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Polizisten stehen am Mittwoch vor dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund.

Nach dem Anschlag auf den BVB-Bus

Terror-Rätsel von Dortmund -  Ermittlungen in alle Richtungen

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Die Suche nach den Attentätern von Dortmund ist extrem kompliziert. Dort gibt es viele Salafisten, aber auch Rechtsextremisten. Hinzu kommt: Die Polizei hat gleich mehrere Bekennerschreiben gefunden. Eine Spurensuche.

Dortmund/München – Der Tag nach dem Terroranschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus beginnt mit einer Neuigkeit nach der anderen. Manche widersprechen sich, andere sind rätselhaft. Fangen wir mit den rätselhaften an: Nach dem Anschlag finden die Polizisten gleich drei Bekennerschreiben in der Nähe des Busses. Drei Sprengsätze, die mit Metallstiften bestückt waren, sind hier am Dienstagabend detoniert. Ort: Wittbräucker Straße 563, Stadtteil Höchsten (lesen Sie hier unseren Nachrichten-Ticker und eine Chronologie der Ereignisse). Gleich beim Mannschaftshotel und zehn Kilometer vom Signal Iduna Park entfernt, wo die Borussia am Abend gegen Monaco antreten sollte. Drei Mal steht der identische Text im Bekennerschreiben:

„Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen, 12 ungläubige würden von unseren Gesegneten Brüder in Deutschland getötet. Aber anscheinend scherst du dich Merkel nicht um deinen kleinen dreckigen Untertanen. Deine Tornados fliegen immer noch über dem Boden des Kalifats, um Muslime zu Ermorden. Jedoch wir bleiben standhaft durch die Gnade Allahs. Ab sofort stehen alle ungläubigen Schauspieler, Sänger, Sportler und Sämtliche prominente in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen auf Todesliste des Islamischen Staates.

Und das solange die folgenden Forderungen nicht erfüllt werden: Tornados aus Syrien abziehen. Ramstein Air Base muss geschlossen werden.“

Nehmen die Islamisten jetzt also den deutschen Spitzensport ins Visier? So sieht es auf den ersten Blick aus – aber auf den zweiten schon nicht mehr. Einerseits ist das Bekennerschreiben gespickt mit Rechtschreibfehlern, andererseits enthält es komplizierte grammatikalische Konstruktionen. Soll die Öffentlichkeit mit einer Fälschung in die Irre geführt werden?

In Ermittlerkreisen wird der Terror-Anschlag schnell als für die Islamisten-Szene ungewöhnlich bezeichnet. Auf dem Schreiben fehlen beispielsweise IS-Symbole. Zudem sei das Vorgehen der Täter im Vergleich zu früheren Terror-Attacken mit IS-Bezug untypisch. In der Vergangenheit haben Islamisten – wie Anis Amri bei seinem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt – meist versucht, möglichst viele Menschen zu töten. Aber auch hier sind sich die Experten uneinig: „Es könnte jemand sein, der sich diffus dem IS verbunden fühlt, aber auf eigene Faust operiert“, sagt Andreas Armborst, Terrorismus-Experte und Leiter des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention in Bonn. „Das terroristische Kalkül ist es, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Das kann man mit Anschlägen auf große Menschenmengen erreichen. Aber man kann das auch dadurch erreichen, dass man sehr prominente Menschen ganz gezielt angreift.“

Frauke Köhler, Pressesprecherin des Generalbundesanwalts.

Am Mittwochnachmittag tritt eine Sprecherin der Bundesstaatsanwaltschaft, die den Fall übernommen hat, vor die Presse. In einem kurzen Statement sagt sie: Die genaue Motivlage sei noch unklar. Ein islamistischer Hintergrund des Anschlags sei „möglich“. Gleichzeitig gibt sie bekannt, dass zwei Verdächtige aus dem islamistischen Spektrum in den Fokus der Strafverfolgung gerückt sind. Die Wohnungen der Beschuldigten wurden durchsucht. Einer der beiden, ein 25-jähriger Iraker aus Wuppertal, wird vorläufig festgenommen. Es werde geprüft, sagt die Sprecherin, ob gegen ihn Haftbefehl beantragt wird. Der andere Mann soll ein 28-jähriger Deutscher aus einer kleinen Stadt bei Dortmund sein. Ob die Männer tatsächlich an der Tat beteiligt waren? Bis Redaktionsschluss war das unklar.

