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Muharrem Ince spricht auf dem Parteikongress. 

Präsidentschaftswahl in der Türkei

Muharrem Ince - Der Hoffnungsträger der Opposition

Er ist witzig, volksnah und vor allem unermüdlich. Muharrem Ince, Präsidentenkandidat der Mitte-Links-Partei CHP, hat die türkische Opposition wachgerüttelt. Er könnte Erdogan sogar gefährlich werden.

Istanbul - Sichtlich gut gelaunt läuft Muharrem Ince in weißem Hemd auf der Bühne hin und her. Mehr als hundert Wahlkampfauftritte hat er schon hinter sich, müde wirkt er nicht. Ince ist der Präsidentenkandidat der größten Oppositionspartei CHP und er will den Sieg bei den Wahlen am Sonntag, das strahlt er in jeder seiner Reden aus. „Erdogan, wenn Du Dich traust, wenn Du Mut und das Wissen hast, dann trete mir gegenüber“, sagt Ince. Er spricht über ein TV-Duell, das Erdogan ablehnt, zu dem Ince den Amtsinhaber aber trotzdem immer wieder auffordert. Zu einem Duell kann Ince den Amtsinhaber nicht zwingen, aber vielleicht in die Stichwahl.

Ince (54) ist laut, er ist witzig und rhetorisch brillant. Inhaltlich ist er der Gegenentwurf zu Erdogan (Ein Portrait von Erdogan finden Sie hier). Er wirbt damit, der „Präsident aller“ zu sein und trägt deshalb auch kein CHP-Parteiabzeichen. Erdogan dagegen hatte sich nach dem Referendum 2017 wieder an die Spitze seiner islamisch-konservativen AKP wählen lassen. Ince will eine unabhängige Justiz und freie Medien. Er hat den inhaftierten pro-kurdischen Präsidentenkandidaten, Selahattin Demirtas, im Gefängnis besucht - den Erdogan einen „Terroristen“ nennt. Den Ausnahmezustand will Ince innerhalb von 48 Stunden nach seiner Wahl aufheben. Ince macht deutlich, dass ihm Europa wichtig ist: „Gleich nachdem ich gewählt werde, besuche ich die Hauptstädte in Europa“, kündigt er an. Ziel sei die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Er werde sich darum bemühen, das „schnell“ zu erreichen.

Ince attackiert Erdogan häufig an dessen Schwachstelle: der Wirtschaft

Aufgewachsen ist Ince im westtürkischen Yalova. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, studierte, wurde Physiklehrer und später Schuldirektor. Er sagt von sich selbst, er sei gläubiger Muslim, auch wenn er nicht fünfmal am Tag bete. Seit er 15 Jahre alt sei, gehe er jeden Freitag in die Moschee. Seine Mutter und Schwester tragen Kopftuch. Ince ist ein säkularer Politiker, das Kopftuchverbot würde er nicht wieder einführen. Er attackiert Erdogan besonders gerne an dessen aktueller Schwachstelle: Der Wirtschaft. Ince erklärt den Landwirten, warum sie nun für ihren Ertrag wesentlich weniger Geld bekommen als vor AKP-Zeiten. Dazu hält Ince - ganz der Lehrer - demonstrativ Einmachgläser in verschiedenen Größen mit Weizen hoch.

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Ince schloss sich nach eigenen Angaben als Jugendlicher der Mitte-Links-Partei CHP an. Die Partei versteht sich als Bewahrer des Erbes von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Im Parlament sitzt er seit 2002 - jenem Jahr, als Erdogans AKP an die Macht kam. Ince hat es geschafft, für seine Partei das Bild der hochnäsigen, reichen Kemalisten abzuschütteln. Er stellt sich als Mann des Volkes dar - ein Image, das Erdogan immer für sich beanspruchte. Ince dreht den Spieß sogar um: Er wirft seinem Gegner Prunksucht vor. Er verspottet Erdogan wegen seines eigens für ihn errichteten Präsidentenpalastes mit 1150 Zimmern. Den Palast, sagt Ince, werde er im Falle seiner Wahl zu einer Bildungsstätte machen. „Ihr habt die Wahl“, ruft er seinen Anhängern zu. „Entweder Erdogan aus dem Palast oder Muharrem, der Sohn des Volkes“.

„Türkische Medien, schämt ihr Euch nicht?“

Dass er Gehör findet, da kann sich Ince dennoch nicht sicher sein. Seine Wahlkampfreden strahlen die Sender selten in voller Länge aus. Statistiken der Rundfunkbehörde zeigen, dass der Staatssender TRT Erdogan und seiner AKP zwischen dem 14. und 30. Mai mehr als zehnmal so viel Sendezeit einräumte als Ince und seiner Partei. Ince macht seinem Ärger auf der Bühne Luft. Er werde abgewürgt, sobald jemand aus der AKP spreche, kritisiert er. „Türkische Medien, schämt ihr Euch nicht?“

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Ince hat die CHP aus ihrer Lethargie gerüttelt, er begeistert die Massen und er hätte das Format, das polarisierte Land zu versöhnen. Bei einer Stichwahl könnte es ihm gelingen, die gesammelte Opposition hinter sich zu versammeln - und vielleicht sogar den einen oder anderen enttäuschten Erdogan-Wähler auf seine Seite ziehen.

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dpa

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