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88 Prozent und sehr erleichtert: Natascha Kohnen.

Führungswechsel in der Opposition

Natascha Kohnen: Das will die neue SPD-Chefin in Bayern

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Führungswechsel in der Opposition: Natascha Kohnen übernimmt die SPD-Spitze in Bayern. Ihre ersten Aufgabe: Sie will den Parteifreunden beibringen, hemmungslos gut übereinander zu reden – und über Bayern.

Schweinfurt – Als gerade die Stimmen ausgezählt werden, kommt ein Delegierter auf Natascha Kohnen zu und drückt ihr ein, nun ja, mäßig attraktives Viech in den Arm. Ein dicker Eber aus Stoff, mit Borsten und dicken Hauern, sie lacht: „Das ist ein Zeichen des Glücks.“ Sekunden später ist klar: Unbegrenzt Glück bringt das Plüschtier nicht, aber zum Ausheulen wird es vorerst nicht gebraucht.

Mit 88,3 Prozent wählen die SPD-Delegierten die junge Landtagsabgeordnete zur Vorsitzenden. Das sind nicht die heimlich erhofften 90+X, aber ist ein ehrliches Ergebnis am Ende des Sechskampf um die Parteispitze. Aus der Urwahl ging Kohnen mit 54 Prozent als klare Siegerin hervor, beim Parteitag in Schweinfurt steht keiner gegen sie auf.

Kohnen will nun in Bayerns größter Oppositionspartei mehr ändern als nur Strukturen, macht sie in ihrer ersten Rede deutlich: Sie will ans Denken ran. Ernst und angespannt steht sie kerzengerade am roten Pult. Sie hat lang an der Rede gefeilt, will die Emotionen nicht vernuscheln und verräuspern. Es gelingt ihr zunehmend. Mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zu Bayern („Ich liebe dieses Land so sehr“) überrascht sie den Parteitag. Doch erst mit ihrem Rat, zu einer neuen Sprache in der SPD zu finden, begeistert sie ihn. „Lasst uns so reden, dass uns jeder versteht“, ruft sie. „Entgeltgesetz, Erwerbsminderungsrente, Systemrelevanz? Geht mal da raus und fragt irgendwen, ob er diese Worte versteht!“ Sie endet nach nur wenigen Minuten mit der Ansage: „Wir wollen in Bayern regieren.“ Machtanspruch, Klarheit, positive Leidenschaft: Das sind Kohnens Kernbotschaften.

Es ist ja kein leichter Wahlparteitag für die Genossen, die sich zu diesem Anlass in Vorjahren gern in Worten und Kampfkandidaturen selbst geißelten. Nun gelingt der Führungswechsel aufrecht. Der scheidende Landeschef Florian Pronold wollte Kohnen als Nachfolgerin, richtet in seiner Abschiedsrede eine kleine Liebeserklärung an sie: „Charisma wie keine andere, Gefühl für die Menschen.“

Seinen Abgang nach acht Jahren begeht Pronold leise, mit Licht, Schatten und wenig Larmoyanz. „Wir sind nicht so weit, wie ich es gern hätte“, räumt er ein. In Bayern müsse man gegen die fünfmal vermögendere Bundespartei CSU antreten und treffe auf „politische Gegner in einigen Redaktionen“. Aber: „Ich darf den Laden in besserem Zustand übergeben, als ich ihn übernommen habe.“

An die eigene Partei richtet er die Mahnung, geschlossener vorzugehen. Sich nicht zu verzetteln in internen Kämpfen „Volksfront von Judäa gegen Judäische Volksfront“. Das „Wir“ müsse größer sein als das „Ich“. Das gibt kurzen, kräftigen Beifall, heilsam nach dem ebenfalls nicht blütensauberen internen Wettlauf um Pronolds Nachfolge.

Dass die Mahnung nötig ist, lässt sich an Details dieses Parteitags ablesen. Einer fehlt zum Beispiel: Ewald Schurer, frisch als Oberbayern-Chef gestürzt und nicht mehr als Parteivize vorgeschlagen, bleibt fern. In Schweinfurt sorgt das für Unmut. Schurer teilt per SMS mit, er sei eben nicht mehr Delegierter.

Bayern-SPD: Diese Probleme muss Natascha Kohnen lösen

Auf Kohnen lastet nun die Führung der Partei, die eine Reihe Probleme mit sich schleppt. Die Kasse ist von der über 100 000 Euro teuren Urwahl angekratzt. Die Parteispenden-Affäre in Regensburg könnte Rück- und Strafzahlungen mit sich bringen, die SPD-Spitze will dafür Oberbürgermeister Wolbergs in Haftung nehmen. Und: Die Gesamtpartei überaltert, „wir sterben aus“, warnt die Kontrollkommission drastisch.

Immerhin kann die 49-Jährige die junge Führungsmannschaft, die sie wollte, durchsetzen. Als Vizes werden Martin Burkert (52), Mariette Eder (39) und die Bundes-Juso-Chefin Johanna Uekermann (29) gewählt. Ihr Generalsekretär Uli Grötsch (41) erhält 92 Prozent. „Ja, ich will mich zerreißen für die Bayern-SPD“, verspricht er.

Ebenfalls ein gutes Zeichen für Kohnen: Ihr gefährlichster Gegenkandidat bei der Urwahl, der Landtagsabgeordnete Florian von Brunn, stichelt nicht. Er sitzt in Reihe vier, klatscht auch, wenn keine Kamera auf ihn gerichtet ist. Und geht nach der Wahl auf Kohnen zu, gratuliert. Nicht mit Stofftier, aber mit einem Klaps auf die Schulter.

cd

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