Tauglichkeits-Test für Fahrer ab 50?

Mobil auf Widerruf?

München - Die Generation 50plus ist fitter denn je. Sie steht mitten im Leben. Doch beim Autofahren soll sie nach dem Willen der EU plötzlich zum alten Eisen gehören. Die Politiker in Brüssel fordern Tauglichkeits- Tests für Fahrer ab 50 und den Führerschein auf Zeit.
Experten sind schockiert.

Der Vorschlag sei eine bodenlose Frechheit. "Man kann den Leuten nicht so an den Karren fahren", sagt Andreas Hölzel vom ADAC. Warum sollten Autofahrer ab 50 regelmäßig zum Test? Die Älteren hätten doch eine unglaubliche Routine, sie würden langsamer fahren, viel umsichtiger als die Jüngeren. "Sie sind schon längst aus ihrer Sturm- und Drang-Zeit raus", sagt Hölzel, man dürfe sie nicht nötigen, immer wieder zu beweisen, dass sie noch fahrtauglich seien. "Das ist pure Diskriminierung." Die Politiker in Brüssel sehen das allerdings anders.

In einer neuen Führerschein-Richtlinie hat die EU ihre Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, künftig die Fahrtauglichkeit von Menschen ab dem 50. Lebensjahr überprüfen zu lassen. Ein Führerschein auf Zeit sozusagen - in vielen europäischen Ländern ist das längst Usus: In Spanien zum Beispiel müssen Fahrer, die jünger sind als 45, alle zehn Jahre zur Untersuchung, danach sogar alle fünf Jahre. In den Niederlanden gelten im Fünf-Jahres-Rhythmus Pflichttests für über 70-Jährige. Und in Italien müssen Fahrer ab 65 alle zwei Jahre einen Augen- und Reaktionstest machen, sonst dürfen sie nicht mehr hinters Steuer. Die meisten Experten aus Deutschland bezeichnen den EU-Vorstoß hingegen als Angriff: "Das ist ein Affront gegen die wachsende Zahl vollkommen fahrtüchtiger Senioren", klagt Gert Schleichert, Leiter der Verkehrssicherheit beim Auto Club Europa, am Rande des 47.

erkehrsgerichtstages in Goslar. Pauschale Eignungsprüfungen für ältere Autofahrer lehnt er ab. "Das Alter als Indikator für Fahrtauglichkeit anzusehen, ist falsch", sagt auch Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versichertenwirtschaft.

Die Zahlen belegen, dass die Generation 50plus immer mobiler wird: Fast 90 Prozent der Männer Anfang 60 und fast 80 Prozent der Frauen im gleichen Alter haben heute einen Führerschein. Tendenz: steigend. Im Vergleich zu den Fahranfängern verursachen die Älteren jedoch viel seltener Unfälle. Das Verhälnis "Alt : Jung" liegt nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Bayern bei etwa "3 : 7"; trotz immer größerer Mobilität der über 50-Jährigen ist die Zahl der älteren Unfallverursacher in den vergangenen zehn Jahren aber nur geringfügig nach oben geklettert.

Für die meisten Senioren bedeutet Autofahren Lebensqualität. Vor allem auf dem Land: Wer sich nicht mehr ans Steuer setzt, verliert schnell den Kontakt zur Außenwelt. Der Weg zum Stammtisch ist plötzlich zu weit und zu anstrengend, der gemeinsame Ausflug mit den Enkeln an den See nicht mehr möglich. US-Studien belegen sogar, dass für ältere Menschen, die länger als sechs Monate nicht mehr hinterm Steuer saßen, das Risiko, später einmal betreut werden zu müssen, um ein Vielfaches höher ist als bei aktiven Fahrern.

Den Führerschein also aus Prinzip zu "zwicken" halten viele Experten für sehr gefährlich. Daher plädieren sie für freiwillige Gesundheits-Checks: Der ACE, nach dem ADAC der zweitgrößte Automobilclub Deutschlands, appelliert vor allem an Ärzte, bei medizinischen Beratungen die Anforderungen der Verkehrssicherheit stärker als bisher zu berücksichtigen. Die typischen Fehler von Senioren seien Missachten der Vorfahrtsregeln, Schwierigkeiten beim Linksabbiegen und Wenden sowie beim Fahrbahnwechsel, sagt ein Sprecher.

Der TÜV-Süd bietet schon lange Fitness-Checks an - und das nicht nur für Fahrer über 50. "Viele scheuen sich jedoch, zu uns zu kommen", sagt Heidi Hagenreiner in einem Interview mit unserer Zeitung: "Sie haben Angst, dass wir ihnen den Führerschein abnehmen."

Dabei gehe es dem TÜV-Süd nicht in erster Linie ums Alter, sondern um gesundheitliche Aspekte sowie um das Seh- und Hörvermögen, die Beweglichkeit sowie die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit. "Das Einzige, was wir den Menschen nehmen wollen, ist ihre Unsicherheit", sagt Hagenreiner.

B. Nazarewska, A. Jahnke und M. Brunnert

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