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Bereits vor der Verkündung des Abstimmungsergebnisses beglückwünschen am 1.10.1982 Parteifreunde den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl (Mitte) zum neuen Bundeskanzler.

Er kämpfte bis zuletzt um politisches Vermächtnis

Nachruf auf Helmut Kohl (†87): Auf ewig der Kanzler der Einheit

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Der Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas ist tot. Bis zuletzt kämpfte Helmut Kohl um sein politisches Vermächtnis: eine wirtschaftlich prosperierende, freiheitliche Friedenszone vom Atlantik bis zum Ural. Mit dem Euro hinterlässt er ein schwieriges Erbe.

München – Selbst eingefleischte politische Gegner von einst konnten sich zuletzt eines gewissen Mitleids nicht erwehren, wenn sie Helmut Kohl sahen: Nach einem Schädel-Hirn-Trauma an den Rollstuhl gefesselt, war der einst hünenhafte Kanzler kaum noch des Redens fähig. Seit Monaten ließ die Krankheit Auftritte in der Öffentlichkeit nicht mehr zu, zurückgezogen lebte der 87-Jährige in seinem Haus in Oggersheim. Fast ohnmächtig musste der Pfälzer mitverfolgen, wie sein Lebenswerk, das geeinte Europa, angesichts innerer wie äußerer Krisen in jene Partikularinteressen zu zerfallen drohte, die über Jahrhunderte Quelle der blutigsten Kapitel seiner Geschichte waren. „Aus Sorge um Europa“ warnte der Pfälzer in Buchform seine Zeitgenossen zuletzt eindringlich davor, die alten Fehler zu wiederholen. Nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame der Völker solle betont werden. Nach Brexit und Trump-Wahl scheint seine Mahnung zu mehr Rücksicht immerhin wieder mehr Gehör zu finden.

Nicht, dass Helmut Kohl in seinem rund 50-jährigen aktiven Politikerleben zimperlich in der Verfolgung eigener Interessen gewesen wäre. Weder in den Anfängen, als er als junger Christdemokrat, auf seiner Lambretta von einer CDU-Veranstaltung zur nächsten fahrend, die Honoratioren-CDU des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Altmeier aufmischte und sich schließlich selbst zum Chef einer bundesweit beachteten Reformregierung aufschwang. Noch am Ende, als der Altkanzler sein Ehrenwort über das Gesetz stellte und seine anonymen Geldspender nicht öffentlich machte.

Kohl war Machtmensch durch und durch. Und ein Netzwerker par excellence – von der Kommunalebene bis zur Politik auf der Weltbühne. Das „System Kohl“ sicherte Einfluss und Herrschaft nicht nur qua Amt, sondern vor allem durch ein enges persönliches Beziehungsgeflecht. Ein CDU-Kreisvorsitzender wunderte sich damals an seinem Geburtstag kaum, wenn er plötzlich den großen CDU-Vorsitzenden und Kanzler am Hörer hatte und telefonische Glückwünsche erhielt. Ein Elefantengedächtnis und ein sorgsam eigenhändig geführtes Notizbuch machten solche Kontaktpflege möglich.

Ähnlich verhielt es sich mit internationalen Regierungschefs, die in bedrängter innenpolitischer Lage schon mal einen Anruf aus dem Bonner Kanzleramt bekamen mit der mitfühlenden Eingangsfrage: „Wie geht es Dir?“ Kohl sah in Staats- und Regierungschefs zunächst einmal den Menschen mit seiner Sozialisation und Biografie, mit deren Kenntnis er die Kontrahenten oder Partner in ihrem Denken und Handeln besser verstehen konnte. So gab sich Kohl auch selbst: Seine „Hauskirche“, der Speyrer Dom, wurde ebenso in die Spitzendiplomatie eingeflochten wie der „Pfälzer Saumagen“, eine kulinarische Spezialität seiner Heimat.

(Über die Reaktionen auf den Tod von Helmut Kohl berichten wir im Nachrichten-Ticker.)

Solche Offenheit schaffte Vertrauen, das Kohl in politisch schwierigen Situationen zu nutzen wusste. Es klappte freilich nicht bei allen. Zu Margaret Thatcher, der „Eisernen Lady“ Großbritanniens, blieb das persönliche Verhältnis beispielsweise distanziert – das politische auch.

„Ich will Kanzler werden“, sagte Helmut Kohl Anfang der 70er-Jahre 

Das Alphatier Kohl machte früh klar, wohin ihn sein Weg führen sollte: „Ich will Kanzler werden“, sagte er Anfang der 70er-Jahre. Wie steinig dieser Weg werden würde, ahnte er wohl nicht einmal selbst. Obwohl Kohl sich seinem Ziel nicht via Ochsentour von Staatssekretärs- zu Ministerposten näherte, sondern stets gleich das Zentrum politischer Macht besetzte: erst Fraktionsvorsitz im Mainzer Landtag, dann Ministerpräsident. Nach der Bundestagswahl 1976 Oppositionsführer im Bundestag. Mit dem Wechsel nach Bonn begann für den Erfolgsverwöhnten eine Leidenszeit, wie sie nur ein Politik-Junkie mit unerschütterlichem Sendungsbewusstsein überstehen konnte.