Im Internet taucht auch noch ein zweites Bekennerschreiben auf – diesmal aus dem linksextremistischen Milieu. Darin heißt es: „Der Bus ist hierbei ein Symbol für die Politik des BVB, die sich nicht genügend gegen Rassist_innen, Nazi_innen und Rechtspopulist_innen einsetzt.“ Laut Bundesstaatsanwaltschaft gibt es „erhebliche Zweifel“ an der Echtheit des Dokuments.

Ein Sprengstoffspürhund ist im Einsatz.

Es wird also in alle Richtungen ermittelt, aber gerade in Dortmund gestaltet sich die Suche nach den Tätern besonders schwierig. Viele Szenarien sind denkbar: Während Nordrhein-Westfalen als Bundesland über eine besonders große Islamisten-Szene verfügt, gilt die 590.000-Einwohner-Stadt auch als Hochburg für Neonazis. Vor allem im Stadtteil Dorstfeld haben sich meist junge Rechte aus dem ganzen Bundesgebiet versammelt. „Kaum jemand, der sich gegen Rechtsextremismus stark macht, scheint in Dortmund sicher zu sein“, schreiben zwei Journalisten schon 2012 in dem Buch „Neue Nazis“. Sie schreiben auch, dass die Stadt schon immer eine starke rechte Szene hatte – und die wiederum starke Bezüge in die Fanszene hat. Schon in den 80er-Jahren dominierte die gefürchtete „Borussenfront“ die Nordstadt und das Westfalenstadion, angeführt von Siegfried Borchardt, Spitzname „SS-Siggi“.

Der Nationalsozialistische Untergrund ermordete hier 2006 den türkischen Kioskbesitzer Mehmet Kubasik. Zur in der Stadt alles dominierenden Borussia haben die Rechten inzwischen ein gespaltenes Verhältnis. Lange nutzten sie die legendäre Südtribüne als Podium. Inzwischen aber gibt es immer härteren Widerstand aus dem Verein. Nach den Ausschreitungen rund um das Spiel gegen RB Leipzig verschärfte sich der Ton, vor allem gegenüber einer relativ neuen, radikalen Fanvereinigung namens „Roit 0231“, die vorwiegend aus rechten Schlägern besteht. Im Februar tauchte ein Graffito auf, auf dem der Dortmunder Geschäftsführer bedroht wurde: „Aki Watzke aus der Traum… bald liegst du im Kofferraum!“

Attacke auf BVB-Bus: Die Bilder der Alptraum-Nacht

Aber auch die Salafisten-Szene wächst seit Jahren. Ende 2016 warnte NRW-Verfassungsschutzchef Burkhard Freier, dass die Zahl der „salafistisch beeinflussten“ Moscheen im Bundesland von 30 auf 55 gestiegen seien. 2850 Salafisten zählen die Staatsschützer in NRW, etwa 650 gelten als gewaltbereit. Weltweit in die Schlagzeilen gerieten die radikalen Kreise an Rhein und Ruhr, weil sich hier auch Anis Amri, der Attentäter von Berlin, länger aufhielt. Kontakt hielt er vor allem zu Abu Walaa, einem ehemaligen Kämpfer in Syrien, der als Nummer eins des IS in Deutschland gilt. Im November wurde er festgenommen.

Wenig ist in Dortmund an diesem Tag normal. Aber im Signal Iduna Park bemühen sie sich am Abend um eine Art Normalität. Um 18.45 Uhr wird das Champions-League-Viertelfinale Dortmund gegen Monaco mit einem Tag Verspätung angepfiffen. Der Ball rollt – und auch vom verletzten BVB-Spieler Marc Bartra gibt es gute Nachrichten. Er hat sich eine Speiche am rechten Arm gebrochen und wurde bereits operiert. Im spanischen Fernsehen sagt sein Vater: „Marc geht’s gut, ihm brummt nur der Schädel. Er hat uns gesagt, dass wir ruhig bleiben sollen, weil alles gut ausgehen wird.“

Lesen Sie einen Kommentar von Mike Schier, eine Zusammenfassung der Fakten, die wir wissen - und die wir noch nicht wissen. Hier gelangen Sie zur Themenseite „Anschlag auf den BVB_Bus“

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