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Kann aus der Asche neue Einheit erwachsen? Die Pariser Kathedrale Notre-Dame ist eines der kraftvollsten Symbole Frankreichs. Ihr Brand ist ein tiefer Einschnitt. Foto: dpa

Paris unter Druck

Nach Notre-Dame: Macrons neue Mission

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steht innenpolitisch unter großem Druck. Am Montagabend wollte er den Befreiungsschlag wagen und seinen Kritikern ein Friedensangebot machen. Dann brannte Notre-Dame.

München – Er wusste, dass es ein schwerer Abend werden würde. Emmanuel Macron hatte sich die beste Sendezeit reserviert, 20 Uhr. Möglichst viele Franzosen sollten ihn sehen, ihren Präsidenten, den Hoffnungsträger a.D. Vermutlich hätte er sich geläutert gezeigt, so viel wie nötig eben, um nicht wieder elitär geschimpft zu werden. Dann hätte er die Maßnahmen vorgestellt, die die Wunden der letzten Monate heilen sollen. Seinen Plan gegen den Gelbwesten-Frust.

Tatsächlich tritt Macron am Montag vor die Kameras, aber anders als geplant. Den minutiös vorbereiteten TV-Auftritt sagt er ab, stattdessen sehen die Franzosen ihren Präsidenten am späten Abend vor der Pariser Kathedrale Notre-Dame stehen. Er wolle besonders den Feuerwehrleuten danken, sagt Macron mit großem Ernst und großer Geste. „Wir werden die Kathedrale wieder aufbauen, weil sie unser Schicksal ist, weil sie unsere Geschichte ist.“

Trauer kann zusammenschweißen, Paris hat das zuletzt oft erlebt. Und sie kann selbst tiefe Verwerfungen für kurze Zeit vergessen machen.

Seit Beginn der „Gelbwesten“-Proteste steckt Frankreich innenpolitisch in der Krise, und das Gesicht dieser Krise heißt Macron. Die Demonstranten wollen ihn am liebsten aus dem Élysée-Palast jagen. Ihr Schlachtruf ist „Macron démission“, die französische Variante von „Merkel muss weg“. Aber jetzt weinen alle um das, was der Präsident am Montag die „Kathedrale aller Franzosen“ nennt. Das Land stehen zusammen. Darin liegt eine Chance für den angeschlagenen Macron, der brillieren kann, wenn es ums Ganze geht.

Er hat vieles getan, um die Wut im Land zu mildern. Im Dezember versprach er mehr Geld – zehn Milliarden Euro. Aber das reichte nicht, die Nation wollte reden, also ging sie in die Gruppentherapie. In Bürgerdebatten konnten die Franzosen sich ihren Frust von der Seele reden. Macron selbst stellte sich, live und im Fernsehen. Im Internet wurden Reformideen gesammelt, in Rathäusern lagen Beschwerdebücher aus, am Ende waren 16 000 Stück vollgeschrieben. Die Regierung wertete die Ergebnisse aus und verdichtete sie zu einem Maßnahmenpaket, quasi einem Friedensangebot. Doch die Verkündung muss warten. Es sei „notwendig, eine Zeit der Andacht zu respektieren“, hieß es aus dem Élysée.

Trotzdem sickerte gestern durch, welche Therapie Macron seinem Land verordnen will. Es soll Steuersenkungen und Entlastungen für Rentner geben, jedenfalls für die, die nicht mehr als 2000 Euro im Monat zur Verfügung haben. Außerdem will Macron offenbar Volksbefragungen ermöglichen, wenn auch vorwiegend zu lokalen Themen. Schließlich schlägt er vor, die Pariser Elitehochschule École Nationale d’Administration (ENA) abzuschaffen. Er hatte hier selbst studiert.

Ob das genug ist, um der Wut zu begegnen? Macrons Beliebtheitswerte stiegen zuletzt wieder, aber der Druck auf ihn war gewaltig. Kommentatoren schrieben, er habe mit seiner nationalen Debatte riesige Erwartungen geweckt. Wenn er nicht liefere, gehe er das Risiko ein, die Revolte wieder anzufachen. Die frühere „Gelbwesten“-Aktivistin Ingrid Levavasseur wetterte, Macron spiele die Rolle eines „Zauberkünstlers“, der die Franzosen mit Illusionen ruhigstellen wolle.

Aber die konkreten Fragen sind seit Montag in den Hintergrund gerückt. Und Macron ist wieder in einer vertrauten Rolle. Es ist jetzt die Zeit der großen Gesten, die ihm so liegen: Gestern telefonierte er mit dem Papst, der Kanzlerin und anderen Politikern. Macron hat seine Mission angenommen. Sie heißt: Wiederaufbau eines der wichtigsten Symbole des Landes.

Gelänge es ihm, die Franzosen über die akute Trauer hinaus zu einen, wäre viel gewonnen. Macron weiß das und legt vor. Gestern Abend verspricht er seinen Landsleuten, Notre-Dame in fünf Jahren wieder aufzubauen. Noch schöner als zuvor.

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