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Moldau und die Ukraine-Flüchtlinge: Kleines Land mit großer Last

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Von: Leonie Hudelmaier

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Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm
Moldau zeigt sich solidarisch mit den ukrainischen Geflüchteten, dabei steht das Land vor einigen Krisen. © picture alliance/dpa | Michael Kappeler

In Relation zu seinen Einwohnern hat Moldau mehr Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen als jedes andere Land – und das als oft genanntes Armenhaus Europas.

Chisinau – Alte Schilder und Programme von längst vergangenen Ausstellungen hängen an den Wänden und von der Decke. Auf dem Messegelände in Moldaus Hauptstadt Chisinau erinnern noch vereinzelte Teile daran, was bis vor zwei Jahren hier stattgefunden hat. Dann kam erst die Corona-Pandemie, und jetzt tobt der Krieg in der Ukraine. An Messen ist momentan nicht zu denken. Die große Halle ist in kleine Parzellen aus Stellwänden aufgeteilt und mit weißen Vorhängen abgehängt. Hinter jedem dieser Vorhänge verbirgt sich ein Schicksal eines Geflüchteten aus der Ukraine. Ein paar Gänge weiter spielen Kinder mit Seilen und rennen fröhlich umher. Allein 150 der insgesamt 350 Flüchtlinge, die hier Schutz vor dem russischen Angriffskrieg gefunden haben, sind Kinder.

Moldau: „Armenhaus Europas“ zeigt Solidarität mit Ukraine-Geflüchtete

Die Republik Moldau hat pro Einwohner mehr Geflüchtete aufgenommen als jedes andere Land. Insgesamt 415.850 Kriegsflüchtlinge kamen bereits in das Land mit nur 2,6 Millionen Einwohnern. Die Republik der ehemaligen Sowjetunion gilt als das Armenhaus Europas – mit den niedrigsten Löhnen und sechsmal höheren Energieausgaben als in Ländern der Europäischen Union (EU). Die Inflation stieg zuletzt auf über 20 Prozent. Alles Umstände, die eine enorme Abwanderung der moldauischen Bevölkerung zur Folge haben. Fast die Hälfte der eigentlich vier Millionen Moldauer lebt und arbeitet im Ausland. Meistens gehen die Menschen in die EU.

Ukrainer fliehen nach Moldau: 100.000 Flüchtlinge bereits aufgenommen

Deswegen zieht es auch viele der Geflüchteten weiter. So auch Jefgenia, die mit ihren drei Kindern (fünf, neun und 13 Jahre) aus Odessa geflohen ist. „Ich bin Moldau sehr dankbar für alles“, sagt die 43-Jährige. Doch so bald es möglich ist, möchte sie nach Österreich weiterreisen. Aus Angst um seine Kinder hat auch der Ukrainer Klim das Land verlassen. Mit seinen drei Kindern, seiner Frau und seinen Schwiegereltern möchte er an diesem Freitag mit dem Bus nach Köln aufbrechen, wie er erzählt.

Einige der Familien suchen aber auch dauerhaft eine Bleibe in Moldau. Bereits jetzt zählt das Land 100.000 Flüchtlinge, die bleiben – das sind fast vier Prozent der Bevölkerung.

Moldau: Spagat zwischen Hilfsbereitschaft und eigener Not

Seit Beginn des Krieges findet sich das Land an der Grenze zur Ukraine in einem Spagat zwischen Hilfsbereitschaft und eigener Not wieder. „Wir werden den ukrainischen Flüchtlingen helfen, aber wir brauchen auch Hilfe – wie etwa finanzielle Unterstützung“, erklärt Maia Sandu, die moldauische Präsidentin, am Rande eines Treffens mit einer Delegation angeführt von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt in Chisinau.

Die Angst vor einer Ausweitung des Krieges in der Ukraine bis zur Hafenstadt Odessa hängt über der Republik wie ein Damoklesschwert. Denn „von Odessa würde die größte Flüchtlingsbewegung kommen“, prognostiziert Ullrich Kinne, Geschäftsträger der Deutschen Botschaft in Chisinau. Die wirtschaftlich wichtige Hafenstadt am Schwarzen Meer ist nur eine Autostunde von dem moldauische Grenzdorf Palanca entfernt und damit der nächstgelegene Ort, um sich außerhalb der Ukraine in Sicherheit zu bringen. Erst vergangenes Wochenende soll es laut ukrainischen Behörden in Odessa zu russischen Angriffen gekommen sein.

„Moldau leistet heute schon Enormes, weil es extrem von der Fluchtbewegung betroffen ist“

Die Folgen dieses Szenarios wären schwer zu stemmen. Wie es von der Regierung in Moldau heißt, könnte zwar die Aufnahme von zusätzlich 20.000 Menschen staatlich organisiert werden, und 50.000 Flüchtlinge würden aufgrund familiärer und persönlicher Verbindungen privat unterkommen. Jedoch kamen zu den Hochzeiten der ukrainischen Fluchtbewegung am Tag bereits 30 000 Menschen. Damit dürfte die Kapazität bei einem Fluchtstrom der Eine-Million-Einwohner-Stadt Odessa schnell erreicht sein. „Moldau leistet heute schon Enormes, weil es extrem von der Fluchtbewegung betroffen ist“, sagt Alexander Dobrindt. Jedoch brauche das Land zur Bewältigung dieser Herausforderung finanzielle und logistische Unterstützung, erklärt der CSU-Politiker weiter.

Moldau kämpft mit Energie-Krise: „Gas-Preis ist bereits um 360 Prozent gestiegen“

Neben dem Flüchtlingsstrom hat die ehemalige Sowjetrepublik mit einer Energie-Krise zu kämpfen. Denn auch Moldau ist von russischem Gas abhängig und das nahezu gänzlich. „Der Gas-Preis ist bereits um 360 Prozent gestiegen“, wie Präsidentin Sandu berichtet. Die Tendenz sei steigend. Und dann ist da noch die Angelegenheit mit Transnistrien.

Das pro-russische Gebiet ist eine autonome Region in der Republik Moldau. Ein Gebiet, das neben dem Schmuggel von Waren von Stromerzeugung finanziert wird. Moldau bezieht seinen Strom fast ausschließlich aus dem dortigen gasbetriebenen Stromkraftwerk. Eine russische Abhängigkeit, von der sich das Land zu lösen versucht. Dafür, so die dringende Bitte der moldauischen Regierung, solle sich der europäische Markt auch für Produkte aus Moldau öffnen.

Moldau auf pro-europäischen Kurs: Präsidentin erhofft sich EU-Beitritt

Während Moldau von Osten auf den russischen Angriffskrieg blickt, orientiert es sich politisch immer mehr Richtung Westen. Seit Ende 2020 ist Maia Sandu Präsidentin und verfolgt einen pro-europäischen Kurs. Auf der langfristigen Agenda steht auch der Beitritt in die EU. Den Antrag für die Aufnahme hat Sandu bereits Anfang März unterschrieben. Dobrindt unterstützte bei dem Treffen dieses Vorhaben. „Ich bin der Überzeugung, dass wir Moldau perspektivisch einen Beitritt Richtung EU ermöglichen sollten“, erklärt er. Denn das wäre „ein Signal, dass es in der westlichen Gemeinschaft willkommen ist“.

Das kleine Land steht seit dem Ukraine-Krieg mehr denn je unter Druck. Gleichzeitig genießt es nun deutlich mehr Aufmerksamkeit. Ein Hoffnungsschimmer, den Moldau trotz der schrecklichen Kriegsumstände hat.

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