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Eingefleischte Europäerin: Für Catherine Lodge ist der Brexit ein Drama. Wie viele andere will auch sie die deutsche Staatsbürgerschaft.

Mehr Anträge auf Einbürgerung

Nach dem Brexit: Lieber Bayerin als Britin zweiter Klasse

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Der Brexit ist ein Schock für viele Briten, die in anderen EU-Ländern leben. Wie geht es etwa mit der Aufenthaltserlaubnis weiter? Viele beantragen eine doppelte Staatsbürgerschaft – auch in Oberbayern. Es ist eine Flucht vor dem Brexit.

Wenn Catherine Lodge an ihr Heimatland denkt, ist sie den Tränen nahe – aus Verzweiflung. Seit 33 Jahren lebt die Engländerin in Deutschland. Der Brexit nimmt die 69-Jährige mit. Kopfschüttelnd sitzt sie im „Mehlfeld’s“, ihrem Lieblingscafé in München. „Es ist eine Katastrophe.“

Lodge lehnt den Austritt Großbritanniens aus der EU komplett ab. Daher hat sie eine Entscheidung getroffen: Die doppelte Staatsbürgerschaft soll her – sie will Deutsche werden und EU-Bürgerin bleiben. Mit diesem Wunsch steht sie nicht alleine da: Die Brexit-Flucht nimmt in Bayern und Deutschland bemerkenswerte Züge an. Alleine in den ersten zwei Monaten 2017 verzeichnete etwa die Stadt München 71 neue Passanträge von Briten. Im gleichen Zeitraum 2016 waren lediglich zwölf eingegangen. Auch im Landkreis München ist der Anstieg spürbar. Hatten im ganzen Jahr 2015 noch 13 Briten einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, so sind seit dem Referendum im Königreich Ende Juni 2016 78 hinzugekommen; 21 wurden bereits erfolgreich abgeschlossen. „Es herrscht weiterhin eine rege Nachfrage nach Beratungsterminen. Eine weitere starke Steigerung der Antragszahlen ist zu erwarten“, sagt Christina Walzner, Landratsamts-Sprecherin.

Der Deutschtest ist ein echtes Problem

Bereits vor einem Jahr, als sich das Referendum für den Brexit abzeichnete, machte sich Catherine Lodge erstmals auf den Weg zum Kreisverwaltungsreferat, um sich zu informieren. Anschließend ließ sie ihre Bemühungen schleifen: „Es ist ein enormer Aufwand.“ Dokumente wie ihre Geburtsurkunde muss sie übersetzen und beglaubigen lassen. Dazu kommt ein Deutsch-Test. Sie ist zwar Übersetzerin und spricht nahezu perfekt Deutsch. Dennoch benötigt sie das Zertifikat. „Aber die Schulen in München, die ihn anbieten, sind ausgebucht, weil zurzeit so viele Menschen den Test machen wollen.“ Eine Freundin sei dafür extra nach Nürnberg gefahren.

Jetzt wird es Catherine Lodge aber doch etwas zu unsicher. Die Zeit drängt. „Am liebsten vorgestern“ will sie alle Dokumente eingereicht haben, um künftig so wenig wie möglich – am liebsten gar nicht mehr – vom Vereinten Königreich abhängig zu sein. Leicht fiel ihr dieser Schritt lange nicht. „Ich bin durch und durch Britin. Meine Familiengeschichte in England reicht fünf Jahrhunderte zurück.“ Bevor der Brexit auf den Tisch kam, lehnte sie die doppelte Staatsbürgerschaft ab. „Aber jetzt liebe ich Großbritannien nicht mehr.“ Immer wieder starrt Catherine Lodge ins Leere, rührt geistesabwesend in ihrem Latte macchiato. „Mir wurde meine Identität geklaut. Ich fühle mich als Europäerin und will eine bleiben.“

Ein Neufahrner Brite ist jetzt Deutscher

In Bayern angekommen: Allan Parker ist gebürtiger Brite. Inzwischen hat er auch den deutschen Pass.

Allan Parker (68) ist seiner Landsfrau bereits einen Schritt voraus. Der geborene Engländer aus Neufahrn (Kreis Freising) im Norden Münchens ist seit dem 22. März offiziell deutscher Staatsbürger. Auch er lebt seit 1984 in Deutschland – der Brexit bewog ihn jetzt zu diesem Schritt. „Bei den Engländern, die in der EU leben und dort bleiben wollen, herrscht eine große Unsicherheit.“ Für ihn war klar, dass er diesen Weg gehen muss, wenngleich auch er mit dem anspruchsvollen Verfahren zu kämpfen hatte.

