Lärm "wie bei einem Bayern-Derby"

Moderatoren sorgen für Chaos beim Public Viewing

München - Nachspiel mit Misstönen: Die Moderatoren haben beim Public Viewing zum Duell Seehofer gegen Ude die Stimmung angeheizt – und damit für Chaos gesorgt.

Es waren Werte wie bei guten „Tatort“-Folgen. Zehn Millionen Zuschauer des Duells zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) allein im Ersten ließen Anfang der Woche die Senderverantwortlichen jubeln – Kritik an der Konstellation „Vier Moderatoren gegen zwei Kandidaten“ wog da gleich nur noch halb so schwer. Dass die Kombination „Ein Moderator und zwei Kandidaten“ nicht automatisch zu Rekordquoten führt, musste gestern der Bayerische Rundfunk (BR) zur Kenntnis nehmen. In Bayern verfolgten 730 000 Menschen das Fernsehduell zwischen Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und seinem SPD-Herausforderer Christian Ude, entsprechend einem Marktanteil von 18,3 Prozent, bundesweit waren es nach Angaben des Münchner Senders 970 000 Zuschauer.

Damit übertraf man zwar das Ergebnis von vor fünf Jahren – das Streitgespräch zwischen dem damaligen Landesvater Günther Beckstein und SPD-Kandidat Franz Maget sahen 650 000 Menschen –, in die Hitparade der meistgesehenen Sendungen ging das Duell jedoch nicht ein. Das Politikerderblecken auf dem Nockherberg beispielsweise, bei dem es sich allerdings um eine reine Unterhaltungssendung handelt, ließ heuer mit 1,63 Millionen mehr als doppelt so viele Bayern das Bayerische Fernsehen einschalten.

Beim BR äußerte man sich gestern dennoch hochzufrieden über das Ergebnis. Die Zuschauerresonanz zeige „das große Interesse der Menschen nicht nur an Personen, sondern auch an politischen Inhalten“, so Moderator Sigmund Gottlieb, zugleich Chefredakteur des BR. Das Duell habe „den Beweis geliefert, dass das Gerede von der Politikverdrossenheit und Politikmüdigkeit der Bürgerinnen und Bürger einfach nicht stimmt und dass junge Menschen durch spannende Angebote für Politik interessiert werden können“.

Wie der 61-Jährige die dem Duell folgende Sendung „Das sagen die Bayern!“ aus Nürnberg beurteilt hat, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor. Der BR vermeldet zwar 640 000 Zuschauer und spricht von einem Erfolg, wer am Mittwochabend zusah, musste jedoch feststellen, dass die Moderatoren, Ursula Heller und Richard Gutjahr, größte Mühe hatten, das in zwei Lager gespaltene, jeweils für Seehofer oder für Ude jubelnde Publikum unter Kontrolle zu bekommen.

Prompt beschied SPD-Ex-Politikerin Renate Schmidt, als sie von Heller um ihr Urteil zum Streitgespräch gebeten wurde, sie habe nicht alles verstanden, „weil der Lärm sehr groß war“. Auch Ex-„Bayernkurier“-Chefredakteur Wilfried Scharnagl beklagte sich, er habe „wegen des von Ihnen und Ihrem Kollegen geforderten Johlens“ den Wortwechsel „zum großen Teil nicht hören“ können. Zuvor hatte Hellers Kollege Richard Gutjahr dem Fernsehpublikum begeistert mitgeteilt, die Stimmung sei „wie bei einem Bayernderby“.

Spontane Publikumsreaktionen seien bei einem Public Viewing nichts Außergewöhnliches, erklärte BR-Sprecher Christian Nitsche dazu gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Die Atmosphäre habe die Bedeutung des Wahlkampftermins widergespiegelt. Der Sender habe lediglich „die Emotion vor Ort transportiert“.

Kein Problem also, dass auch einmal wichtige Dialoge im allgemeinen Lärm untergehen. Das soll ja sogar schon beim „Tatort“ vorgekommen sein, der von wesentlich mehr Zuschauern gesehen wird.

Rudolf Ogiermann

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