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Strahlende Siegerin: Natascha Kohnen auf der Bühne des Oberanger-Theaters.

Mitgliederbefragung bei der Bayern-SPD

Natascha Kohnen: Triumph nach hartem Kampf

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Die Basis der Bayern-SPD hat gesprochen: Bei der Mitgliederbefragung um den Landesvorsitz stimmen mehr als die Hälfte für Generalsekretärin Natascha Kohnen. Für sie dürfte nun die eigentliche Arbeit beginnen.

München – Man könnte diesen Moment üppiger inszenieren, mit schickem Auto vorfahren, einen flotten Spruch auf den Lippen. Natascha Kohnen schlendert gestern um Viertel vor zwei fast unbemerkt auf die SPD-Zentrale am Münchner Oberanger zu. Erst kurz vor Schluss drehen sich die Kameras zu ihr. Schlichtes Sakko, die Umhängetasche über der Schulter, verlegenes Lächeln: „Ich bin schon aufgeregt, ich geb’s zu“, sagt die Generalsekretärin der Bayern-SPD und verschwindet im Oberanger-Theater.

Die Anspannung fällt eine halbe Stunde später ab. Auf der Bühne wird das Ergebnis verkündet: 53,8 Prozent der Parteimitglieder haben für Kohnen als neue Landesvorsitzende gestimmt. Jubel im Saal. Ihre fünf Konkurrenten liegen weit dahinter. 19,8 Prozent für den Landtagsabgeordneten Florian von Brunn, 9,4 Prozent für den Bundestagsabgeordneten Klaus Barthel. Dahinter die drei Basis-Kandidaten Uli Aschenbrenner (7,5), Markus Käser (6,5) und Gregor Tschung (1). Es ist ein Triumph der Favoritin. Einer, der zuletzt nicht mehr selbstverständlich schien.

Anfang Februar hatte Landeschef Florian Pronold seinen Rückzug bekannt gegeben – und Kohnen gleich als seine Nachfolgerin empfohlen. Pronolds zahlreiche Kritiker protestierten: Kohnen stehe nicht für Aufbruch, sondern für „Weiter so“. Die Basis fühlte sich übergangen. Kohnens Ausweg: eine Mitgliederbefragung. Es lag wohl auch am damaligen Hype um den neuen SPD-Spitzenmann Martin Schulz, dass sich für den Vorsitz der gebeutelten Landespartei gleich sechs Kandidaten bewarben. Bei Regionalkonferenzen stellten sie sich vor, debattierten.

Abseits der Foren gab es harte Attacken. Die Basis-Kandidaten drohten mit rechtlichen Schritten, weil Pronold sich weiter für Kohnen aussprach. Von Brunn wetterte gegen die Parteizentrale, weil die – wie eh und je – die Termine der Generalsekretärin veröffentlichte. Ein Hauen und Stechen.

Das Oberanger-Theater, wo die Stimmen ausgezählt werden, gleicht am Freitag einem Hochsicherheitstrakt. Ein Sicherheitsdienst schirmt Unbefugte ab. Drinnen zählen 100 Mitglieder an 34 Tischen in zusammengelosten Zweierteams aus. Kisten mit Stimmzetteln werden wie sensible Laborproben durch die Räume getragen.

Als die Zahlen endlich raus sind, strahlt Kohnen. „Krass, dieses Ergebnis. Ich freue mich wahnsinnig!“ Dann ist schon der stellvertretende SPD-Bundeschef, Thorsten Schäfer-Gümbel, am Handy: „Jetzt rocken wir die Partei“, ruft der Hesse in den Hörer. Auf der Internetplattform Twitter hagelt es Glückwünsche. „Auf geht’s!“, jubelt die Generalsekretärin der Bundespartei, Katarina Barley. In Berlin ist man erleichtert. Kohnen gilt als Vertraute von Schulz. Ihre Demontage wäre ein weiteres Indiz für den Popularitätsverlust des Spitzenmannes gewesen.

Noch ist sie nicht Vorsitzende. Die eigentliche Wahl treffen die Delegierten auf dem Landesparteitag in Schweinfurt am 20. und 21. Mai, zu dem auch Schulz kommt. Wäre sie nicht über die 50 Prozent gekommen, hätte es dort wohl eine Kampfkandidatur gegeben. Nun dürfte es deutlich ruhiger ablaufen. Ihre Konkurrenten schalten auf Versöhnung. „Ich werde sie jetzt voll unterstützen“, beteuert von Brunn. „Es geht um den Erfolg der Bayern-SPD.“ Ob Kohnen damit auch den ersten Zugriff auf die Spitzenkandidatur für die Landtagswahl 2018 habe? Das werde die Partei nach der Bundestagswahl entscheiden, sagt er. „Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: ja.“

Aber nun erst mal der Parteitag. Ihre Rede werde „sehr politisch, aber auch sehr persönlich sein“, kündigt Kohnen an. Auf jeden Fall wird sie sich um kräftig Emotion bemühen: „Die Menschen müssen wissen, was die SPD ist und fühlen, was die SPD ist.“ Die eigentliche Arbeit dürfte damit erst beginnen.

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