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Natascha Kohnen, SPD-Chefin in Bayern und Fan von Martin Schulz.

Nach Umfragetief der SPD

Natascha Kohnen im Interview: „Stimmung wird sich drehen“

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Umfragetief für die SPD nach dem großen Schulz-Hype. Im Interview verrät Landesvorsitzende Natascha Kohnen, wie die SPD das Rennen in der Bundestagswahl trotzdem gewinnen will. 

München - Jetzt oder nie: Wenn schon Kanzlerkandidat Martin Schulz schwächelt, muss die SPD wenigstens mit einem starken Wahlprogramm punkten, um doch noch die Chancen bei der Bundestagswahl zu haben. Ein Gespräch mit SPD-Landeschefin Natascha Kohnen über Sigmar Gabriels plötzliche Beliebtheit – und wie die SPD gewinnen will.

Sigmar Gabriel hat den Parteivorsitz abgegeben und ist auf einmal richtig beliebt, beliebter als Martin Schulz. Hat die SPD den falschen Kanzlerkandidaten?

Natascha Kohnen: Es ist deutlich einfacher, als Außenminister zu punkten. Sigmar Gabriel hat einen spannenden Job, er kommt viel rum. Martin Schulz muss dagegen als Bundes-SPD-Vorsitzender viele Kompromisse schließen. Aber grundsätzlich halte ich von solchen Umfragen nicht viel. Beide sind Top-Politiker – und Martin Schulz ist unser richtiger Kandidat.

Sie waren von Anfang an Fan von Schulz...

Kohnen: Wir verstehen uns sehr, sehr gut. Wenn er Politik macht, erzählt er Geschichten, die er selbst erlebt hat, ist anständig und verstellt sich nicht. Das sehe nicht nur ich so, das merken auch die Leute.

Gabriel setzt als Außenminister auf öffentliche Kritik statt auf stille Diplomatie. Überdreht er?

Kohnen: Wer Sigmar Gabriel kennt, weiß: Er ist ein Mann mit klarer Kante und kernigen Sprüchen. Ich finde besser, er bleibt so, als sich zu verstellen.

Beim Parteitag hat Gabriel die Rolle des Zuschauers. Kann er stillhalten?

Kohnen: Warum soll er stillhalten? Das muss keiner in der SPD, wir sind eine lebendige Partei.

Nicht, dass er Martin Schulz die Show stiehlt.

Kohnen: Das glaube ich nicht, die zwei sind ja befreundet. Sigmar Gabriel kennt seine Rolle, genauso wie Martin Schulz. Während der nordrhein-westfälischen Landtagswahl nahm sich Martin Schulz sehr zurück. Er hat selbst festgestellt, dass er hätte durchziehen müssen. Seit der Vorstellung des Steuerkonzepts gibt er wieder Vollgas. Die Stimmung bis zur Wahl wird sich drehen, denn CDU und CSU fehlen die Antworten. Merkel glaubt, sie kann weiter alles aussitzen. Das funktioniert nicht.

Sie hoffen also auf einen plötzlichen Schwächeanfall der Union?

Kohnen: Nein, es liegt an uns, indem wir Inhalte setzen. Denn das macht die Union gewissermaßen sprachlos. Wir fordern mehr Gerechtigkeit, etwa der Entlastung von mittleren und unteren Einkommen. Reiche müssen einen größeren Beitrag leisten, um die Gerechtigkeitslücke zu schließen. In der großen Koalition war die Union dazu leider nicht bereit. Deswegen brauchen wir den Wechsel.

Reicht das als Thema?

Kohnen: Ich erwarte vom Parteitag am Sonntag insgesamt eine gute Debatte. Ja, für uns als Bayern-SPD ist die Steuerthematik hoch interessant. Aber wir sind auch sehr stark beim Thema bezahlbares Wohnen. Das wird ein wesentliche Thema der Zukunft. Und auch aufs Thema Rente möchten wir schauen.

Wenns für den Wahlsieg reicht: Lieber eine Ampel oder Rot-Rot-Grün?

Kohnen: Möglichst viel SPD, dann wird man sehen, mit wem wir die meisten Überschneidungen haben.

Interview: Sebastian Dorn

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