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Nato-Beitrittsantrag: Finnlands Vorbild ist Norwegen - „Neue Rhetorik von Putin“

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Von: Marc Beyer

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Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Finnlands Entscheidung, der Nato beizutreten, das Kräfteverhältnis zu Russland verändern wird.

Brüssel – Finnen vergessen nicht so schnell. Die zwei Kriege, die das Land vor über 80 Jahren mit der Sowjetunion führte, sind noch heute Teil des kollektiven Gedächtnisses. Im Norden Europas hat man nie aufgehört, misstrauisch nach Osten zu blicken. „Wir haben immer mit allem gerechnet“, sagt die Europaabgeordnete Henna Virkkunen. Während die Finnen, bis 1917 selbst Teil des Zarenreichs, international stets als neutral wahrgenommen wurden, verloren sie deshalb die Stärkung des Militärs, die Wehrhaftigkeit der Bürger, aber auch die geografischen Risiken nie aus den Augen. Noch heute ist Finnland nicht nur das Land der 1000 Seen, sondern auch der Tausende von Bunkern.

Streng genommen ist die Neutralität seit den 90ern ebenso Geschichte wie die Sowjetunion. Mit dem Eintritt in die EU orientierte sich Helsinki auch sicherheitspolitisch nach Westen. Doch erst jetzt, da Russland einen anderen Nachbarn angreift, bekennt sich das Land mit derselben Deutlichkeit zur Nato, mit der es eine Mitgliedschaft zuvor immer abgelehnt hat.

Finnland vor Nato-Beitritt: Beklemmendes Gefühl ist Befreiung gewichen

Das beklemmende Gefühl, den Riesen zu provozieren, ist einer regelrechten Befreiung gewichen. 188:8 betrug das Stimmenverhältnis im Parlament. Der Ukraine-Krieg ist für die Finnen letzter Beleg, dass es keine ultimative Sicherheit in der Nachbarschaft eines Landes gibt, das Regeln wie selbstverständlich bricht.

Meldungen wie zuletzt, als russische Jets in den Luftraum Dänemarks und Schwedens eindrangen, kennen die Finnen seit Jahrzehnten. „Sie fordern uns regelmäßig heraus“, sagt Virkkunen. Lange hat das Land die Grenzüberschreitungen still erduldet, erst nach der Jahrtausendwende begann man, Zwischenfälle öffentlich zu machen. Auch deshalb wissen die Leute nur zu gut, was es heißt, Russland zum Nachbarn zu haben.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg präsentiert die Dokumenten mit den Beitritts-Anträgen von Schweden und Finnland.
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg präsentiert die Dokumenten mit den Beitritts-Anträgen von Schweden und Finnland. © JOHANNA GERON/AFP

Nato-Beitritt: Finnland nimmt sich Norwegen als Vorbild - zurückhaltende Signale aus Moskau

Als Vorbild für die künftigen Beziehungen dient vielen Finnen Norwegen. Nach Ende des Kalten Krieges baute Oslo zwar bei Energie, Fischerei oder Umweltthemen eine Partnerschaft mit Russland auf und hielt sogar gemeinsame Manöver ab. Gleichzeitig wahrte man entschiedene Distanz und betonte die eigene Stärke. Norwegen ist Gründungsmitglied der Nato, stellt heute mit Jens Stoltenberg den Generalsekretär und richtete erst neulich das Manöver „Cold Response“ mit 30 000 Soldaten aus 27 Ländern aus.

Auch Norwegen ist Russlands Nachbar, doch die Grenze, hoch im Norden jenseits des Polarkreises, ist nur 200 Kilometer lang. Die zwischen Finnland und Russland beträgt über 1300. Das Selbstbewusstsein der Finnen und die offenen Arme der Nato zeigen aber bereits Wirkung. Aus dem Kreml kamen zuletzt ungewöhnlich zurückhaltende Signale. Ein Beitritt Finnlands, aber auch Schwedens sei „kein Problem“.

Nato-Erweiterung in Skandinavien zeigt Wirkung: „Es ist eine neue Rhetorik von Putin“

„Es ist eine neue Rhetorik von Putin“, hat Virkkunen festgestellt. „Er versucht jetzt, als Narrativ zu verbreiten, dass es gar nicht darauf ankommt.“ Ihm bleibt kaum etwas anderes übrig. Mit jedem Tag zeichnet sich deutlicher ab, wie Moskau in Finnland an Einfluss verliert. Die jüngsten Strafmaßnahmen verpufften dann auch schnell. Weder der Stopp der Stromlieferungen noch das Aus für die Gasversorgung sorgten für Unruhe. Mit zehn bzw. acht Prozent des nationalen Bedarfs hatte man die Abhängigkeit bewusst niedrig gehalten.

Im nächsten Jahr wird in Finnland ein neues Parlament gewählt, auch da könnte das Verhältnis zu Russland eine Rolle spielen. Virkkunens konservative Kokoomus-Partei hat sich mehr als 15 Jahre vergeblich für einen Nato-Beitritt eingesetzt. Sie war die einzige politische Kraft, die auf Distanz zu Moskau setzte. Für die Wahl hofft Kokoomus nun, dass die Finnen auch diesmal ein gutes Gedächtnis haben. (Marc Beyer)

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