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„Wie Deutschland 1945“: Russischer Schach-Großmeister erwartet „schlimmste“ Putin-Niederlage

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Von: Andreas Schmid

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Der ehemalige russische Schachweltmeister Garry Kasparow kritisiert die Haltung der Nato gegenüber Russland. (Archivbild)
Der ehemalige russische Schachweltmeister Garry Kasparow kritisiert Wladimir Putin deutlich. (Archivbild) © imago/APress

Russland ist die größte Schachnation der Welt. Aktuell scheinen die Profis gespalten: für oder gegen Krieg? Mehrfachweltmeister Kasparow sprich schon von einem „1945“-Szenario.

Moskau - Garri Kasparow wollte schon vor 15 Jahren die politische Karriere des Wladimir Putin stoppen. Der mehrfache russische Schachweltmeister gründete das „Komitee 2008: Freie Wahlen“, das eine zweite Putin-Amtszeit in Russland verhindern wollte. Schach spielt Kasparow seit Jahren nicht mehr - putinkritisch ist der 59-Jährige allerdings mehr denn je eingestellt.

Ukraine-Krieg: Kasparow sieht „schlimmste“ Putin-Niederlage: „Wie Deutschland 1945“

In einem Interview mit dem Spiegel prognostizierte Kasparow eine russische Niederlage im Ukraine-Krieg. „Spätestens im April geht Putin die Munition aus, die Wirtschaft wird nicht einmal mehr die Grundbedürfnisse der Russen decken können.“ Deshalb habe es der Kremlchef „jetzt eilig“, was an der Teilmobilmachung zu erkennen sei. „Er sucht eine gute Ausgangsposition für Verhandlungen.“

Die Niederlage werde für Russland verheerend sein, glaubt Kasparow. „Aus der Geschichte Russlands wissen wir, dass jede militärische und geopolitische Niederlage in der Heimat zu dramatischen politischen Veränderungen führt, ob der Krim-Krieg 1855, der russisch-japanische Krieg 1905, das Patt im Ersten Weltkrieg oder das Ende des Kalten Krieges 1989. Diese Niederlage aber könnte die schlimmste von allen sein, weil sie sehr gut sichtbar sein wird. Das wird wie 1945 in Deutschland sein.“ Eine ähnliche These vertritt der Oppositionelle Leonid Wolkow in seinem neuen Buch.

Russland wie Deutschland 1945? „Putin ist gerade dabei, den Krieg zu verlieren“

1945 endete der Zweite Weltkrieg mit einer Niederlage für den Aggressor. Hitler-Deutschland war besiegt, das Land zerstört und besetzt. Ein Szenario, das wohl kaum auf Russland zutreffen wird, wo derzeit im eigenen Land kaum Bomben fliegen und eine ukrainische Besatzung ausgeschlossen scheint.

Kasparow meint aber: „Es geht um das Gefühl der Niederlage, um die Einsicht, dass das russische Imperium tot ist.“ Diese Einsicht werde kommen, „wenn die Krim befreit ist und die ukrainische Flagge über der wichtigsten Hafenstadt der Krim weht, über Sewastopol.“ Auch diese Option scheint aktuell unwahrscheinlich. Russland kontrolliert die Krim und annektierte jüngst vier weitere Regionen in der Ukraine. Kiew konnte derweil Gebiete in Cherson zurückerobern (siehe Karte). Kasparow ist sich insgesamt sicher: „Putin ist gerade dabei, den Krieg zu verlieren.“

Russlands Schachszene: Gespalten zwischen Kreml-Konsens und Putin-Protest

Russland gilt als größte Schachnation der Welt. Die besten Spieler sind deutlich bekannter als ihre Pendants im Westen. Sie werden teils massiv vom Staat unterstützt - und nicht alle von ihnen sind kremlkritisch eingestellt. Der frühere Weltmeister Anatoli Karpow gehört der Putin-Partei „Einiges Russland“ an. Der 32-jährige Sergei Karjakin - gebürtig aus der Ukraine - ist wegen Kriegsverherrlichung und Putin-Verehrung für alle internationalen Schachspiele gesperrt worden. Ebenso wie der Großmeister Sergej Shipov, der wie Karpow in Online-Kommentaren den Krieg verteidigt hatte.

Sergei Karjakin, geboren in Simferopol auf der Krim, posiert mit einem „Z“, dem Unterstützerzeichen Russlands im Ukraine-Krieg.
Sergei Karjakin, geboren in Simferopol auf der Krim, posiert mit einem „Z“, dem Unterstützerzeichen Russlands im Ukraine-Krieg. © IMAGO/Pavel Lisitsyn

Gleichzeitig gibt es weitere Putinkritiker wie das 25-jährige Moskauer Schachtalent Daniil Dubowden, das offen mit Kremlkritiker Alexei Nawalny sympathisiert und Proteste gegen Putin fordert. Oder den Großmeister Jan Nepomnjaschtschi, der den Krieg schon am ersten Tag verurteilte. „In der Geschichte gab es schon viele schwarze Donnerstage. Aber der heutige Tag ist der schwärzeste von allen“, schrieb Nepomnjaschtschi am 24. Februar auf Twitter. An jenem Donnerstag, an dem Russland die Ukraine angegriffen hatte. (as)

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