Im Dauerseinsatz: Polizei und WEGA in Wien.
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Im Dauerseinsatz: Polizei und WEGA in Wien.

Nach Anschlag in Wien

Terror-Experte: „Die IS-Anhänger waren nie weg“

  • Kathrin Braun
    vonKathrin Braun
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Der Schock über die Anschläge in Frankreich saß noch tief, als die Schüsse in Wien fielen. Vier Passanten wurden getötet. Ein Tag der Trauer. An dem sich auch die Frage stellt: Wie sicher ist Europa? Terrorismus-Experte Peter Neumann vom King’s College in London erklärt, warum der Westen gerade jetzt wachsam gegenüber islamistischem Terror sein muss. 

Dresden, Paris, Nizza, jetzt Wien. Woher kommt diese Terror-Welle?
Um den IS ist es ruhig geworden seit der Zerschlagung des Kalifats vor etwa zwei Jahren. Anhänger steckten in einer Sinnkrise, fragten sich: Wofür kämpfen wir überhaupt? Diese Anhänger waren zwar demotiviert – aber immer noch da. Jetzt konnten sie ihre Stimmung neu aufladen, vor allem durch die Spannungen in Frankreich und den Streit um die Mohammed-Karikaturen. Für Islamisten ist das ein Thema, für das man wieder kämpfen kann.
Warum in Wien?
Ich denke nicht, dass sich der Anschlag speziell gegen Österreich gerichtet hat. Beim IS hieß es immer: Wo auch immer ihr seid, im Westen ist alles ein Ziel. Grundsätzlich ist Wien schon immer ein potenzielles Anschlagsziel gewesen: Eine große europäische Metropole, in der viele internationale Institutionen sitzen. Und vor allem existiert hier eine aktive Dschihadisten-Szene.
War der Anschlag von langer Hand geplant?
Davon ist man am Montag ausgegangen. Es wurde zuerst mitgeteilt, dass es sich um sechs Tatorte und um ein halbes Dutzend Angreifer handeln könnte. Jetzt hat die Polizei ihre Einschätzung revidiert: Wir sprechen nur noch von einem Attentäter und möglicherweise ist auch nicht an all diesen Orten etwas passiert. Das war kein Anschlag, der monatelange Vorbereitung braucht.
Hat Europa nicht genug getan im Kampf gegen den Terrorismus?
Das trifft auf einige Themen zu. Da geht es vor allem um die Tatsache, dass der Angreifer in Wien bereits eine Gefängnisstrafe wegen Terrorismus abgesessen hat und frühzeitig wieder freigelassen wurde. Gleicher Fall bei den Anschlägen in Dresden und auf der London Bridge vor einem Jahr. Ein vorhersehbares Phänomen in Europa: In den letzten zehn Jahren sind hunderte Menschen zu relativ kurzen Strafen wegen Terrorismus verurteilt worden. Viele kommen in den nächsten Jahren frei. Ich bin sicher, dass sich einige im Gefängnis nicht deradikalisiert haben. Und darauf sind die meisten Länder nicht vorbereitet.
Was muss getan werden?
Die Situation ist angespannt. Das muss durchbrochen werden. Politiker müssen verantwortungsvoll kommunizieren – nicht polarisieren, wie es Erdogan in Bezug auf die Anschläge in Frankreich getan hat. Behörden müssen sich Gefährdungslisten intensiv anschauen; dafür sorgen, dass keiner durch die Lappen geht. Und langfristig muss man sich fragen: Wie kann es sein, dass Gruppen existieren – nicht mal terroristische –, die extrem gegen unsere Gesellschaft sind? Und nach dem Attentat in Nizza in Neukölln „Allahu akbar“ rufen?
Der Angreifer ist in Wien geboren und aufgewachsen. Warum radikalisieren sich Europäer beim IS?
Einwanderer aus der zweiten Generation, die im Westen aufgewachsen sind, durchlaufen oft eine Identitätskrise: Sie fühlen sich nicht wirklich als – in diesem Fall –Österreicher und gleichzeitig akzeptieren sie die Kultur ihrer Eltern nicht. Dann kommen Rekrutierer und sagen: Österreich will dich nicht, der Islam schon. Du kannst nicht beides sein, wenn du Muslim bist, dann musst du gegen Österreich kämpfen, weil Österreich auch gegen den Islam kämpft. Eine Schwarz-Weiß-Sicht, die besonders bei Leuten funktioniert, die nicht wissen, wo sie hingehören.

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