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Strandträume: Gabriele Pauli wollte auf Sylt Bürgermeisterin werden - das hat nicht geklappt.

Insel wählt anderen Bürgermeister

Nach Sylt-Schlappe: Kommt Pauli zurück nach Bayern?

Westerland/München - Der Ausflug nach Sylt endet schmerzlich. Knapp unterliegt Gabriele Pauli in der Stichwahl um das Bürgermeister-Amt. Die Insel wählt einen anderen Parteilosen und hofft auf ein Ende des Wirbels um die Kommunalwahl.

Sie drückt ihm die Hand, umschließt seine noch mit der Linken, trauriger Blick, doch fast eine mitleidige Geste. Gabriele Pauli gratuliert Nikolaus Häckel zum Wahlsieg. Er wird’s, sie nicht – und man weiß gar nicht so genau, wem von beiden man jetzt besser gratulieren soll.

Mit 45:55 Prozent ist die Bayerin am Sonntagabend unterlegen gegen den Sylter in der Stichwahl um das Bürgermeister-Amt. Sie hatte sich mit Feuereifer in den Wahlkampf gestürzt, das halbe Land sah ihr irgendwie fasziniert zu. Weil man Pauli kennt aus den Nachrichten und den Hochglanzheften von früher. Weil man Sylt kennt, obwohl es nur 13 000 Einwohner hat. Und weil sich da über Monate ein halbes Dutzend Menschen um ein Amt bewarb, das alles andere als attraktiv ist.

Sylt überaltert. Die Geburtshilfestation hat dicht gemacht, eine Schule und ein Kindergarten folgen. Viele Junge ziehen weg. Bezahlbarer Wohnraum fehlt. Auf den Bürgermeister warten ab Mai gewaltige Aufgaben und Ansprüche, dabei hat er viel weniger zu sagen als seine Kollegen in Bayern.

Pauli hatte sich dafür viel überlegt. Die 57-Jährige wollte die Sylter zum Mitgestalten bewegen, die demokratische Kultur beleben. Ein Begrüßungsgeld von 5000 Euro pro Baby brachte sie im Wahlkampf ins Gespräch. Das wird nun alles nichts. „Ich kann das absolut verstehen, die Menschen wollten jemanden, der von der Insel kommt“, sagt sie gefasst am Wahlabend, für den sie eigens ihre Mutter Ursula auf die Nordseeinsel geholt hatte.

Sylter waren wohl scheu gegenüber der Frau mit dem rätselhaften Ruf

Am Ende waren die Sylter vielleicht auch ein bisschen scheu gegenüber der Frau mit dem rätselhaften Ruf. Es eilt Pauli ja so viel Widersprüchliches voraus. Dass sie als Bayerns jüngste Landrätin 18 Jahre lang einen ziemlich guten Job in Fürth gemacht habe; und ein Landrat ist in Bayern ja ein kleiner Gott. Aber auch, dass sie später komplett die Bodenhaftung verloren habe, durch die Landes- und Bundespolitik irrlichterte und sich mit jeder Partei nach wenigen Wochen überwarf. Die Sylter, die ein gespaltenes Verhältnis zum Promi-Wirbel um ihre Insel haben, wollten lieber den langweiligeren Kandidaten, den 40 Jahre alten Bauamtsleiter aus der Nähe von Kiel, der mit seinem Sylter Stammbaum (bis ins 18. Jahrhundert) warb. Er ist ein smarter Typ, nett. Den Blumenstrauß, den der Wahlsieger bekommt, reicht er höflich an Pauli weiter.

Und nun? Es muss Pauli viel Kraft gekostet haben, sich auf der Insel, die sie vorher nie betreten hatte, bekannt zu machen. Geld auch. Im ersten Wahlgang war sie sogar noch die erste unter sechs Kandidaten, stolze gut 30 Prozent, Häckel 27. Am zweiten Wahlabend sieht sie niedergeschlagen aus, auch wenn sie weiß: Sich in die Stichwahl zu kämpfen, knapp die Hälfte der Stimmen zu holen, war ein Achtungserfolg.

Sie will nun wohl trotzdem nicht ganz zurück nach Bayern. Auch, weil sich dort keinerlei Perspektive für eine politische Weiterarbeit abzeichnet. „Ich werde nicht von der Insel verschwinden, sondern auch bleiben“, sagt sie am Abend. „Ich habe viel von der Insel erhalten.“ Kein neues Amt, aber vielleicht immerhin eine neue Heimat.

Von Christian Deutschländer und Martina Scheffer

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