Catherine Lodge ist nun bereit, diesen Schritt zu machen. Ganz abschließen kann sie mit ihrem Heimatland jedoch nicht. Sie will weiterhin zwei bis drei Mal im Jahr hinfliegen. Zu viele Verbindungen gibt es noch nach England. Dort leben ihre Schwester und ihre Tochter, die in Deutschland geboren wurde. Ursprünglich flog diese nur zur Aufbesserung ihrer Sprachkenntnisse nach England – die Liebe hat sie dort gehalten. Heute lebt die 30-Jährige mit ihrem englischen Lebensgefährten und einem Sohn auf der Insel. Die britische Staatsbürgerschaft hat sie nicht. Zurückkehren nach Deutschland kommt allerdings auch nicht infrage. „Sie hat sich dort etwas aufgebaut“, erklärt ihre Mutter.

Sie macht sich Sorgen um ihre Tochter. Niemand wisse, was mit ausländischen EU-Bürgern, die in Großbritannien leben, nach dem Brexit passiere. Auch bei jenen herrsche Unsicherheit. „Die Leute wissen nicht, ob sie bleiben dürfen“, sagt Catherine Lodge. Sie hätten Angst, als „geduldete Briten zweiter Klasse“ zu gelten. Das Bild des vornehmen, höflichen Engländers verschwimmt für sie. Sie erkennt ihr Land nicht mehr wieder. „Die Prinzessin ist jetzt eine Hexe“, sagt sie und meint damit das einst so glamouröse Erscheinungsbild des Königreichs.

Die Schuld dafür gibt sie den Politikern. Die Bürger seien vor dem Referendum zum Brexit angelogen worden. „Es hieß zum Beispiel, das Referendum habe nur beratende Funktion.“ Der Fremdenhass sei zudem geschürt worden. „Die Wahl wurde nicht durch Vernunft, sondern durch Emotion entschieden.“ Catherine Lodge ist sichtlich verzweifelt. „Ich muss an die Probleme, die mit dem Brexit kommen, denken, wenn ich abends ins Bett gehe und wenn ich morgens aufstehe“, sagt sie. „Wie schön war die Welt vor dem Referendum...“

Lodge war schon viel in der Welt unterwegs, lebte zwischenzeitlich sogar in Hongkong. Doch am besten gefiel es ihr in Bayern – und so kam sie zurück. In Deutschland fühlt sie sich wohl; und insbesondere in München. „Es ist eine wunderbare Stadt.“ Nach etlichen Jahren im nahen Gräfelfing hat sie inzwischen eine Eigentumswohnung im Stadtteil Hadern. Sie ist froh, das schreckliche Thema Brexit für einen Moment hinter sich lassen zu können. Die angespannten Gesichtszüge lockern sich, als sie deutsche Vorzüge aufzählt: „das Brot, die Fahrradwege, der öffentliche Personennahverkehr“. Die Volkshochschule bezeichnet Lodge als „Schatzkiste“. Außerdem schätzt die Rentnerin die deutsche – oder vor allem bayerische – Geradlinigkeit. „Da weiß man, woran man ist.“

Ob der Brexit in den kommenden Monaten vielleicht doch noch mal kippt? Lodge nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. „Ich will meine Wünsche nicht mit der Realität mischen.“ Es könne noch viel passieren. „Wir versuchen jetzt, die Brexit-Befürworter davon zu überzeugen, dass sie belogen wurden.“ Auffällig oft spricht sie von „wir“. Denn Catherine Lodge engagiert sich. Zumeist nur als „Schreibtischtäterin“, wie sie sagt. Mehr sei häufig nicht möglich. Doch sie besucht auch jede Woche die Veranstaltung „Pulse of Europe“ – für eine geeinte EU gegen Nationalismus. Und sie ist Haderner Sprecherin der Grünen.

Fühlt sie sich denn nun als Britin oder als Deutsche? Catherine Lodge antwortet wie aus der Pistole geschossen. Ihre Stimme klingt kräftig und gar nicht mehr verzweifelt: „Als Europäerin.“

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