Woche praktisch fiel, verglich Steinbrück die Eidgenossen spöttisch mit „Indianern“, die man mit der „Kavallerie“ eingeschüchtert hätte. Das tat weh – vor allem den Schweizern.

Die heulten laut auf: In ihren Wohnzimmern, in Leserzuschriften, im Parlament. Der konservative Abgeordnete Thomas Müller verstieg sich sogar zu einem Nazi-Vergleich: Steinbrück erinnere ihn „an jene Generation von Deutschen, die vor sechzig Jahren mit Ledermantel, Stiefel und Armbinde durch die Gasse gegangen sind“, sagte Müller im Parlament – und kassierte eine Rüge. Einige Abgeordnete entschuldigten sich umgehend.

Provokant: Die Schweizer Boulevardzeitung Bild am Abend präsentierte Peer Steinbrück als „hässlichen Deutschen“.

Die Schweizer Boulevard-Zeitung Blick am Abend widmete Steinbrück die Titelgeschichte und nannte ihn „Der hässliche Deutsche“. Im Text hieß es, der deutsche Finanzminister sei „einer der meistgehassten Menschen in der Schweiz“. Sogar die seriöse Neue Zürcher Zeitung zeigte wenig Fingerspitzengefühl: In der Online-Ausgabe stand am Donnerstag neben einem Bericht über den Nazi-Vergleich ein Foto Steinbrücks mit erhobener linker Hand – was sich durchaus so deuten ließ, als habe man damit einen seitenverkehrten Hitlergruß nahelegen wollen (siehe Bild unten). Nachrichtenchef Urs Holderegger, 46, gab sich „höchst erstaunt“ ob dieser Interpretation. Man habe nur zeigen wollen, dass Steinbrück im Licht stehe und sich mit der Hand gegen die Sonne, also die Kritik, schütze. Dass Steinbrücks Gesicht auf dem Bild vor lauter Schatten kaum zu erkennen ist, schien da keine Rolle zu spielen. Warum auch: Über viele Stunden war der Artikel am Donnerstag bei NZZ Online der meistgelesene.

Wie sehr der Streit die Eidgenossen aufwühlt, bekommen auch die in der Schweiz lebenden Deutschen mit. „Ich werde öfter drauf angesprochen“, berichtet Friedrich Denk, 66. Einst kämpfte der Weilheimer gegen die deutsche Rechtschreibreform, jetzt lebt er „als Pensionist“ im schönen Zürich – und genießt die Höflichkeit seiner Mitbürger. Eines ist ihm aber klar: „Die preußisch-schnoddrige Art von Steinbrück kommt hier gar nicht gut an.“

Sascha Buchbinder glaubt, dass die Schweizer mit Bayern und Österreichern besser auskommen als mit Norddeutschen. „Da gibt es eine Gebirgssolidarität“, sagt er. „Die sind alle aus ähnlichem Holz geschnitzt.“ Peer Steinbrück indessen rühre geradezu am Schweizer Mythos, in dem Wilhelm Tell gegen den Vogt und Steuereintreiber Gessler kämpfe. Jetzt heiße der oberste Steuereintreiber eben Steinbrück, sagt Buchbinder.

Denk hört allerdings auch viel Schweizer Selbstkritik – und Verständnis für Schelte für die Steueroase. So bietet Steinbrücks Ruppigkeit auch einen wilkommenen Nebenschauplatz, um vom Ärger über das durchlöcherte Bankgeheimnis abzulenken. Was dessen Preisgabe die Schweizer Finanzbranche kosten würde, in der bis zu 200 000 Personen arbeiten und 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts generiert werden, ist schwer zu beziffern. Schon 2001 sagte der renommierte Privatbankier Jacques Rossier vom Geldhaus Lombard Odier: „Ohne Bankgeheimnis müssten die Finanzhäuser Ertragsausfälle von mindestens 30 Prozent verzeichnen.“ Das Geschrei war damals groß. Die Berner Tageszeitung Der Bund rechnete einst aus, dass das Bankgeheimnis jedem Schweizer Bürger rund 1000 Franken eintrage. Inzwischen trösten sich Banken mit dem Gedanken, dass ihre Kunden die Schweiz auch in Zukunft schätzen werden – wenn andere Staaten, wie die Bundesrepublik, weiter den gläsernen Bankkunden anstreben.

Derweil geht’s im Indianer-Streit um noch ein Schweizer Lieblingsthema: um das angespannte Verhältnis zu den Deutschen. Viele gut qualifizierte deutsche Arbeitnehmer – Ingenieure, Ärzte, Pfleger – strömen in die Schweiz, auch wegen des hohen Lohnniveaus. Das Land braucht diese Menschen, die für wenig Geld gut arbeiten – und damit das Lohngefüge drücken, wie viele Schweizer fürchten. Längst bilden die Deutschen eine riesige Gruppe von Neuzuwanderern: 1995 lebten 97 000 von ihnen in der Schweiz, 2007 waren es bereits 260 000. Und die Kurve steigt steil an. Offen ist, ob die Erregungskurve im nationalen Streit bald abflacht. Steinbrücks Sprecher, Torsten Albig, sagte am Freitag, dass „jeder Gesprächswunsch gern akzeptiert“ werde. Dann stichelte er hinterher: „Denn die Kriegsbeile, die man aus der Schweiz nach uns geworfen hat, haben uns nicht hart getroffen.“

Von Robert Arsenschek

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