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Mindestens zwölf Menschenleben forderte die Lkw-Attacke auf den Weihnachtsmarkt in der Näher der Berliner Gedächtniskirche.

Interview mit Terrorismus-Experten

Nach Berlin: Was wir selbst gegen die Terror-Angst tun können

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München - Florian Peil ist Terrorismus-Experte und Buchautor. Im Interview verrät er, wie man sich gegen die Hilflosigkeit angesichts solcher Anschläge wie in Berlin wehren kann.

Die meisten Menschen fühlen sich dem Terror hilflos ausgeliefert. Sie halten dagegen. Was können wir denn tun?

Florian Peil.

Florian Peil, Terrorismus-Experte und Autor des Buches „Terrorismus – Wie wir uns schützen können“: In der Praxis wird gerne übersehen, dass uns der Terror auf zwei Ebenen bedroht: auf der physischen und der psychischen. Die physische Ebene heißt, dass man direkt Opfer eines solchen Anschlags werden kann. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist weiterhin extrem gering. Die andere Ebene wird gerne übersehen, hat aber einen viel schwerwiegenderen Effekt. Die psychische Bedrohung wirkt heute vor allem durch Bilder, die direkt nach einem Anschlag in den sozialen Netzwerken kursieren. Terroristen planen das bei der Vorbereitung eines Anschlags von Anfang an mit ein – und diese Bilder treffen jeden von uns, egal ob man selbst dabei war oder nicht. Wer will, bekommt live und auf Facebook oder Twitter alles ungefiltert zu sehen – das geht nur an wenigen Menschen spurlos vorüber. Und dann haben Terroristen schon ihr wichtigstes Ziel erreicht. Sie wollen das Denken besetzen, Angst und Schrecken verbreiten.

Sie bringen einen also dazu, sich zu fragen, ob man jetzt überhaupt noch auf einen Weihnachtsmarkt gehen kann?

Peil: Genau. Und auch wenn jetzt ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt vorgekommen ist, kann die individuelle Antwort auf die Frage, nur „Ja“ lauten. Denn sobald wir anfangen unseren Lebensstil, unsere Werte und unsere Freiheit aufzugeben, haben Terroristen erreicht, was sie wollen. Sie wollen unsere Gesellschaft und unsere Werte angreifen und uns dazu bringen, diese Werte aufzugeben. Wenn man Freiheit nicht mehr lebt, dann hat man sie aufgegeben.

Trotzdem bleibt für viele Menschen das Unbehagen groß

Peil: Man muss sich klar machen, dass die eigene Wahrnehmung durch die vielen Bilder und die intensive Berichterstattung verzerrt ist. Das Gefühl der Bedrohung ist viel größer als die eigentliche Bedrohung. Deshalb ist es so wichtig, sich der Hysterie zu verweigern und sich bewusst Social Media entziehen.

Berlin trauert um die Opfer des Anschlags - Die Bilder

Das war auch eine der Lehren aus dem Amoklauf im Juli in München?

Peil: Ja, auch da versetzten Gerüchte, die sich über Twitter blitzschnell verbreiteten, eine ganze Stadt in Panik. Die Devise lautet: Ruhig bleiben, nach Hause gehen und keine Hysterie verbreiten. Je besonnener man reagiert, desto mehr nimmt man den Terroristen den Wind aus den Segeln.

Eine weitere Lehre aus den vergangenen Anschlägen ist, dass es quasi überall passieren kann – in der Hauptstadt genauso wie in der tiefsten Provinz in Ansbach. Auch daraus folgt ein Gefühl der Hilflosigkeit…

Peil: Gleichzeitig bringt es deshalb aber auch nichts, bestimmte Orte zu meiden. Sie werden vorher nicht erfahren, wann und wo Terroristen einen Anschlag geplant haben. Gegen dieses Gefühl der Hilflosigkeit ist es wichtig zu verstehen, dass Terroristen ihre Anschläge ja auch planen und vorbereiten müssen. Diese Planung erfordert, dass sie – etwa um Örtlichkeiten auszuspähen – in die Öffentlichkeit gehen müssen. Der Anschlag von Berlin wird nur ein begrenztes Maß an Vorplanung benötigt haben, trotzdem musste der Täter den Breitscheidplatz ausspähen. Wo stehen die Buden, wie kann man dort heranfahren, wie stark kann man beschleunigen – für diese Fragen muss der Attentäter ein Gefühl bekommen. Ich sage immer etwas salopp: Terroristen sind auch nur Menschen. Das heißt, dass sie auch Fehler machen. Es gibt Möglichkeiten, die Vorbereitungen zu erkennen.

Alle Infos zur Situation in Berlin finden sie in unserem News-Blog!

Und wenn man doch in eine Terror-Situation gerät?

Peil: Besonders wichtig ist die eigene Wachsamkeit. Wer seine Umgebung aufmerksam wahrnimmt und nicht die ganze Zeit auf sein Smartphone starrt, ist in der Lage, eine mögliche Bedrohung früher zu identifizieren. Wer also sieht, dass da ein Lkw mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zurast, hat im Zweifel ein paar Sekunden Handlungsspielraum gewonnen.

Bei einer versteckten Bombe hilft das aber auch nicht wirklich?

Peil: Nein. Interessanterweise hat man aber oft ein Bauchgefühl, das sich aus der unbewussten Wahrnehmung speist. Denn die Zahl der Informationen, die wir unbewusst wahrnehmen, ist um ein zigfaches höher als die, die wir bewusst wahrnehmen können. Wir wissen also mehr, als uns klar ist. Wenn uns das Unterbewusstsein sagt, dass es etwas komisch ist, dann müssen wir das nicht begründen können, sondern sollten auf unser Gefühl hören.

Was können Bürger in ihrer eigenen Umgebung gegen den Terror tun?

Peil: Die eigentliche Arbeit müssen Sie den Behörden überlassen, Sie können diese aber durch Wachsamkeit unterstützen. Auch hier gilt es, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Gibt es im Sportverein jemanden, bei dem man das Gefühl hat, dass er sich radikalisiert? Oder, ganz salopp: Wenn der Nachbar säckeweise Düngemittel in seine Stadtwohnung ohne Garten schleppt, dann könnte das ein Hinweis darauf sein, dass er dabei ist, eine Bombe zu basteln.

Lkw-Attacke auf einen Berliner Weihnachtsmarkt - Chronologie der Ereignisse

Wie bewerten Sie die aktuelle Bedrohungslage – auch mit Blick auf die Situation im Nahen Osten?

Peil: Neben dem Anschlag in Berlin kam es ja noch zu den Schüssen auf den russischen Botschafter in Ankara und dem Anschlag auf das Islamzentrum in Zürich. Auch in Jordanien gab es Vorfälle. Das könnte auf eine koordinierte Offensive hindeuten. Der IS steht in Syrien und dem Irak massiv unter Druck und wir haben eine wachsende Zahl von ausländischen Kämpfern, die zurück in ihre Heimatländer gehen und willens und in der Lage sind, komplexe Anschläge zu verüben. Daher steigt die Bedrohung perspektivisch eher noch. Aber für eine valide Analyse ist es noch zu früh.

Interview: Marc Kniepkamp

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