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Pinchas Goldschmidt ist ein aus der Schweiz stammender Rabbiner.

Entsetzt über Polizeiarbeit

Oberrabbiner Goldschmidt: „Unfassbar, dass Behörden nicht genug für Sicherheit gesorgt haben“

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Der Oberrabbiner Pinchas  Goldschmidt wünscht sich mehr Polizeipräsenz und Zivilcourage – Vom Kippa-Tragen rät er im Interview nicht ab.

München - Pinchas Goldschmidt, ein gebürtiger Schweizer, ist Präsident der Konferenz der europäischen Rabbiner. Wir erreichten ihn am Telefon in Moskau, wo er als Rabbiner fungiert.

Wie bewerten Sie den Anschlag?

Pinchas Goldschmidt: Dieser schändliche Terrorakt zeigt eine neue Qualität des Rechtsextremismus. In den vergangenen zehn, 15 Jahren wurden Anschläge gegen Juden oder Synagogen vor allem durch Islamisten ausgeführt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind wir jetzt in Deutschland mit einem Anschlag durch einen Rechtsextremisten konfrontiert. Gott sei Dank war es für den Täter unmöglich, in die Synagoge einzudringen, weil die Tür verschlossen war.

Die Polizei hingegen soll die Synagoge nicht geschützt haben.

Goldschmidt:Das hat auch Josef Schuster vom Zentralrat der Juden in Deutschland angesprochen: Dass die Behörden in Halle nicht genug für Sicherheit vor unserem höchsten Feiertag Jom Kippur gesorgt haben, ist unfassbar. Die Behörden sind mancherorts nachlässig. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass der Mann, der erst vergangenen Freitag vor der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße mit einem Messer auftauchte, wieder frei gelassen wurde.

Ist es denn wünschenswert, dass alle jüdischen Einrichtungen rund um die Uhr bewacht werden?

Goldschmidt: Was ist die Alternative? Das ist das geringere Übel. Das wünscht sich niemand. Aber auf der anderen Seite will auch jeder am Morgen sicher aufwachen ohne eine Kugel im Kopf.

Pinchas Goldschmidt: „Behörden müssen viel stärker gegen Antisemitismus und Rassismus auftreten“

Der bayerische Innenminister Herrmann bezeichnet die AfD als „geistige Brandstifter“, die solche Taten begünstigen. Hat er Recht?

Goldschmidt: Jede Partei, die innerhalb ihrer Reihen Antisemitismus und Rassismus duldet, trägt eine Mitverantwortung.

Bisher galt Deutschland für Juden – anders als Frankreich – als relativ sicheres Land für Juden. Ändert sich das jetzt?

Goldschmidt: Ja, wir sehen, dass sich das ändert. Die Politik und die Sicherheits- sowie rechtsstaatlichen Behörden müssen noch viel stärker gegen Antisemitismus und Rassismus auftreten und klare Grenzen aufzeigen.

Was kann die Politik denn tun?

Goldschmidt: Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag vor einer Synagoge in Berlin ihre Solidarität zeigte, ist ein wunderbares Zeichen, das würde ich mir übrigens auch von den anderen religiösen Führern in Deutschland wünschen. Wir brauchen zudem mehr Zivilcourage gegen Antisemitismus. Es muss klar sein, dass jeder Bürger sicher auf den Straßen unterwegs sein kann, ohne Angst vor Attacken zu haben. Wir von der Europäischen Rabbinerkonferenz werden in den nächsten Wochen Mitglieder der Bundesregierung treffen, um über weitere Maßnahmen zur Sicherung der jüdischen Gemeinden zu sprechen.

Pinchas Goldschmidt rät „trotz allem“ nicht vom Tragen der Kippa ab

In einem Interview mit unserer Zeitung im Juli haben Sie die Juden dazu aufgerufen, auch öffentlich die Kippa zu tragen. Sich zu verstecken, sei keine Lösung. Bleiben Sie auch nach Halle bei dieser Aussage?

Goldschmidt: Ja. Ich möchte, dass man in Deutschland mit einem sichtbaren religiösen Symbol tags, aber auch nachts spazieren gehen kann.

Das ist Ihr Wunsch. Aber ist es im Moment ratsam?

Goldschmidt: Das hängt von der Lage vor Ort ab. In verschiedenen Vorstädten von Paris oder Brüssel ist es nicht ratsam, in Deutschland würde ich nicht abraten – trotz allem.

Video: Steinmeier: „Wir müssen jüdisches Leben schützen“

In einem Interview, das kürzlich auf merkur.de* erschienen ist, hat Goldschmidt unterstrichen, dass Juden nicht auf das Tragen der Kippa verzichten sollen. Im News-Ticker auf merkur.de* informieren wir Sie, wie die Bevölkerung in Halle auf die schlimmen Ereignisse reagiert.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Interview: Dirk Walter

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