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Ist die Euro-Krise Geschichte? Viele der einstigen Sorgenkinder des Bündnisses haben sich erfolgreich aus dem Schlamassel gehievt.

Mitsotakis versprüht Aufbruchstimmung

Nach Griechenland-Wahl: So steht es um die anderen EU-Sorgenkinder

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  • Stefan Reich
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Europa wartet gespannt darauf, was die neue griechische Regierung unternimmt, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen und die Verschuldung einzudämmen. Andere einstige Krisenstaaten stehen wieder ordentlich da. Ein Überblick.

München - Bei allen wirtschaftlichen Problemen, mit denen auch der neue griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis zu kämpfen haben wird: Er kann in der Schuldenkrise auf die für die Griechen schmerzliche Vorarbeit der gestürzten linken Regierung aufbauen. Die Syriza-Partei um Alexis Tsipras, die Reformen einst heftig bekämpft hatte, musste letztlich ein Sparprogramm nach dem anderen umsetzen, um das Land vor der Pleite zu bewahren. Andere einstige Sorgenkinder wie Irland, Portugal und Spanien sind auch dank weitgehender Reformen und Investitionen heute wieder stabil oder zumindest auf dem Weg der Besserung.

Erfreuliche Entwicklungen in Portugal und Spanien

Portugal, das ab 2011 Hilfen in Höhe von 76,9 Milliarden Euro in Anspruch genommen hatte, konnte den Euro-Rettungsschirm 2014 wieder verlassen. Die Arbeitslosenquote ging von 12,4 Prozent im Jahr 2015 auf mittlerweile unter acht Prozent zurück. Das Haushaltsdefizit betrug im vergangenen Jahr nur 0,4 Prozent. Das Wirtschaftswachstum lag 2018 bei 2,1 Prozent. Zu verdanken sind diese Zahlen vor allem einem inzwischen investitionsfreundlicheren Klima, sagt Alexander Kritikos, Ökonom und Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Fast noch besser habe man die Zeit der Krise in Spanien genutzt, wo zunächst eine Immobilienblase geplatzt war und neben den Banken vor allem die damals so wichtige Baubranche Probleme bekam. Man habe den Boden für einen Strukturwandel bereitet, sagt Kritikos. Der Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen, etwa die IT-Branche, wachse. Madrid hatte ab 2012 insgesamt 41,4 Milliarden Euro aus dem Euro-Rettungsfonds erhalten. Seit 2014 zahlte Spanien 5,9 Milliarden Euro zurück.

Langsam kommen die Reformen auch bei den Menschen an - ein Problem bleibt aber die Jugendarbeitslosigkeit. Sie liegt immer noch über 30 Prozent. Doch die Jahre, in denen junge Leute mangels Perspektive massenhaft das Land verließen, sind vorbei, sagt Kritikos. „Barcelona ist eine Start-Up-Stadt ähnlich wie Berlin.“

Irland trifft richtige Maßnahmen und erholt sich rasch

Irlandwar 2010 nach Griechenland das zweite Euro-Mitglied, das nach dem Platzen einer Immobilienblase Finanzhilfen beantragte. Neben 62,7 Milliarden Euro aus dem Rettungsschirm flossen hier auch Kredite vom Internationalen Währungsfonds sowie direkte Kredite von Großbritannien, Dänemark und Schweden - insgesamt 85 Milliarden Euro. Die Regierung kürzte Beamtengehälter und Sozialleistungen. Mehrwert-, Erbschaft- und Kapitalertragsteuer stiegen, dafür wurden Unternehmenssteuern radikal gesenkt, um große Unternehmen anzuziehen. Die Wirtschaft erholte sich rasch und ist nun nicht mehr nur von wenigen Großkonzernen abhängig, sagt DIW-Experte Kritikos. Aktuell fürchtet Dublin aber, im Sog des Brexit in eine Krise zu geraten.

InZypern, das ab 2013 Kredite in Höhe von 7,3 Milliarden Euro erhielt, mussten viele Kunden der kriselnden Banken auf Teile ihrer Guthaben verzichten. Im März 2016 lief das Hilfsprogramm aus, das der Insel relativ gut aus der Krise half. Ein Problem bleibt aber die Überschuldung der Unternehmen und privaten Haushalte.

Italien aktuell das größte Sorgenkind in EU-Zone

Ohne Hilfen aus dem Rettungsschirm war Italien durch die Finanzkrise gesteuert. Derzeit aber ist die viertgrößte Volkswirtschaft Europas das größte Sorgenkind der Eurozone. Die Staatsverschuldung ist mit 2,3 Billionen Euro eine der höchsten weltweit. Erst nachdem die Regierung versprochen hatte, die Neuverschuldung auf 2,04 Prozent des BIP zu begrenzen, verzichtete die EU-Kommission Anfang Juli auf das angedrohte Schulden-Strafverfahren.

„Das große Problem ist, dass in Italien der Strukturwandel bisher nicht vollzogen wurde“, sagt Kritikos. Ob die Neuverschuldung ein Prozent höher oder niedriger ausfalle, sei weniger entscheidend als die Verwendung der Staatsausgaben. Wenn man die Kredite für Investitionen nutzen würde, würde das Italien helfen. Dass das Land die ganze Eurozone ins Wanken bringen könnte, glaubt Kritikos nicht, selbst wenn sich seine Lage verschlechtert.

Wie es im EU-Postenpoker nach der Wahl weitergeht, erfahren Sie in unserem News-Ticker. Auch der Umgang mit über das Meer Kurs auf Europa nehmenden Flüchtlingen beschäftigt die EU-Staaten wieder vermehrt. Merkur*-Chefredakteur Georg Anastasiadis beurteilt die Situation in Griechenland nach der jüngsten Wahl in seinem Kommentar für merkur.de* kritisch.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes 

Klaus Rimpel und Stefan Reich

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