Von einem Tag zum anderen wurde aus Helmut Kohl, dem erfolgreichen CDU-Modernisierer und Reform-Ministerpräsidenten, die „Birne“ aus Oggersheim. Vom linken Spektrum bis hinein ins bürgerliche Lager wurde es geradezu Volkssport, Witze über Kohls Ungelenkheiten zu reißen. Auch Helmut Schmidt, der sozialdemokratische Kanzler aus der Weltstadt Hamburg, ließ keine Gelegenheit aus, den „Herrn Dr. Kohl“ in internationalen Wirtschafts- und Finanzfragen als Provinzler vorzuführen.

Diesen Shitstorm des politischen Gegners ließ Kohl kühl an sich abprallen. Schmerzlicher waren die Giftpfeile aus dem eigenen Lager. Vor allem aus Bayern. CSU-Chef Franz Josef Strauß war wütend über die knappe Niederlage Kohls gegen Schmidt 1976. Der Münchner haderte mit der vermeintlich aussichtslosen strategischen Perspektive der Union ohne Koalitionspartner im Drei-Parteien-System der alten Bundesrepublik. Getrieben vom „Geist von Kreuth“ warf  Strauß dem angeblich unfähigen Kohl den Fehdehandschuh hin und kündigte die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU im Bundestag auf. Zum ersten Mal bewies Helmut Kohl, dass es ein Vorteil sein kann, unterschätzt zu werden – ein Umstand, der ihn noch lange in seiner Karriere begleiten sollte. Entschlossen, sich von Strauß nicht vorführen zu lassen, und gut vorbereitet durch Kontakte in die CSU-Spitze, drohte er dem Bayer mit dem Einmarsch der CDU in den Freistaat und damit dem Ende der absoluten Mehrheit der weiß-blauen Schwarzen. Strauß musste klein beigeben und die Fraktionsgemeinschaft im Bundestag erneuern, um einen Bruderkrieg innerhalb der Unionsparteien zu verhindern.

Helmut Kohl: Sein Leben in Bildern

Es sollte nicht die einzige Niederlage von Strauß im Duell mit Kohl bleiben. Die Entscheidung in der Rivalität zum großen Bayern fiel letztlich im Bundestagswahlkampf 1980. Kohls Kalkül, Strauß habe gegen den in hohem Ansehen stehenden Kanzler Schmidt ohnehin nicht den Hauch einer Siegchance, ging auf: Großmütig konnte er seinem „Männerfreund“ die Kanzlerkandidatur überlassen. Der verlor erwartungsgemäß und machte damit den Weg für den Pfälzer frei. Jetzt musste nur noch Kohls jahrelanges Werben um die FDP Hans-Dietrich Genschers Früchte tragen. Im Oktober 1982 war es soweit.

Und wieder zeigte Kohl langfristiges strategisches Denken. Statt auf Strauß zu hören und nach dem Sturz Schmidts rasch Bundestagswahlen herbeizuführen, verschaffte Kohl den als „Verrätern“ gebrandmarkten Liberalen eine Atempause und sicherte sich mit der erst im März 1983 angesetzten, für CDU/CSU und FDP erfolgreichen Wahl für fast 16 Jahre den Koalitionspartner.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Kohls Anfangserfolge als Kanzler nicht zuletzt darin bestanden, dass er seiner wolkig angekündigten „geistig-moralischen Wende“ eben keine konservative Rolle rückwärts folgen ließ, sondern pragmatisches Regieren: Seine Minister Stoltenberg, Lambsdorff, Blüm und Schwarz-Schilling leiteten in fast allen Bereichen Reformen ein, während sich der Pfälzer im Kanzleramt vor allem der Außenpolitik widmete. Auf diesem Feld setzte er auf Kontinuität: Er hielt an dem von Schmidt initiierten Nato-Doppelbeschlusses fest und blieb vertragstreu gegenüber den Nachbarn im Osten, ausgehend von der festen Verankerung der Bundesrepublik im westlichen Bündnis. Ganz ohne Lehrgeld gingen die Jahre freilich nicht ab. Kohls Gorbatschow/Goebbels-Vergleich oder der umstrittene Besuch auf dem Bitburger Soldatenfriedhof mit US-Präsident Reagan sind nur einige Beispiele. Doch davon ließ sich Kohl nicht beirren.

