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Die Taufe besiegelt den Kircheneintritt – wie hier im Februar 2015 in Berlin

Debatte nach Mord an Bub

Konvertierte Asylbewerber: „Christ wird man nicht im Galopp“

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Asylbewerbern, die zum christlichen Glauben übertreten, droht häufig Gefahr. Aber ist der Wechsel der Konfession bei manchen auch ein Vorwand, um bleiben zu können?

München – Es ist ein heikles Thema für alle Beteiligten. Der Mörder des Buben im oberpfälzischen Arnschwang hätte ursprünglich abgeschoben werden sollen. Aber während seiner Haftzeit konvertierte der wegen schwerer Brandstiftung verurteilte Mann zum Christentum. Deshalb untersagte das Verwaltungsgericht München 2014 die Abschiebung. Begründung: Dem Mann hätte in der streng islamisch geprägten afghanischen Heimat große Gefahr gedroht.

Nun hängt dieser Fall zunächst nicht direkt mit der Frage des Glaubens zusammen. Auch Menschen, die sich dem Christentum zugehörig fühlen, begehen Straftaten. Weil der Mann aber ohne seinen Konfessionswechsel wohl längst wieder in Afghanistan gewesen wäre, wächst die Kritik an den Kirchen. Der Vorwurf: Ein bisschen Bibel zitieren, ein bisschen Weihnachtsmesse – und fertig sei die Kirchenzugehörigkeit.

Die großen Kirchen prüfen - die Freikirchen nicht

Anruf also bei Gabriela Grunden. Sie berät für die Erzdiözese München und Freising Menschen beim Übertritt in die katholische Kirche. „Schon im Erstgespräch mit Asylbewerbern sage ich, dass die Taufe keineswegs ein Bleiberecht bedeutet“, sagt Grunden. In seltenen Fällen bleibe es dann bei diesem einen Treffen. Wer es aber ernst meine, trete in einen zwei- bis dreijährigen Prozess ein – und bringe sich oft auch innerhalb seiner Unterkunft in Gefahr. „Wir als Kirche sagen nicht einfach: ,Schön, wieder einer mehr!‘“

Das betont auch das Bistum Augsburg, zuständig für den konvertierten Afghanen aus Arnschwang. „Christ wird man nicht im Galopp“, sagt Bertram Meier, Leiter des Seelsorgeamts. Im Gegenteil: Jeder Taufbewerber werde ausgiebig vorbereitet und geprüft. Ähnlich äußern sich Vertreter der evangelischen Kirche. Kritiker sagen: Das mag für die beiden großen Kirchen zutreffen. In Freikirchen sei der Eintritt dagegen mitunter eine Frage von Stunden.

Für den getöteten Buben gab es am vergangenen Freitag in Arnschwang eine Andacht.

Allerdings ist das alles zunächst mal eine innerkirchliche Angelegenheit – und für das Asylverfahren unbedeutend. Glaube ist Privatsache. Für staatliche Stellen relevant wird die neue Konfession erst, wenn sie als sogenannter „Nachfluchtgrund“ angeführt wird. Das bedeutet: In der Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nennt ein Asylbewerber seinen christlichen Glauben als Hinderungsgrund für eine Rückkehr in die Heimat.

Früher mehr Iraner, heute mehr Afghanen

Dann sind die BAMF-Mitarbeiter angehalten, die religiöse Ernsthaftigkeit zu prüfen. Wie das abläuft, hat die Passauer Anwältin Petra Hubner schon mehrmals erlebt. „Es reicht nicht, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen“, erklärt sie. Die Fragen seien sehr detailliert und kaum auswendig zu beantworten. Oder in feinstem Juristendeutsch: Es geht um einen „identitätsprägenden Glaubenswechsel“. Hubners Beobachtung: „Vom Bundesamt werden die mit einem Konfessionswechsel begründeten Asylanträge häufig abgelehnt.“ Werde der Fall abschließend von einem Verwaltungsgericht entschieden, stünden die Chancen besser. Das könne auch daran liegen, dass manche Richter mit den Details christlichen Glaubens nicht sehr vertraut seien.

Die Anwältin ergänzt: Lange habe sie überwiegend mit iranischen Staatsangehörigen zu tun gehabt. Verhältnismäßig neu seien dagegen zum Christentum konvertierte Afghanen, wenngleich das zahlenmäßig „kein großes Phänomen“ sei.

Bayerns Innenminister Herrmann forderte im Interview mit dem Münchner Merkur ein schärferes Vorgehen bei Abschiebungen.

Nur ist das mit den Zahlen so eine Sache. Wie viele Menschen verweisen in der Asylanhörung auf ihren Wechsel zum christlichen Glauben? Wie viele Abschiebungen werden von Verwaltungsgerichten gestoppt, weil die Richter das Leben der Konvertiten in Gefahr sehen? Weder das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge noch das bayerische Innenministerium sind im Besitz solcher Statistiken. In Medienberichten ist von 2000 konvertierten muslimischen Flüchtlingen seit 2014 die Rede. Belegen lässt sich das nicht.

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