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Russlands Außenminister Sergej Lawrow (rechts) gedenkt zusammen mit dem türkischen Außenminister Mevlut Cavusoglu dem getöteten russischen Botschafter Andrej Karlow. 

Nähe zu Gülen-Bewegung?

Nach Mord an Botschafter: Familie des Attentäters festgenommen

Moskau - Nach der Ermordung des russischen Botschafters Andrej Karlow in Ankara sind mehrere Familienmitglieder des Attentäters festgenommen worden. Zudem hat das Außenministerium in Moskau vor Türkei-Reisen gewarnt. 

„Jeder sollte vor einer Türkei-Fahrt ernsthaft nachdenken, weil es dort fast täglich zu Terrorakten kommt“, sagte Vizeaußenminister Oleg Syromolotow am Dienstag der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Reisende sollten das Risiko genau abwägen.

Ähnlich äußerte sich der Chef des außenpolitischen Ausschusses im russischen Föderationsrat, Konstantin Kossatschjow. „Bis zur Klärung der Situation ist es besser, nicht in dieses Land zu fahren“, meinte der Abgeordnete. Es gebe „eine Reihe kritischer Fragen“ an Ankara.

Türkei benennt Straße in Ankara nach ermordetem Botschafter Russlands

Außerdem will die türkische Regierung dem Diplomaten zu Ehren eine Straße in der Hauptstadt nach ihm benennen. „Wir werden seinen Namen in Ankara und in unseren Herzen weiterleben lassen“, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstag in Moskau.

Die Straße, in der die russische Botschaft liegt, werde künftig Andrej Karlows Namen tragen. Cavusoglu kündigte zugleich eine lückenlose Aufklärung des Attentats gemeinsam mit russischen Ermittlern an.

„Wir müssen herausfinden, was oder wer hinter diesem verräterischen, niederträchtigen Anschlag steckt. Und das werden wir gemeinsam schaffen“, sagte Cavusoglu.

Er betonte, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan habe den Vorschlag des Kremlchefs Wladimir Putin zur Bildung einer gemeinsamen Ermittlergruppe „ohne zu zögern angenommen“. Cavusoglu fügte hinzu: „Mit Sicherheit wird Rechenschaft für den Terroranschlag auf Andrej Karlow verlangt werden.“

Karlow war am Montagabend von einem türkischen Polizisten erschossen worden. Der 22-jährige Attentäter wurde anschließend von Spezialkräften getötet. Cavusoglu hält sich zu Gesprächen über Syrien mit seinen Amtskollegen aus Russland und dem Iran in Moskau auf. Es ist das erste Treffen in diesem Format. Russland und der Iran sind Verbündete des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, während die Türkei gegen Assad ist und syrische Rebellen unterstützt.

Kreml entsendet Ermittler nach Ankara - Syrien-Gespräche in Moskau

Nach dem Attentat hat der Kreml ein 18-köpfiges Ermittlerteam nach Ankara entsandt. Der Gruppe gehören Experten des Geheimdienstes, der Polizei und des Außenministeriums an, wie Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag der Agentur Interfax zufolge in Moskau sagte. Die Ermittler sollen mit türkischen Kollegen den Mord an dem russischen Diplomaten in Ankara untersuchen und nach Drahtziehern fahnden. Auf das Team hatten sich die Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan verständigt, wie Peskow sagte. 

Trotz des Anschlags werden die Syrien-Verhandlungen an diesem Dienstag in Moskau wie geplant stattfinden, sagte Außenminister Sergej Lawrow. Die Gespräche mit seinen Kollegen aus der Türkei und dem Iran sollten ein Zeichen gegen den internationalen Terror setzen.

Es ist das erste Treffen in diesem Format. Russland und der Iran sind Verbündete des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, während die Türkei gegen Assad ist und Einfluss auf die syrische Opposition hat.

Irans Präsident Hassan Ruhani hatte bei einem Telefonat mit Putin am Montagabend gesagt, es sei wichtig, dass sich die Menschen in Syrien im Kampf gegen Terroristen nicht im Stich gelassen fühlen.

Familienmitglieder des Attentäters von Ankara festgenommen

Medienberichten zufolge hat die türkische Polizei mehrere Familienmitglieder des getöteten Attentäters festgenommen. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete am Dienstag, darunter seien der Vater, die Mutter, die jüngere Schwester und zwei weitere Verwandte.

Außerdem sei ein Onkel festgenommen worden, der eine leitende Funktion in einer Schule gehabt habe, die von der Polizei im Rahmen der Ermittlungen gegen die Gülen-Bewegung geschlossen worden sei. Dieser Onkel sei bei diesen Ermittlungen bereits festgenommen, dann aber wieder freigelassen worden.

Anadolu berichtete weiter, auch ein Polizist, der sich mit dem Attentäter die Wohnung in Ankara geteilt habe, sei festgenommen worden. Bei dem Attentäter handelte es sich nach Angaben des Innenministeriums um einen 22-jährigen Polizisten namens Mevlüt Mert Altintas, der aus Söke in der westtürkischen Provinz Aydin stammte und seine Dienststelle in Ankara hatte.

Regierungsnahe türkische Medien berichten, Altintas werde verdächtigt, der Gülen-Bewegung angehört zu haben. Die Regierung wirft der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen vor, für den Putschversuch in der Türkei von Mitte Juli verantwortlich zu sein. Im Zusammenhang mit dem Umsturzversuch wurden seitdem nach Regierungsangaben mehr als 40 000 Verdächtige in Untersuchungshaft genommen.

Nach Botschafter-Mord: Leiche wird nach Russland gebracht

Am Dienstag ist die Leiche des Botschafters zurück in die Heimat gebracht worden. An einer Zeremonie nahmen am Flughafen in Ankara Vertreter der türkischen Regierung, Diplomaten und religiöse Würdenträger teil. Die Witwe Karlows nahm unter Tränen Abschied von ihrem ermordeten Ehemann, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Beim Weg zum Sarg, auf dem eine russische Flagge lag, wurde sie von ihrem Sohn begleitet. Der Sarg wurde anschließend in ein russisches Flugzeug verladen.

dpa

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