Immer stärker rückte Kohls Lebensthema in den Fokus: die Integration des Kontinents. „Eurosklerose“ war zu Beginn der achtziger Jahre die Standardklage in Brüssel. Gemeinsam mit dem starken Kommissionspräsidenten Jacques Delors und Frankreichs Präsident Francois Mitterrand verlieh der Kanzler dem Projekt neuen Schwung. Kohls Erfolgs-Dreiklang: Erstens, die kleinen EG-Länder in Entscheidungsprozesse einbinden statt Basta-Politik zu betreiben, wie man sie später von Berlin und Paris erleben musste. Zweitens: Die „französische Trikolore immer drei Mal grüßen“. Und drittens: „Bimbes“-Politik. Bei so mancher Brüsseler Gipfelrunde verhinderte Kohl den Eklat, in dem er zu mitternächtlicher Stunde die Gnade des offenen Geldbeutels über zerstrittene Nachbarn kommen ließ. Das gefiel in Deutschland allerdings nicht allen.

Bevor Kohl zur unbestritten größten Leistung seines Lebens anheben konnte, musste er sich auf dem Bremer Parteitag im September 1989 eines „Putsches“ erwehren. Schon lange gärte es in der CDU, die Großkopferten Lothar Späth, Heiner Geißler, Rita Süssmuth und andere waren zu der Ansicht gelangt, dass mit Kohl kein Staat zu machen und erst recht keine Wahl mehr für die Christdemokraten zu gewinnen sei. Dank seines innerparteilichen Netzwerks war Kohl über jeden Schritt der Frondeure informiert.

(Lesen Sie die Reaktionen auf den Tod von Helmut Kohl.)

Wieder verknüpfte Kohl unterschiedliche politische Ebenen für seinen Erfolg. Am Vorabend des Parteitags verkündete der CDU-Chef die Öffnung des Eisernen Vorhangs an der ungarisch-österreichischen Grenze durch den Budapester Ministerpräsidenten Nemeth. Dem hatte der Pfälzer bei einem Geheim-Treffen in Bad Godesberg zuvor enorme wirtschaftliche Hilfen Deutschlands und seiner Partner zugesagt, wenn Ungarn die Grenze für die tausenden wartenden DDR-Bürger öffnen würde. So geschah es. Kohls Timing war perfekt: Die Begeisterung über die Nachricht überlagerte alles. Der Aufstand in der CDU fiel in sich zusammen, bevor er stattfinden konnte.

Diese Entschlossenheit und das Fingerspitzengefühl hätte ihm wohl keiner zugetraut

Der Kanzler hatte innenpolitisch den Rücken frei für das, was das Schicksal den Deutschen und Europa insgesamt als „Fenster der Gelegenheit“ öffnete. Und der Pfälzer nutzte das Momentum für die deutsche Einheit mit Entschlossenheit, Fingerspitzengefühl und Weitsicht, die ihm so wohl kaum jemand zugetraut hätte.

Kohl schlug nach dem Mauerfall ein politisches Tempo an, mit dem er die hochfliegenden Erwartungen der Ostdeutschen einerseits befriedigte, andererseits aber auch kontrollierte. Gleichzeitig schaffte er es, die Ängste europäischer Partner zu überwinden. Wie hatte etwa Maggy Thatcher gestöhnt? „Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen. Jetzt sind sie wieder da“. Trotz allem schaffte es Kohl, die Partner auf einen kurzen Entwicklungsprozess zur Wiedervereinigung einzuschwören – angesichts der fragilen Präsidentschaft Gorbatschows in Moskau ein entscheidender Faktor. Es waren in der Tat Sternstunden der Diplomatie. Zur Wahrheit gehört aber auch: Der außenpolitische Glanz überstrahlte so manches Defizit bei der Gestaltung des inneren Einigungsprozesses. Gerade wegen der Ängste der Nachbarn erhöhte Kohl nun das Tempo der europäischen Integration. Das Heranführen der osteuropäischen Länder an die Brüsseler Gemeinschaft, seine gesamteuropäische Perspektive bei der Fortentwicklung der Integration, waren die Antwort auf die Sorgen, die Deutschen könnten sich auf sich selbst zurückziehen und wieder einen Sonderweg suchen.

Zu dieser Antwort gehörte auch der Euro. Geplant bereits vor dem Mauerfall, machte vor allem Frankreich die Gemeinschaftswährung in den 90er-Jahren zum Lackmustest für Berliner Europa-Treue. Kohl, getrieben vom Sendungsbewusstsein, den historischen Prozess der europäischen Integration noch während seiner Kanzlerschaft „unumkehrbar“ zu machen und mit dem Euro zu krönen, ließ sich zum Entsetzen seiner wirtschaftspolitischen Berater auf verhängnisvolle Kompromisse ein. Vision siegte über Vernunft. Die Folgen erleben wir bis heute.

Trotz allem: Helmut Kohl hinterlässt ein Erbe historischer Dimension. Die Affären-Kapitel (wie die anonymen Parteispender) werden bald verblassen. Als Kanzler der Einheit ist er unumstritten. Und als Fels Europas werden sich Historiker noch lange an ihm reiben.

Sehen Sie hier eine Liste der wichtigsten Stationen im Leben von Helmut Kohl.

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